Mamas & Papas

Wenn kleine Schwindeleien in der Erziehung erlaubt sind

Kindern mit der vollen Wahrheit zu kommen, ist pädagogisch nicht immer der klügste Weg, sagt Sandra Garbers.

Mutter mit ihren Kindern

Mutter mit ihren Kindern

Foto: Oliver Berg / dpa

Ich bin eine Lügnerin. Und ich lüge gern. Meine Kinder dürfen natürlich nicht lügen. Die Fünfjährige lässt sich da sogar schon bei der Ehre packen. Es ist viel mutiger die Wahrheit zu sagen, habe ich ihr erklärt. Sie glaubt es mir.

Und ich lüge weiter. Der Lehrling lernt die Regeln, der Geselle führt sie aus, der Meister bricht sie, lautet ein alter Spruch. Ich bin der Meister.

Ich lüge, wenn ich unförmige Bastelklumpen aus der Kita bekomme („Wunderschön!!! Hast du das etwa ganz alleine gemacht?“), wenn ich Bilder sehe („Ein Einhorn! Hab’ ich sofort erkannt. Da ist das Horn. Ach, das ist die Mähne? Noch viel schöner!“) – und ich lüge, wenn jemand stirbt („Die Oma ist jetzt im Himmel ... Natürlich freut sie sich, wenn wir ihr Schokolade an einen Luftballon binden und zu ihr hochschicken.“).

Ich lüge, wenn ich glaube, dass die Wahrheit das Leben ein wenig schlechter machen würde. Weiße Lügen. Die machen laut Studien Gesellschaften sogar stabiler. Also auch meine kleine Gesellschaft zu Hause.

Das wird mit zunehmendem Alter der zu Belügenden natürlich immer schwieriger, diese kleinen Mini-Sherlocks decken Ungenauigkeiten dann sofort auf: „Aha, aber letzte Woche hast du doch gesagt, dass ...“ Oder: „Wenn Oma doch beerdigt wurde, wie kann sie dann im Himmel sein?“ Aber ich bin gut, ich winde mich da heraus.

In den gerade grassierenden Unsere-Kinder-werden-unweigerlich-zu-Tyrannen-Büchern heißt es immer, man solle die Kinder nicht für alles loben, sondern ihnen ruhig die auch mal deprimierende Wahrheit vermitteln. Okay, dass man sie nicht lobt, wenn sie Karl eins auf die Nase geben, ist klar. Aber wie soll es ansonsten aussehen, dieses Nicht-für-alles-Loben? Vielleicht so: „Das soll ein Einhorn sein? Das sieht ja aus, wie eine Ziege.“ Oder: „Ob das Bild schön ist? Das können wir aber besser, wenn wir Mami eine Freude machen wollen, nicht wahr?“ Oder: „‚Alle meine Entchen‘? Andere Fünfjährige spielen in deinem Alter Chopin. Achthändig!“) Das funktioniert. Die Kinder werden dann bestimmt keine Tyrannen. Sie werden vielleicht einfach nur ein bisschen mutlos, von Selbstzweifeln geplagt, traurig. Also auf jeden Fall besser händelbar als kleine Tyrannen. Darum bleibe ich lieber bei meinen kleinen Lügen und Schwindeleien.

Zu Hause haben wir seit einiger Zeit eine kleine Slapsticknummer einstudiert. Versteck den Haio. Haio ist das Kuscheltier des Dreijährigen, er liebt es über alles. Es ist eine Mischung aus Hase und Hund. Einschlafen ohne diesen Hasenhund ist unmöglich, außerdem wird er gebraucht zur Beruhigung, für Rollenspiele und als Sündenbock. Wer hat die Knete in den Toaster geworfen? Haio! Wenn der Dreijährige Trost braucht, dann kommt ein Ohr von Haio vor die Nase. Und dann nimmt er ein paar tiefe Atemzüge heile Welt.

Was das Kind nicht weiß: Es ist bereits sein dritter Haio. Und was es auch nicht weiß, Haio gibt es nicht im Kaufhaus, sondern er muss für eine absurde Summe aus den USA herüber geschifft werden.

Nachdem Haio Nummer eins verloren ging, haben wir sehr weise gleich zwei neue besorgt. Das läuft eigentlich prima. „Nein, ich hab Haio nicht in der Kita vergessen. Hier ist er doch.“ Im Kopf dann noch schnell die Notiz: „Morgen unbedingt den vergessenen Haio aus Kitafach nehmen, bevor Schwindel auffliegt.“ In letzter Zeit sind wir etwas nachlässiger geworden. Immer mal wieder waren plötzlich zwei Haios da, von denen wir dann blitzschnell einen unters Sofa pfefferten oder in den Küchenschrank mit den Töpfen. Kürzlich haben wir dann ganz versagt: Der Dreijährige kam strahlend mit zwei Haios in der Hand die Treppe herunter. „Da ist noch ein Haio“, rief er so überaus begeistert, als wären Ostern, Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag gefallen. Manchmal kann man sich den ganzen Schwindel eben auch sparen. Aber nur manchmal.