Mamas & Papas

Mein Kind ist ein raffiniertes Biest

Sandra Garbers über den anstrengenden Kampf gegen kindliche Sturheit – und warum Abwarten vielleicht die beste Lösung ist

Foto: CHROMORANGE / Fotodesign Märzing / picture-alliance

Diese Sache mit der Erziehung hätte ich mir einfacher vorgestellt. Doch wie es aussieht, war Kind Nummer eins das unkomplizierte Einsteigermodell, was Trotzanfälle, Supermarktregale ausräumen oder Dinge lachend ins Klo werfen angeht. Und was das Wort „Nein“ betrifft. Der Anderthalbjährige dagegen hält selbst das schärfste „Nein“ – und wir reden hier von einem Gasherd-Nein, einem Steckdosen-Nein – für einen gelungenen Witz. Und für die Aufforderung, es gleich noch mal zu tun. Sein größter Lohn ist es, wenn die Schwester über den Unsinn lacht, dann gluckst es aus diesem kleinen Wesen heraus, die Augen blitzen und es ruft begeistert: „Mehr! Mehr!“

Schauen Sie Ihrem Kind ernst in die Augen, sagen Sie: „Ich will nicht, dass du mir mit dem Kinderbesen auf den Kopf haust/die Zahnbürste deiner Schwester ins Klo wirfst“ – so etwas raten Erziehungsbücher in so einem Fall. Ich versuche es ja, ich verrenke meinen Kopf, dass er mich angucken müsste, aber keine Chance. Er verdreht seine Augen, er schiebt die Unterlippe vor. Wenn er nicht will, will er nicht. Er will auch keine Impfungen, keinen Zahnarzt, kein Gemüse. Vor allem aber will er nicht, dass er seinen Willen nicht bekommt. Andernfalls beginnt der Beschuss mit Milchflaschen, Gießkannen, dem Lieblingskuscheltier. Er weiß ganz genau, was er will. Zum Beispiel morgens auf dem Weg in die Kita entwischen, die riesige Schneeschaufel aus dem Geräteschuppen holen und darauf bestehen, dass sie partout mit in die Kita muss. Wer lacht, verliert, wer ihm die Schneeschaufel wegnimmt, steht als Kinderquäler vor der Nachbarschaft da, denn dann brüllt das raffinierte Biest laut: „Aua, Aua, Aua.“

Beim Besuch im Baumarkt tue ich mittlerweile so, als würde ich diesen 90 Zentimeter kleinen Zwerg, der mit einem Rasenmäher durch die Gänge schiebt und mit großer Ernsthaftigkeit Verlängerungskabel aus den Regalen räumt, nicht kennen. Wenn er merkt, dass er unsere Geduld überstrapaziert, kommt er auf seinen kleinen Beinchen angelaufen, klettert auf den Schoß, kuschelt sich an und sagt mit einem großen Seufzer: „Mami.“ Wer jetzt nicht dahinschmilzt, hat kein Herz.

Wir wollen ihn ja erziehen, aber irgendwie hat er momentan die besseren Strategien. Man muss es leider sagen: Die Handlungsmöglichkeiten, die sich bei einem anderthalbjährigen Sturkopf anbieten, sind äußerst begrenzt, wenn man weiterhin dem Ideal der gewaltfreien Erziehung anhängt. Deshalb warte ich jetzt einfach ab, bis er vernünftig wird und man mit ihm sprechen kann. Oder mit Gummibärchen erpressen kann.

Kürzlich haben meine Eltern auf ihn aufgepasst. Nach drei anstrengenden Tagen sagten sie nur verträumt: „Wir hatten ein richtiges Deja-vu. Dein Sohn ist haargenau so wie du.“ Das kann ja heiter werden.