Wir sind eine demokratische Familie. Früh werden unsere Söhne an die Regeln der mehrheitlichen Meinungsbildung und achtsames Miteinander herangeführt. Demokratie ist zum Beispiel, wenn die Chefin bei der Urlaubsplanung mit Chili-Lächeln fragt: „Gegenstimmen?“ und wir lieber nichts sagen. Wir sind einer Meinung, nämlich ihrer, weniger aus Überzeugung, sondern eher aus der Einsicht, dass Debatten zu keinem anderen Ergebnis führen, aber zu allgemein schlechterer Laune. Wir drei Männer ergeben uns einfach.

Im Bewusstsein unserer Söhne ist Demokratie, dass sie dabei sein dürfen, wenn immer ein und dieselbe Person bestimmt. Umso verwirrter war Hans, als er erfuhr, dass Klaus Wowereit zurücktreten wolle, also praktisch aufhört zu bestimmen. Der Regierende ist unserem Sohn vertraut; um ehrlich zu sein, kennt er auch gar keine andere politische Kraft, allenfalls die älteren Herren, die zu Wahlzeiten Luftballons verteilen und Kinderliebe heucheln.

Hans hat Wowi mehrfach persönlich gesehen, bei Kinderfesten und einmal auf dem Kudamm in einen Opel Corsa gefaltet, den wir als Mitmenschen etwas popelig fanden für einen Stadtbestimmer, als Steuerzahler dagegen angemessen. Klar ist für den Jungen trotz des Kleinwagens: Wowereit ist, war und bleibt auf ewig der Boss von Berlin. Frau Merkel erledigt eher internationale Angelegenheiten, also Obama, Putin, Seehofer. Und die Chefin den Rest.

Wie seine Eltern leidet Hans am Helmut-Kohl-Syndrom. Menschen wie wir, die zu den Vierundsechzigern gehören, durften 1982 erstmals wählen, als der junge Kohl antrat. Auch 1986, 1989, 1994 durften wir wählen, was wir wollten. Aber am Ende galt, was der britische Kicker Gary Lineker über Fußball sagte: Alle rennen rum und am Ende gewinnt Helmut Kohl. Wie zuhause. Alle reden durcheinander. Und am Ende bestimmt Mona. Wir Babyboomer mussten 34 Jahre alt werden, um 1998 zu erleben, dass Wahlen nicht automatisch Kohl bedeuteten.

Wowi, Mutti und die Chefin

Bei Hans ist es ähnlich: Vom ersten Lebenstag an wird er vom gleichen Trio regiert: Wowi, Mutti und der Chefin. Als der Kleine vor neun Jahren geboren wurde, kommandierte Klaus Wowereit bereits vier Jahre im Roten Rathaus, Angela Merkel war just ins Kanzleramt eingezogen und die Chefin war naturgemäß auch schon da. Nur im Schloss Bellevue wechselte bisweilen der Bewohner. Bundespräsident ist halt wie Hertha-Trainer: Immer mal ein anderer, aber nie Champions League.

Umso verdutzter war der Kleine, als er erfuhr, dass König Klaus jetzt geht. „Darf der das denn?“, fragte er. „Er musste sogar“, erklärte ich, ohne ihn in die Feinheiten der innerparteilichen Mobbingkultur einzuweihen. „Und wer bestimmt dann?“, wollte er wissen. „Das wird durch ein demokratisches Verfahren entschieden“, erklärte ich. „Also entscheidet Mama, wer der neue Bürgermeister wird.“ Wie schön, dass der Junge die Grundzüge der Demokratie begriffen hat.