Wir sind eine politische Familie. Immer, wenn wir am Sonntagabend zum Essen in der Küche zusammensitzen, dann wird politisiert, manchmal sogar sachlich. Karl, der Große, findet, dass Vorlesungstermine vor dem Mittagessen ein Fall für die UN-Menschenrechtskommission sind. Hans, der Kleine, hat auf dem Schulhof gehört, dass man Taschengeld einklagen kann. Die Chefin sorgt sich wiederum um verkommene Grünanlagen und Feinstaub. Ich dagegen wüsste gern die Brüsseler Reisekostenregeln auf Freiberufler ausgeweitet.
Ich sage das ungern, aber Donald Trump hat das Niveau unserer Abendbrotsdebatten deutlich erhöht. Zum Beispiel Europa. Bislang setzten die Chefin und ich zu jeder ESC-Übertragung unser Eurovisionsgesicht auf, schwärmten von den vielen Jahren ohne Krieg und dem grenzenlosen Reisen, doch die Jungs fielen umgehend ins Wachkoma. Dieses Europa war für unsere Kinder nicht mehr als ein abstrakter elterlicher Pathos-Reflex, ein Geisterland ohne Anführer. Was soll schon besonders am Euro sein; die Jungs kennen gar keine andere Währung.
Die Trump-Therapie geht weiter
Seit Trump ist alles anders: Auf Schulhof und Uni-Campus scheint sich herumgesprochen zu haben, dass die transatlantische Stimmung sich eintrübt. Wenn Europa von Putin, Erdogan und jetzt noch dem US-Präsidenten gehasst wird, dann muss ja doch wohl was dran sein. Und was ist, wenn der große Bruder sich verabschiedet? Hans (11) bebt. Erschütternde Vorstellung, in der Schule nicht mehr mit seinem Karl (22) drohen zu können. „Du fühlst Dich wie Europa“, erkläre ich. Und das Kind hat mehr über Politik begriffen als in den ersten elf Lebensjahren.
Und die Trump-Therapie geht weiter. Kaum dampfte die Bolognese auf dem Tisch, hoben die Kinder an, über pädagogische Missstände zu klagen. Doch ich fuhr den Zeigefinger aus. „Fake News“, grollte ich, „du bist nicht dran.“ Die Söhne zuckten und schwiegen. Dieser Ton war im familiären Sicherheitsrat bislang unüblich. Mir dagegen gefiel die ungewohnte Chefrolle. War ja nicht alles schlecht im Patriarchat.
Nächste Lektion: das Dekret. Ab sofort, verkündete ich mit diabolischem Bannon-Blick, sei Schluss mit dem Mitspracherecht für Kinder. Die Eltern allein würden künftig alles entscheiden, also eigentlich nur der Vater, wollte ich anmerken, was ich aber aus Angst vor der Chefin unterließ. Mona ist mächtiger als Melania und Ivanka zusammen. „Aber das geht vor Gericht nie durch“, entgegnete Karl, „in den USA hat doch dieser Richter ...“ Genau, mein Sohn, und schon sind wir beim Thema Gewaltenteilung.
Fakten und Zufälle
Jahrelang hatten deutsche Schüler eher lustlos den Dreiklang „Exekutive, Legislative, Jurisdiktion“ aufgesagt, ohne genau zu kapieren, was es damit auf sich hat. Dank Trump bekommen diese geheimnisvollen Begriffe plötzlich einen Sinn. Ich krähte vorsorglich ein weiteres aufgekratztes „Fake News“, weil das bei Kindern nie falsch ist.
Karl kratzte sich ausgiebig. Dachte der Junge etwa nach? „Wir orientieren uns also ab sofort nur noch an Fakten?“, fragte unser Sohn mit mühsam unterdrückter Heimtücke im Unterton. „So wie immer“, antwortete ich leichtfertig. Fehler. „Und was sind die Fakten aus Euren Erziehungsbüchern?“, fragte das bösartige Kind. Na ja, grübelte ich, mal zart, mal hart, mal Herzenswärme, mal militärische Strenge. „Das ist nicht fakten-, sondern zufallsbasiert“, sagt der Sohn altklug. Wir hätten ihn doch nicht zur Universität schicken sollen. „Ihr erzieht nicht nach Fakten, sondern nach euren Launen.“
Nun, das klang zwar gemein, aber nicht ganz unzutreffend. „Und eure Ernährungsfimmel erst“, setzte das Kind nach, „erst Fett, dann Kohlenhydrate, bald Zucker. Und überall Tofu und Soja. Mal sehen, wann Wasser an der Reihe ist.“ Hans nickte. Der Junge hatte leider recht. Die Chefin hatte den Tisch längst verlassen, wahrscheinlich googelte sie nach Kinderheimen im Bayerischen Wald, wo man die Jungs unterbringen könnte. Dennoch ein herzlicher Dank nach Washington: Seit Trump kommen wieder die wesentlichen Themen auf den Tisch.


