Es gibt einen entscheidenden Vorteil am Leben mit Kindern gegenüber dem ohne. Habe ich bislang gedacht. Nein, es sind nicht die Urlaube in Dänemark und auf Mallorca statt der Wanderungen im Himalaja oder des Segelurlaubs in der Karibik, die man sonst machen würde. Es ist viel besser: Man bleibt durch sie jung. Im Kopf und im Herzen. Man weiß immer, was angesagt ist.

Looms sind bei Erstklässlern zum Beispiel gerade wieder im Kommen. Das ist eine Art Fingerstricken mit kleinen Gummibändern, nur dass dabei keine Schals oder Topflappen entstehen, sondern meterlange Ketten, die überall herumliegen und vom Hund zerkaut werden. Man weiß, dass Hausaufgaben mit dreistöckiger Glitzerfedertasche und Filzstiften viel mehr Spaß machen als mit Klappfedertasche.

Man erkennt die Einhorn-Modewelle schon viele Monate vor Edeka oder Lidl. Man jongliert virtuos mit Begriffen wie „voll cool“, „mega“ und „krass“. Und man weiß sogar, warum kleine, agile Jungs, die eben noch um das Schulgebäude galoppiert sind, plötzlich wochenlang regungslos nebeneinander auf dem roten Samtsofa im Hort hocken und in ein großes Buch starren. Es ist nicht so, wie man vermutet, also dass sie gar nicht erwarten können zu erfahren, wie es im fünften Kapitel von „Seeräuber Moses“ oder bei „Lieselotte findet einen Schatz“ weitergeht. Sie tauschen Sammelkarten mit vermummten Legofiguren aus einer Parallelwelt namens Ninjago. Ausgesprochen wird das Ninja-GO. Betonung auf der letzten Silbe. Wie bei Coffee to go.

Kinder sind seltsam, man kann es nicht oft genug sagen

Die Geschichte von Ninjago ist schnell erzählt. Die Zwillingsbrüder Krux und Arconix sind Elementarmeister der Zeit, aber Wu und Garmadon nahmen ihnen die Elementarkräfte weg und bannten sie in vier Klingen, und nun müssen alle andauernd kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Das ist ja krass blöd, werden Sie jetzt denken. Sie und die eine Kitamutter, die ihren Kindern immer Wattebällchen in die Hand drückt, wenn die doch eigentlich Schießgewehre haben wollen. Und das stimmt zwar, für mich ist es aber vor allem der Beweis, dass ich schon jetzt manchmal nicht mehr verstehe, wovon sie eigentlich sprechen. Kinder sind seltsam, man kann es nicht oft genug sagen. Sie sehen zwar aus wie kleine Miniatur-Wirs, aber das täuscht

Man muss ihnen nur mal eine Weile zusehen. Der Freundin der Sechsjährigen, die zuerst alle Waffeln und dann noch heimlich alle Hundekekse auffuttert. Dem Freund des Vierjährigen, der sich täglich weigert, irgendetwas anderes anzuziehen als sein Spiderman-Kostüm. Der Sechsjährigen, die auf einem bockenden Pony sitzt und hinterher sagt: „Das? Ach das war nicht so schlimm, hab mir einfach vorgestellt, dass ich angeschnallt im Auto sitze.“ Dem Vierjährigen, der gebieterisch nach seinem „Putzhorn“ verlangt. Putzhorn, Putzhorn, fieberhaft dachte ich nach, was er meinen könnte. Er hielt mir eine elektrische Zahnbürste hin: „Das ist natürlich ein Putzhorn!“ Wenn er zum Arzt muss, wird er dort geärztet und seine neue imaginäre Freundin heißt „Igitte“.

Sie werden uns abgehängt haben

Sie alle klicken sich virtuos durch Maus-Apps und finden auf Anhieb „Shaun das Schaf“ bei Netflix auf dem iPad. Bald werden sie Websites programmieren. Und wir werden von den Zeiten erzählen, als es nur Radio, Fernsehen und Videorekorder gab. Sie werden uns abgehängt haben. Nur beginnt es vermutlich früher als gedacht.

Aber noch gibt es Hoffnung. „Ich kann nicht in den Schuhladen!“, sagte kürzlich der Vierjährige. Ich: „Natürlich kannst du!“ Vierjähriger: „Nein! Die Schuhverkäuferin will mir einen Zahn ziehen!“ Ich: „So ein Quatsch. Warum sollte sie so was tun?“ Vierjähriger: „Weil sie sich eine Zahnkette machen will!“

Vielleicht sind wir ihnen manchmal ja auch genauso unheimlich wie sie uns. Dann bleiben wir doch noch eine Weile die Bestimmer.

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