Wir sind eine naturverbundene Familie. Der Flug der Vögel, das Blühen und Welken, das ferne Rauschen der Autobahn – überall hält die Natur Zeichen, Symbole und Hinweise bereit, sogar für Stadtmenschen wie mich. Wenn Erziehungsratgeber schon nicht helfen, dann erklärt mir vielleicht die Natur, wie gutes Erziehen geht.
Wir haben eine kleine Holzhütte vor den Toren Berlins gepachtet, um uns gelegentlich die Illusion dieser Natur zu schenken. Der Fuchs hilft dabei. In der Abenddämmerung kommt er zuverlässig angeschlichen, scheu, neugierig, hungrig, frech. Ist er noch ein wildes Tier oder schon handzahm? An manchen Tagen bin ich freundlich und spendiere dem Fuchs ein Stück Grillwurst, denke aber gleichzeitig an die Kritik der Chefin mit: „Nicht anfüttern. Nachher gewöhnt er sich noch daran.“ In diesem Zwiespalt gedeiht mein schizophrenes Verhalten als Erziehungskraft. Erst werfe ich dem Tier ein Stück Wurst hin. Schnappt es das, verscheuche ich es. So geht moderne Pädagogik.
Manchmal will man eben auch Vertrauen aufbauen
Wenn wir Besuch mit kleinen Kindern haben, der in der Zeitung vom gemeingefährlichen Fuchsbandwurm gelesen hat, kreische ich gesundheitsbewusst, wenn der rotfellige Todesbote hinter der Hütte aufkreuzt. Der Fuchs guckt verwirrt und trollt sich.
Manchmal erwacht auch der Forscher in mir. Dann locke ich den Fuchs mit kleinen Schmatz- und Schnalzgeräuschen. Er soll näher kommen. Ich will ihn beobachten, sein Fell, die Augen, die Pfoten. Ich verfolge seine Laufwege und google hinterher noch ein wenig. Manchmal will man eben auch Vertrauen aufbauen.
Und schließlich gibt es Tage, an denen meine Laune mies ist, weil schon wieder Sonntagnachmittag ist und der nächste Elternabend schrecklich nah. Dann brülle ich den Fuchs an, einfach so: „Hau ab!“ Ich mache einen großen, forschen Schritt in seine Richtung, weil eine sinnlose Machtdemonstration manchmal guttut. Der Fuchs guckt irritiert und fragt sich, was denn jetzt schon wieder los sei. Dann tut er so, als fliehe er, weil er mir eine Freude machen will, wartet aber unter einem Busch, in der Hoffnung, doch noch einen Wurstrest zu bekommen, als Wiedergutmachung. Füchse können ein schlechtes Gewissen riechen.
Auch Kinder können ein schlechtes Gewissen riechen
Kinder sind wie Füchse: scheu, neugierig, hungrig, frech. Auch sie können schlechtes Gewissen riechen. Und davon haben wir Väter reichlich. Wir genügen nie, nicht als Vorbild, nicht als Freund, nicht als Erzieher. Immer kommt etwas dazwischen bei unserem felsenfesten Vorhaben, dieses Wochenende endlich die Quality Time zu leben mit entsprechendem pädagogischen Konzept. Wir Erwachsene halten unsere Pubertierenden für launisch. Dabei spiegelt uns der Nachwuchs einfach nur, unsere Stimmungen, Macken, Prägungen, all die wirre Liebe und die pochende Panik, was aus unserem Nachwuchs wohl mal werden wird.
Wir Väter sehnen uns nach Eindeutigkeit, nach Verlässlichkeit und klarer Kante. Dagegen steht ein emotional und ethisch widersprüchliches pädagogisches Sammelsurium, das je nach Laune kompiliert wird. Die Folge: permanentes Zufallsmanagement, die Familie als ewiges Experimentierfeld. Und je älter die Kinder werden, desto deutlicher spüren sie, dass ihre Eltern keinesfalls Felsen in der Brandung sind, sondern Blätter im Wind. Die Kluft zwischen Wollen und Sollen, zwischen Können und Müssen führt zu einer furchtbaren Konstanten meiner Erziehungsarbeit: Stets bleibt dieses nagende Gefühl von Unzulänglichkeit – das Papadox.
Zum Glück ist die Chefin zur Stelle, wenn die Selbstqual wieder übermächtig wird. Sie reicht mir ein Glas Wein und sagt, dass die gute Absicht zähle, das habe schon Immanuel Kant gesagt.
Hajo Schumachers schrecklich lustiges Leben als Vater kommt im April als Buch. Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ..., Eichborn Verlag, 240 Seiten, 16 Euro.

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