Mamas und Papas

Lotti Karotti spielen? Ich schau in den Terminkalender!

Im Job geht es um weltbewegende Themen und Strategien, zu Hause um gutes Benehmen und die besten Kinderspiele. Im Stress kann man das schon mal durcheinander bringen, findet Sandra Garbers.

Foto: Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Ich führe ein Doppelleben. Tagsüber sage ich Sachen wie: „Wir dürfen den Krieg in der Ukraine nicht aus den Augen verlieren...“, spreche meine Chefs mit „Herr X“ oder „Frau Y“ an. Wir reden über Strategien und so Zeugs. Zurück zu Hause muss ich dann sofort auf Kleinkindmodus umschalten. Die Menschen in meiner Umgebung heißen dann „Schätzchen“ oder „Süße“, und wir reden auch nicht mehr über Weltbewegendes, sondern ich sage Sätze wie: „Hast du dir auch den Po abgewischt?“ oder „Halt dich gut am Geländer fest“ oder „Nase!“ , wenn der kleine Finger wieder einmal sehr vertieft ist. Ich sage: „Fein gehst du die Treppe hoch“ oder „Gabel in die andere Hand.“

Soweit, so unterschiedlich sind die beiden Welten. Kleine Kinder haben ja keine Ahnung, was man den ganzen Tag über gemacht hat. Und dass man jetzt vielleicht ein bisschen müde ist und sich gerne einfach nur kurz hinsetzen und auf völlig sinnfreien Internetseiten herumsurfen möchte. „Wir spielen Memory und danach Lotti Karotti. Und ich hab Durst, aber kein Sprudel, das kitzelt so im Hals. Noomaaales Wasser! Nein, Apfelschorle! Und darf ich Gummiteddys?“, sagt die Vierjährige, während der Anderhalbjährige auf mir herumklettert, als sei ich der Feldberg, und versucht, seine Hand in meinen Mund zu schieben, um an den Zähnen zu rütteln.

Die beiden Welten lasse sich eigentlich leicht auseinanderhalten. Die Menschen im zweiten Leben sind ja viel kleiner als die im Berufsleben. Was aber, wenn man unkonzentriert ist und doch mal aus Versehen beides vertauscht? Eine sehr nette Kollegin beschwert sich immer, dass Eltern aus lauter Gewohnheit oder Gedankenlosigkeit gern auch die Erziehung Erwachsener übernehmen. Und dann kann es natürlich leicht passieren: Man sitzt mit den Kollegen am Mittagstisch, Kollege X muss los, er hat einen wichtigen Termin. Und dann spricht plötzlich die Mutter in uns: „Nein, Herr X, wir bleiben sitzen, bis auch der letzte Kollege fertig ist. So, jetzt setzen Sie sich schön wieder hin. Dann gibt es zum Nachtisch auch ein Eis“. Oder: „Machen Sie den Löffel doch nicht so voll, dann kleckert auch nicht alles runter.“ Oder jemand hatte während der Morgen-Konferenz ein dringendes Bedürfnis, kommt zurück: „Selbst abgewischt? Fein gemacht. Hände auch richtig mit Seife gewaschen?“ Oder der Kollege greift in die Süßigkeitenschale: „Stopp, Sie hatten doch grad schon eine Schokolade.“ Oder: „Wenn Sie jetzt noch einen Kaffee trinken, gibt es heute Nachmittag aber keinen mehr.“ Oder in Verhandlungen: „Ich höre immer nur: Ich will, ich will, ich will.“

Schwierig wird es allerdings erst, wenn man nach Hause kommt und die Kinder eine Runde Lotti Karotti spielen wollen. „Ja, gerne, ich muss kurz in meinen Terminkalender schauen... Wie wäre es mit nächstem Mittwoch?“ Mehr Konzentration, bitte.