Wir sind eine pflichtbewusste Familie. Deswegen gehen wir zum Elternabend, meistens jedenfalls. Ob es mit Psychosomatik zu tun hat, dass ich Stunden vorher grauslige Migräneschübe bekomme? Die Chefin wiederum hat ausgerechnet immer am Elternabend eine alternativlose Deadline.

Hans findet Elternabende blöd, weil da seine sorgsam aufgebauten Legenden vom Musterschüler zum Einsturz gebracht werden. Elternabende sind wie Prostatavorsorge – kein reines Vergnügen, aber dann und wann doch mal angezeigt. Ich schlage vor zu losen. In Schnick, Schnack, Schnuck gewinne ich häufig, weil Mona immer Schere nimmt. Klassische Alt-Feministin. Doch diesmal winkt sie ab; sie sei die letzten drei Mal gewesen.

Kein Entkommen. Ich verfluche unsere gedankenlose Zeugungsstrategie: Warum um Himmels willen haben wir uns elf Jahre Zeit gelassen zwischen den beiden Bengeln? Klar, es dauert eine Weile, bis man den Schock vom ersten Kind so weit verdaut hat, dass ein zweites nicht mehr völlig ausgeschlossen scheint. Der Denkfehler dabei: Anders als Serienzeuger, die maximal zwei Jahre Abstand lassen und den ganzen Schulkram in einem Schwung erledigen, vertrödeln wir Gelegenheitszeuger über ein Vierteljahrhundert mit Elternabenden.

Lieber drei Beerdigungen als ein Elternabend

Dort wird seit jeher heftig helikoptert, immer geht es um dieselben Belanglosigkeiten. Am Ende gilt immer Darwin: Die Guten kommen durch, egal, welchem Irrglauben die Bildungspolitik gerade anhängt. Hier bitte ein Zwischenapplaus für die Lehrer, die der sinnfreien Selbstversicherung stoisch beiwohnen. Es gilt: Lieber drei Beerdigungen als ein Elternabend.

Immerhin brachten all die Jahre in engen Bänken ein paar elementare Überlebensregeln. Jeglicher Verstoß wird mit mindestens 30 Minuten Verlängerung bestraft.

Erstens: Platz nah an der Fluchttür wählen, dann Schlüssel von teurem Auto auf die Bank klimpern lassen. Hier reden zwar alle von Bildung, aber am Ende funktionieren doch alle altdeutsch und halten den PS-Protz, wenn auch grundlos, für was Besseres. Keine Latein-Eins verströmt so viel Respekt wie Hubraum, selbst in Reformschulen mit hohem Lastenradanteil. Tipp: Anhänger von der Autovermietung vorher entfernen.

Zweitens: Elternabend-Novizen sollten sich darum reißen, Protokoll zu schreiben. Könnte sich auszahlen, wenn’s mit der Versetzung knapp wird. Demonstrativ via Tablet jedes gesprochene Wort aufzeichnen und mit Spracherkennungssoftware aufschreiben lassen. So wird man den Job für den Rest des Lebens gleich wieder los.

Drittens: Weil Elternabende grundsätzlich auf Champions-League-Spieltage fallen, zum Start anmerken, dass in Norwegen keine Konferenz länger als eine Dreiviertelstunde dauert. Stimmt zwar nicht, klingt aber cool.

Viertens: Egal, ob es um Trinken im Unterricht geht oder Smartphones, Sexualkunde oder die Verwüstungen auf der letzten Klassenfahrt – niemals irgendeinen Kommentar abgeben, so lustig oder klug er auch sein mag. Jeder Halbsatz wird eine endlose Serie von Anmerkungen nach sich ziehen. Don’t feed the Trolls.

Fünftens: Display unbedingt mit Anti-Spionage-Folie abkleben. Sollen alle glauben, hier werde eifrig mitgeschrieben, auch wenn Sudoku gespielt oder Champions League geguckt wird.

Sechstens: Deeskalieren. Sobald Miteltern die Stimmen empörungsbereit heben, sofort Sätze wie: „Wir waren doch früher auch nicht besser!“ einflechten oder „Wir hatten Töpfern und Religion als Abiturfächer!“

Siebtens: Niemals über schwere Hausaufgaben klagen. Dann wissen wieder alle, wer vergangene Woche an Mathe gescheitert ist.

Der gesammelte Vater-Irrsinn ist ab April erhältlich: Hajo Schumacher: „Solange Du deine Füße auf meinen Tisch legst“. Eichborn-Verlag, 280 Seiten, 16 Euro.