Wir sind eine pazifistische Familie. Gewalt ist allenfalls gegen die Eltern erlaubt oder mit moralischer Legitimation, also Notwehr, Mundraub, Revanche. Im Urlaub haben wir mal einen Parcours für Bogenschützen absolviert; wir hatten Waldtiere aus Styropor zu treffen, bekamen stattdessen aber einen Schnellkurs in Kapitalvernichten. Die teuren Pfeile endeten nicht im Tier, sondern im Wald: Die vier Euro pro Fehlschuss haben wir gern bezahlt, weil unser Kind sein großes Herz zeigte. Später beim Rehgulasch erklärte Hans, dass er es nicht übers Herz gebracht habe, Kitze aus Plastikschaum zu erlegen, nicht mal den Bären. Bei mir war´s eher die Fehlsichtigkeit.
Die Probe für den Alltagspazifismus ist der Kindergeburtstag. Früher fuhr ich mit dem Sohn durch die Waschanlage, was er so lange toll fand, bis er brüllte. Bis zum fünften Lebensjahr ist Zoo-Phase, bis sieben Kino-Besuch, es folgen zwei missratene Kreativ-Workshops, schließlich Kartbahn. Spätestens mit elf finden sie mittelteure Sachen dann uncool.
Früher führten Kindergeburtstage nicht zum Schufa-Eintrag
Zu meiner Zeit führten Kindergeburtstage nicht zum Schufa-Eintrag. Zehn Kinder brachten Geschenke von je fünf Mark, Matchbox und sowas, was 50 Mark Einnahmen fürs Kind ergab, die die Gastgeber in Kuchen, Limo und Maoam fürs Topfschlagen zurückzahlten. Dann begann der Irrsinn mit den Goodie-Bags zum Abschied, bevor die Party-Fullservice-Industrie einstieg. Nun kostet der Spaß so viel wie ein Gebrauchtwagen, vor allem, wenn es sich um Lasertag handelt. Nein, man sollte die Vorlieben von Kindern nicht so ernst nehmen, liebe Ratgeber-Autoren.
Lasertag werde mit einer Art Waffe gespielt, sei aber ungefährlich und lustig, erklärte Karl, unser großer Sohn. Die Chefin holte Expertisen anderer Eltern ein, ich den Kontostand. Fazit: Wir schaffen das, aber nicht zum Topfschlagetarif.
Ich zog mein Peace-T-Shirt an, als stiller Protest gegen bewaffnete Kindergeburtstage, und trug Discounter-Frikadellen samt Ketchup in den ersten Stock einer Neuköllner Industriehalle. Schöner Ausblick auf eine Waschstraße, wo PS-Ungeheuer fürs nächste illegale Rennen poliert wurden. Die Rumsbums-Musik hier oben würde sicher noch runtergeregelt. Die Karte bot Bier, Energydrinks, Cola und sonst nicht viel. Hansens Gäste aus den zuckerfreien Emiraten fassten ihr Glück kaum. Ein umfänglich tätowierter Sympathieträger mit Isaf-Hintergrund wies die Fünftklässler ein: Blinkweste aktivieren, Knarre hoch und rein ins düstere Gotham, wo mit dem Lichtstrahl auf alles geballert wird, was sich unklug bewegt.
Früher hieß so was Egoshooter
Früher hieß so was Egoshooter und war Grund für Schulmassaker. Nun hat das Computerspiel seinen Weg ins Leben gefunden und wird als „Sportunterricht von morgen“ gefeiert. Mein Restgewissen fragte, ob lustvolles Abknallen auf eine Karriere als Drohnensteuerer vorbereite, während die Chefin mich an frühere Cowboyspiele erinnerte, wo stundenlanges Fesseln auch nicht von allen als erotische Spielart bewertet wurde. Die Chefin erlaubte mir, unten in der Waschanlage zu chillen, wo bestimmt genauso viele Knarren am Start waren, aber scharfe.
Drei Euro Staubsaugen später. Die Rumsbums-Musik ist lauter geworden. Bei einer Club-Mate wird gebannt auf den Live-Screen gestarrt, der anzeigt, welcher Ballerknirps in einer Welt ohne Sozialdemokratie überleben würde. Punkte, Pokale, Level in Echtzeit – diese präzise Leistungskontrolle hätte man gern in der Schule. Hans hat sich auf einen soliden siebten Rang gefeuert. Guter Junge. Gegen die Horde entfesselter Mädchen, die in Lara-Croft-Uniformen aufmarschiert sind, haben unsere verzärtelten Knaben natürlich keine Chance.
Zum Abschied erhalten die Kinder ihre eigene Lasertag-Card mit den klassischen Kundenbindungsdrogen. „Coool“, japsen die rotwangigen Jungs. Nachdem die sympathische Center-Kraft mit ihrem naturrosa Haar drei zusätzliche Prozent fürs Kreditkartenbezahlen abgeknöpft hat, drückt sie mir einen Prospekt in die Hand, der dazu einlädt, doch mal auf Kollegen oder Nachbarn zu schießen; Stressabbau und so. Vorerst genügt mir zu wissen, dass die Kinder Stress abgebaut haben.




