Mamas & Papas

Morgen-Yoga statt Immobilienhaie auf dem Tempelhofer Feld

An der Zukunft des Tempelhofer Feldes scheiden sich die Geister - auch innerhalb von Familien. Hajo Schumacher ist für eine Randbebauung, sein Sohn dagegen für eine freie Grünfläche.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Wir sind eine politisch interessierte Familie. Wahlplakate beurteilen wir danach, wie sehr sich die Kinder erschrecken, und Postwurfsendungen von Gregor Gysi heften wir stets säuberlich ab. Wir sind engagierte Bürger, immer gegen die da oben, immer ungerecht behandelt und immer unzufrieden mit der Gesamtsituation. Da Fakten uns Angst machen, beginnen wir politische Debatten mit „Ich finde...“ oder „Ich glaube...“.

Umso erschrockener war ich, als Hans unlängst eine „inhaltliche Debatte“ führen wollte, zu Tempelhof. Unser junger Herr findet, dass das Tempelhofer Feld eine Grünfläche bleiben möge, damit jeder Bürger Platz habe, sein Morgen-Yoga zu absolvieren. Typische Teenie-Flausen, die ich mit einem flammenden sozialpolitischen Plädoyer zu verscheuchen gedachte. „Was zahlen deine studierenden Kumpels an Miete für ihre WG-Zellen?“, fragte ich listig. „Viel zu viel“, entgegnete mein angehendes Erstsemester. „Siehste“, triumphierte ich, „auf dem Tempelhofer Feld sollen 5000 bezahlbare Wohnungen entstehen.“ Mein Sohn guckte skeptisch. „Und deswegen werden WG-Zimmer billiger?“, fragte er. Ich murmelte „Gesetze des Marktes“, aber der Kerl lachte verächtlich. „Wenn alle fünf Jahre der Rand bebaut wird, stehen die Häuser irgendwann in der Mitte.“ Leider wahr: Das Zentrum von heute ist der Rand von morgen, das gilt für Kuchen, Familienväter und Flugfelder.

Alles außer Kreuzkölln ist wohl Brandenburg

Höchste Zeit für ein Killerargument: „Willst du etwa, dass Leute mit wenig Geld die Stadt verlassen müssen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können?“ Statt einer Antwort bekam ich eine ungehörige Gegenfrage: „Willst du, dass Zehntausende Menschen einen Park verlassen müssen, weil Immobilienhaie Zäune ziehen?“ Nein, will ich nicht. Aber Bausenator Müller hat doch versprochen, dass keine privaten Investoren mitmachen dürfen. Der junge Herr lachte erneut. „Wenn die öffentliche Hand baut, dauert’s doppelt so lange und wird dreimal so teuer.“ Unerhört. In seiner Argumentationsnot bemüht der Knabe sogar schon den Kapitalismus. Wie soll aus dem Jungen jemals ein ordentlicher linker Student werden?

„Und Gentrifizierung?“, murmelte ich matt. Hans gähnte. Wer in Tempelhof wohnen müsse, der sei praktisch ja schon vertrieben. Aha, unsere Heimatstadt besteht also aus Kreuzberg, Friedrichshain, Kreuzkölln und einem Streifen Wedding – alles andere ist wohl Brandenburg. Ich mühte mich um einen finalen tieftraurigen Blick und fragte meinen Sohn, ob er denn erleben wolle, dass seine Eltern nach Reinickendorf vertrieben würden oder gar nach Spandau, nur weil ein paar Quadratmeter Unkraut für Yoga freigehalten werden müssen. „Vielleicht könnt ihr ja in die Randbebauung auf dem Flugfeld in Tegel ziehen“, schlug er vor. „Prima“, sagte ich, „gleich neben deinem Studentenwohnheim.“ Hans schluckte: Auf einmal erschien ihm Tempelhof sehr attraktiv.