Mamas & Papas

Väter und Söhne: Daddy Cool schlägt zurück

Väter haben heute nichts zu sagen, sind aber die besten Freunde ihrer Söhne, sagt Hajo Schumacher.

Eine ganz besondere Beziehung: ein Vater mit seinem Sohn

Eine ganz besondere Beziehung: ein Vater mit seinem Sohn

Foto: picture-alliance / beyond/beyond / picture-alliance / beyond/beyond/beyond/beyond foto

Wir sind eine coole Familie, vor allem ich. Ich trage korrekte Klamotten, Jugendworte wie „krass“ in meinem Wortschatz und wippe, sobald angesagter Hip-Hop läuft, aber cool, nicht dieses seniorenhafte Super-ich-bin-so-stolz-auf-mich-weil-ich-das-Stück-erkannt-habe-Wippen.

In Trendsachen macht mir keiner was vor, da bin ich krass auf Augenhöhe mit dem Nachwuchs. Schon am Morgen. Ich begrüße meine Söhne zum basischen Frühstück artgerecht mit der ausgestreckten Faust und einem dahingeraunten „Yeah, Bro“. Manchmal murmeln die Jungs was zurück, das klingt wie: „Gut, dass uns keiner sieht.“ In der Öffentlichkeit wurde mir diese Begrüßung verboten. Ist ja auch lästig, wenn man den ganzen Tag auf seinen krass coolen Dad angesprochen wird, der in seinen megahammercoolen Kanarienlaufschuhen bro-mäßig daherfedert.

Manchmal jedoch beschleicht mich das Gefühl, dass mir die Jungs nur einen Gefallen tun wollen – wie man das mit Verhaltensauffälligen halt so macht, damit sie nicht weiter rumnerven. Aber ich bin ja nicht verhaltensauffällig, sondern einfach nur krass cool. Früher wollten Väter Bestimmer sein, nicht cool, sondern allmächtig. Heute haben sie nichts zu sagen, sind aber die besten Freunde ihrer Söhne, wobei sie zu fragen vergessen, ob die Buddy-Nummer überhaupt okay sei. Ich muss da nicht groß fragen; die Reaktionen von Klassenkameraden genügen.

Wenn ich mal ein paar von den Bengeln – Yeah, Bro – im Auto mitnehme, kommt meine Paradenummer (Hände vom Lenkrad nehmen, unauffällig mit den Knien steuern) gerade auf der Stadtautobahn immer gut an, vor allem, wenn ich wüste Popmusik aufdrehe, Kajagoogoo und sowas, „Limahl“ brülle und die Klaus-Meine-Faust recke. Hans versucht dann, sich Augen und Ohren gleichzeitig zuzuhalten, was seine Art ist, Begeisterung zu zeigen. Die Klassenkameraden jedenfalls lachen. Also, sie lächeln, fast. In dem Alter sind Emotionen ja nicht so angesagt. Jedenfalls gucken sie nicht böse. Eher etwas fragend. Klar, so einen Spitzen-Entertainer haben nicht alle zu Hause.

Neulich zog mich Karl, der Große, zur Seite, um mir mitzuteilen, dass am Abend Kumpels vorbeikämen, Lerngruppe und so. „Krass“ sagte ich. Ich werde meine Kurzsocken noch etwas weiter in die Laufschuhe zerren, weil das ja jetzt modern ist. Und meine Stretch-Jeans aufkrempeln. „Cool“, sollen die Jungs denken oder besser noch sagen. „Äh, Papa“, druckste Karl. Klang jetzt nicht phatt. „Würde es Dir was ausmachen, einfach…, also, gar nicht so doll begrüßen und so?“ Wie bitte? Will mein eigener Sohn mich etwa verbergen? „Mmh“, antwortete ich, was Karl als Zustimmung interpretierte. Na warte, Freundchen. Daddy Cool schlägt zurück.

Als es klingelte, raste zuerst Hans zu Tür, weil er große Jungs völlig grundlos mehr bewundert als seinen Vater. Ich lauerte im Zwischenzimmer und beobachtete, wie sich die Bengel mit Faustkontakt und leisem „Yeah, Bro“ begrüßten. Ha, doch alles richtig gemacht. Oder sie hatten es bei mir abgeguckt. Wie zufällig schlenderte ich dann herbei. Karls Augen sagten „Au weia“, sein Besuch, zwei angenehme Jungs, die mit ihrem Leben aber auch nicht viel anzufangen wussten, lächelten mir leer entgegen.

Der mental Flinkere von beiden starrte mich an und stammelte: „Krass.“ Zu Recht. Ich hatte mein ältestes Hawaiihemd angelegt, nicht mehr ganz farbstark, aber von einer subtilen Maserung, um die mich selbst Tom Selleck beneiden würde. Weil ich nicht overdressed wirken wollte, hatte ich auf das Stirnband verzichtet. Am Ende des Abends hatte ich zwei neue Bewunderer, die sich sogar ohne Widerworte hatten „Can“ vorspielen lassen. Ich hatte von Woodstock erzählt, ohne je dabei gewesen zu sein, aber umso souveräner ein Luftgitarrensolo aus der Jimi-Hendrix-Klasse hingelegt.

Ein paar Tage später ertappte ich Karl an meinem Kleiderschrank. „Wo ist dieses Blumenhemd?“, fragte er kleinlaut. Ich habe es ihm geliehen. Demnächst wird er auch die Tennissocken haben wollen, die Buttondown-Hemden und die Cowboystiefel. Kluges Aufbewahren ist eine wesentliche Säule der Coolness, Bro.