Mamas & Papas

Von den Freuden eines Outdoor-Wochenendes

Hajo Schumacher soll mit seinen Söhnen Kanu fahren gehen. Das verbindet, hat die Chefin gelesen – auch wenn der Rücken knackt.

Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix

Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix

Foto: Massimo Rodari

Wir sind eine naturverbundene Familie. Wir mögen Tiere, vor allem gegrillt, Pflanzen dagegen dürfen gern eingebuddelt bleiben. Obst ist auch eine feine Sache, wenn es vergoren und gebrannt ist. Die Chefin hat soeben ein Buch über Bäume erworben. Unser fast schönstes Ferienerlebnis war das Picknick auf einem Ameisenhaufen. Wir haben sehr gelacht, als das Brennen nachgelassen hat. Für die Schmerzausdauer war es eben doch hilfreich, dass Hans und Karl sich seit dem Vorschulalter mit Brennnesseln abgehärtet haben. Unsere Naturburschen wissen, dass da draußen, wo die Stadt zu Ende ist, nicht nur Sonnenaufgang und anderer Romantikschnickschnack regieren, sondern Darwin pur. Wir haben sogar ein Taschenmesser mit Datenstick. Werbegeschenk.

Geht noch mehr Naturverbundenheit? Nein, denke ich. Aber ja, entgegnet die Chefin. Sie hat in einer Fachzeitschrift gelesen, dass ein Wochenende in der Natur die emotionalen Bande zwischen Vater und Söhnen lebenslang stabilisiere. Wir sollten gemeinsam Kanu fahren, riet sie, das fördere Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis: Balance halten, gemeinsam vorwärtskommen, alle in einem Boot – es lebe der unterkomplexe Symbolismus. Nebenbei könnte ich mein schlechtes Gewissen für all jene pädagogisch vergeudeten Stunden abarbeiten, als ich mit den Jungs nichts gelernt habe, sie weder kreativ noch emotional anregte, sondern wir einfach nur rumhingen. Damit ist jetzt Schluss. Das Kanu ruft.

Vorsichtshalber gehe ich in den Keller und untersuche unsere Campingausrüstung, die ich als komplett und unverwüstlich in Erinnerung habe. Mir bröckelt ein halbes Zelt entgegen. Immerhin: Aus den Schlafsäcken rieselt kein Mäusekot, nur ein paar tote Insekten, beim Kochset fehlt der Anfasser. Hilft nichts, wir müssen ins Spezialgeschäft, wo Menschen in atmungsaktiven Karohemden neben ihren Erfahrungsberichten von der Kap-Hoorn-Umpaddlung teuren Plastikklimbim verkaufen.

Outdoorausrüster sind ganzjährige Karnevalsbedarfsgeschäfte für Stadtmenschen. Hier kann der adipöse Bürohengst mit Frischluftallergie in die Rollen seines Lebens schlüpfen: Holzfäller, Wolfsflüsterer oder Goldsucher. Hier findet die schwermütige Lehrerin endlich jenes vierlagige Goretex in Lachs, in dem sie sich bäuchlings mit Mutter Erde verbinden und kleine, ekstatische Landlustschreie ausstoßen kann. Kinder werden je nach Alter und Kulturkreis als Siedler, Angler oder Heidi ausstaffiert. Hans und Karl haben eher Mad Max als Leitbild und suchen nach Armbrust, Drohnen und Torpedos. Es kann nur ein Kanu geben. Meine unromatische Priorität: wasserdicht.

Ich hätte die Jungs nicht mitnehmen sollen. Sie wehren sich gegen die zeitlos schönen Regenpelerinen in Leberwurstfarbe, wollen jeder eine Taschenlampe, lassen sich von Wurfstern und Machete immerhin auf Fahrtenmesser runterhandeln, weil ich lustige Spielereien wie Trockenfleisch, Wasseraufbereitungstabletten und eine Signalpistole drauflege. Gab’s früher in „Yps“ umsonst. Soll ich die Wattstiefel auch noch mitnehmen? Die Dinger wären wasserdicht, würden allerdings im Zelt ein unverwechselbares Aroma entfalten. Seit Robert Redfords Flussfilm hege ich gelegentlich Fliegenfischerfantasien. Leider ist nichts peinlicher, als von seiner eigenen Leine gefesselt in einem Bach zu stehen. Ich verzichte. Ein Kathedralenzelt würde sich gut machen, und auf jeden Fall die selbstaufblasende Bequemmatratze „Sultan“ für den „best-age-camper“. Anderes Wort für Weichei mit Gleitwirbeltendenz. Für die Gesamtinvestition könnten wir eine dreiwöchige Kreuzfahrt machen (Außenkabine!).

Leider kommt der Freitag ohne jeden Zwischenfall. Die Jungs sind topfit, mein Rücken nicht so. Aus lauter Panik vor den Zeltnächten habe ich kaum geschlafen. Die Chefin hat sich schick gemacht und umarmt uns zum Abschied herzenswarm. „Meine Männer“, sagt sie stolz und entschwebt ins Yogawochenende mit ihrer Cabrio-Freundin. Oder umgekehrt. Drei Trottel in albernen Funktionsjacken stehen an der Straße und winken neidisch hinterher. Früher hätte sie sich noch mal umgedreht.

„Auf geht’s, Männer!“, rufe ich und simuliere unbändige Vorfreude. Die Jungs murren. Irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern liegt ein Kanu, auf einem Wasserwanderplatz, wahrscheinlich in Sicht-, Hör- und Riechweite eines Romantikhotels mit Wellness und guter Küche. Bei uns wird es zünftige Dosensuppe geben und nächtelang Familienwärme. Unbezahlbar.