Mamas & Papas

Warum sind bloß alle so freundlich?

Sandra Garbers ist von Prenzlauer Berg ins Grüne gezogen. Alles könnte so schön sein, wären da nicht die Eingewöhnungsschwierigkeiten....

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Ich hab rübergemacht. Innen Westen. Nach knapp 15 Jahren in Mitte und in Prenzlauer Berg fand ich, dass es höchste Zeit ist für ein bisschen Vogelgezwitscher und den Geruch nach Wald. Und dem Gefühl von heiler Welt.

Jetzt bin ich da. Ich habe ein Eichhörnchen im Garten, das meine Tochter Gelb-Rosa getauft hat (es ist rot-grau), einen Garten voller Eichenlaub von einer mindestens 300 Meter hohen Eiche – und ich habe Heimweh nach’m Prenzlauer Berg. Bereits der erste Supermarkt-Besuch war ein Kulturschock. Ich war ja nur den Disco-Kaiser gewohnt. Da, wo auch Gottschalk einkaufen soll, wenn er einkauft, und wo regelmäßig die Bio-Eier aus sind. Und nun plötzlich Einkaufsparadies. Supermärkte so groß wie Fußballfelder.

Ich startete in normalem Prenzlauer-Berg-Tempo, also kurz unter Laufschritt, und verursachte bereits nach wenigen Metern den ersten Personenschaden. Weitere folgten, bis ich lernte, das Tempo anzupassen, langsam durch die Gänge zu schlurfen und unvermittelt stehen zu bleiben. Hier ist alles Entschleunigung. Es dauerte auch eine Weile, bis ich kapierte, dass der Kellner im Restaurant ganz in der Nähe uns nicht veräppeln wollte, sondern einfach nur freundlich war, als er jeden Satz mit „So, meine Lieben...“ begann. „So, meine Lieben, euer Bier.“ – „So, meine Lieben, euer Steak.“ – „So, meine Lieben, die Rechnung.“

Sogar den Kontaktbereichsbeamten habe ich schon kennengelernt. Er recherchierte in einer ziemlich spektakulären Sache. In einer Nachbarstraße war ein Auto abgestellt, eine Familienkutsche, die, das hatten die Nachbarn genau registriert, keinem von ihnen gehörte. Und das Auto stand da schon – jetzt halten Sie sich fest – drei Tage lang. Unbewegt!

Aber am schwierigsten ist so ein Umzug ja immer für die Kinder, hatten wir gedacht. Während der Umzugstage hatten wir sie zu den Großeltern gebracht, um ihnen den Anblick der leeren Wohnung zu ersparen. Hatten es vorher zu Hause ordentlich ungemütlich hergerichtet mit gestapelten Umzugskisten, damit sie sich nicht zurückwünschen, und hatten erzählt, dass man Trampoline nicht auf dem Balkon aufbauen kann.

Am Umzugstag telefonierte ich mit der Vierjährigen: „Ihr zieht heute um, oder?“ – „Ja, die Wohnung ist schon komplett leer.“ – Tochter: „Super.“ Seit Tagen versuche ich nun herauszubekommen, ob sie Prenzlauer Berg vermisst. „Nö, da gibt es keine Eichhörnchen. Außerdem hatte ich da kein Hochbett.“ Ach, wenn’s doch auch für uns Erwachsene so einfach wäre.

Vor lauter Heimweh bin ich schließlich in einen Biosupermarkt gefahren und hab’ mich tatsächlich ein bisschen wie zuhause gefühlt. Bis ich das Schild an der Kasse sah: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine 500 Euro-Scheine annehmen.“

So was hätte es in Prenzlauer Berg nicht gegeben.