Wir sind eine offene Familie. Geheimnisse gibt es nicht, außer vielleicht nach mündlichen Prüfungen bei Hans, bei Naturkosmetik aus dem Internet oder beim Preis für lebenswichtige Sport-Accessoires. Bliebe Karl. Unser Großer war den Winter über verdächtig oft verschwunden. Wohin? Ob er heimlich für die Uni lernte? Polyamore Experimente? Nächte an der Tanke? „Jammen“, erklärte Karl auf meine Nachfrage, die beiläufig klingen sollte.
Aha. Musik also. Wir waren angetan. Nach Jahren der Instrumentenabstinenz hatte der Junge sein Schlagzeug aus dem Keller und vom Staub befreit und ans andere Ende der Stadt geschafft. Aber warum klingen „Jammen“ und „Üben“ so unterschiedlich für mich? Ein Kind, das auf seinem Instrument übt, ist artig, wohlerzogen. Ein Kind, das jammt, ist vielleicht eine Spur weniger vorzeigbar, aber es klingt cooler, ein wenig nach Kurt Cobain und Jim Morrison, was bei der Chefin gut ankommt. „Üben schadet auch nicht“, murmele ich leise, weil ich ein alter Spießer bin, und daran denke, was sich im Lebenslauf für den globalisierten Arbeitsmarkt besser macht.
Mein Kind, ein Rockstar- ich fiel innerlich auf die Knie
Eines Tages raunte Karl, dass er mit seiner Band demnächst auftrete. Ich fiel innerlich auf die Knie. Mein Kind, ein Rockstar. Groupies, Millionen, zertrümmerte Hotelzimmer – ein Leben, von dem ich immer geträumt hatte. Ich würde Manager werden oder wenigstens den Tourbus fahren. „Was ziehe ich nur an?“, jammerte die Chefin. Ich könnte ihr ein Karohemd leihen. Ein Konzert, wie aufregend. Ob noch andere Menschen kommen? Vor allem: andere Eltern? Hans freute sich auch. Er findet, dass man mit fast zwölf Jahren ins Nachtleben der Großstadt eingetaucht sein sollte. Karl lieh sich unser Auto, um Gerätschaften durch die Stadt zu fahren. Die Vorstufe vom Tourbus.
Am Premierenabend war ich ein wenig nervös, weil unser Sohn uns im Unklaren gelassen hatte, wann die Show beginnt. „So gegen sieben“, hieß es, es könne aber auch acht werden. Gut so. Kunst = Chaos.
Dealer, Taschendiebe und Touristen empfingen uns
Wir fuhren mit der U-Bahn zu Berlins verrufenster Station. Dealer, Taschendiebe und Touristen empfingen uns. Hier werden am ersten Tag im Mai die bekannten Kreuzberger Festspiele aufgeführt. Wenige Meter entfernt liegt ein Grillrestaurant, das Wolfram Siebeck mal empfohlen hat. Gegenüber der Veranstaltungsort, eine Galerie. Als wir eintreten, rappt ein Schwede, sehr experimentell. Es klingt, nun ja, abgefahren. Hinten im Raum zeichnet jemand, eine junge Frau bietet Schmuckstücke feil, Architekturfotos auf einer Leinwand. In einer Ecke das bekannte Schlagzeug, aber ohne Musiker.
Der Rapper endet, ein junger Mann trägt Rumi-Gedichte zur Elektro-Geige vor. Junge Menschen lümmeln auf dem Boden, plaudern, stehen auf der Straße. Die Bilder an den Wänden stammen von der Moldawierin, die die Galerie betreibt. Ich fühle mich ebenso hip wie fehl am Platz. Die jungen Menschen gucken nicht überfreundlich, aber auch nicht feindselig. Karl begrüßt uns herzlich. Das Kind schämt sich seiner Eltern nicht. Darauf ein Flaschenbier.
Wer gehen will, der geht, kommt wieder
In elterlicher Unruhe spähen wir nach einem Programm. Gibt es aber nicht. „Wann seid ihr dran?“, frage ich. „Mal sehen“, antwortet Karl. Die Show hier widerspricht allen Ordnungs- und Entertainmentvorstellungen mittelalter Kulturkonsumenten. Und das ist der wahre kulturelle Wert. Hier hat es keiner eilig. Wer gehen will, der geht, kommt wieder, im sicheren Wissen, dass immer was los sein wird. Wenn die richtigen Leute zusammen sind, werden Details nebensächlich. Der Comic-Künstler zeigt seine Arbeiten. Applaus. Endlich trommelt unser Kind. Nach all den Jahren. Cool bleiben, Daddy. Jetzt keine Rührung zeigen. Das Jucken im Augenwinkel kommt bestimmt vom Bierdunst. Diese Kinder werden vielleicht keine Start-ups gründen oder als Unternehmensberater arbeiten. Dafür machen sie ihr Ding. Hätten wir früher vielleicht auch öfter machen sollen.


