Mamas & Papas

Als Hubschrauber-Vater im Einsatz

Wenn die Kinder flügge werden, entwickeln Eltern manchmal irrationale Ängste. Hajo Schumacher verfolgt seinen Sohn sogar bis in die U-Bahn - getarnt hinter Gucklöchern der Berliner Morgenpost.

Foto: picture-alliance / Design Pics

Nein, wir sind keine Helikopter-Eltern, die den kleinen Prinzen rund um die Uhr chauffieren, massieren, motivieren. Der Junge soll seine Erfahrungen machen. Aber kontrolliert. Nur weil man aufpasst, ist man noch lange kein Hubschrauber-Vater, oder?

Der Ernstfall begann, als Hans - 9 Jahre, dritte Klasse – uns eröffnete, er wolle allein von der Schule heimkehren. Alle Großen dürften das, nur er wieder nicht. Das Problem: Wir wohnen nicht auf dem Dorf, wo man die Schule vom Küchenfenster aus sieht, sondern sechs-U-Bahn-Stationen entfernt. Okay, Hans kann inzwischen die Stationsschilder lesen, er kennt jede Bahnschwelle auf der knapp zehn Minuten währenden Fahrt mit Vornamen, und eine Monatskarte besitzt er auch.

„Lass ihn doch mal“, forderte die Chefin, während ich überlegte, was alles passieren kann: Unser zartes Söhnchen könnte von Zehlendorfer Zahnarztkindern vermöbelt werden; die U-Bahn könnte entführt werden; er könnte auf der falschen Bahnsteigseite einsteigen, an der Endhaltestelle ins Depot fahren und dort nachts verhungern und erfrieren; womöglich fällt er Europawahlwerbern in die Hand oder Mobilfunkhostessen. Wir sollten noch warten.

Doch in ihrem unerbittlichen Optimismus verkündete die Chefin eines Morgens: „Heute fährt Hans allein nach Hause.“ Nur mein niedriger Morgenblutdruck verhinderte einen Infarkt. Hans guckte wie Django. Ich prägte mir sein aufgewecktes Gesicht ein, das engelsgleiche Haar, die zarten Flecken auf dem Küchentisch infolge raschen Müsli-Verzehrs. Es würde das letzte Mal sein.

Die beiden „O“ der Morgenpost sind perfekt getarnte Gucklöcher

Für den Nachmittag sagte ich alle Termine ab. Ab sofort war ich Security, das sind die wahren Checker dieser Stadt. Unauffällig postierte ich mich an einer Kaffeebude in der Startstation. Mit der Nagelschere ausgeschnitten bieten die beiden „O“ der Morgenpost perfekt getarnte Gucklöcher. Ich fühlte mich wie die NSA. Horden von Schülern rannten vorbei, viele zugegebenermaßen kleiner als Hans. Aber wo war unser Sohn? Hätte ich schon die paar hundert Meter von der Schule zur U-Bahn kontrollieren sollen? War Security-Dad bereits ein Gewaltverbrechen entgangen?

Die Kaffeebudenfrau schaute skeptisch. Ein Becher auf 45 Minuten, damit hatte ich mich nicht gerade als Kunde des Monats qualifiziert. Bevor eine Einheit des SEK meine Nase in die Kuchenkrümel auf dem Boden drückt, weil ich als potentieller Kinder-Entführer verdächtig bin, werde ich jetzt die Strecke observieren. Unterm Schlapphut tropft der Schweiß, der falsche Bart juckt.

Nachdem ich die Strecke zum dritten Mal abgefahren war, rufe ich verzweifelt die Chefin an. „Hans ist verschwunden“, jammere ich. „Unsinn“, entgegnet die Chefin, „er ist zu Hause.“ Erleichterung. „Hatte er denn gar keine Angst?“, frage ich. „Nur einmal“, sagt die Chefin, „weil so ein komischer Vogel mit falschem Bart die Kinder durch Löcher in seiner Zeitung beobachtet hat. Solche Kerle sollte man direkt einbuchten.“