Mamas & Papas

Wer hat eigentlich die Musikhoheit im Auto?

Immer dieses Gequengel unterwegs. Die Tochter will ihre Pferdchen-Lieder hören, aber die Erwachsenen auch mal Marius Müller-Westernhagen. Doch manchmal kann man tricksen, wie Sandra Garbers weiß.

Ich bin immer froh, wenn die Kinder auf Autofahrten schnell einschlafen und erst am Zielort wieder aufwachen. Erstens kann man dann auch einmal Erwachsenen-Gespräche führen, ohne vom Rücksitz Fragen zu hören wie: „Was, Papa? Warum ist die Mutter von Eddie gestört? Was ist das, gestört?“ Man kann auch endlich die Musik hören, die man möchte und sich wieder als Mensch mit einem Vorleben fühlen. Also einem Leben mit Südost-Asien-Urlauben, durchfeierten Nächten mit Freunden und romantischen Ausflügen. Auf der Heimfahrt vom Osterbesuch in Hamburg schliefen beide Kinder, es war schön. Fast so, als wären wir beiden Erwachsenen allein im Auto. Marius Müller-Westernhagen sang im Radio: „Komm lass uns leben, lass uns leben, lass uns leben, immer mehr.“ Hätten wir nicht mitgesungen, hätten wir es vielleicht bis nach Berlin geschafft, aber so wachte die Tochter noch vor dem Autobahnkreuz Wittstock/Dosse auf und sagte schlaftrunken: „Das ist keine Kindermusik! Ich möchte bitte jetzt die Pferde-CD hören. Die Pferde-CD!! Die Pferde-CD!!! Die Pferde-CD!!!!!“

Manchmal setzen wir uns in solchen Situationen durch, meistens aber geben wir auf, weil wir müde sind oder Angst haben, dass der kleine Bruder von dem sonst folgenden Gejammer auch noch aufwacht. Und dann legen wir ihre Lieblings-CD mit Songs wie: „Mein Pferdchen, das heißt Johnny und weil’s ein Meter 50 ist, vom Boden bis zum Widerrist ist’s ein Pferd und gar kein Pony“, ein. Sie hat die CD schon so oft gehört, dass sie sie mitsprechen kann. Und wir auch.

Kinder müssen neu programmiert werden

Man möchte seinen Kindern so gerne viel mitgeben. Sicherheit, Vertrauen und einen einigermaßen guten Musikgeschmack. Aber irgendwie ist das mit Kindern so: Wenn sie geliefert werden, müssen sie erst einmal neu programmiert werden. Von sich aus haben sie fürchterliche Vorlieben: Lieblingsfarbe rosa, Lieblingstier Dinosaurier oder Einhorn, Lieblingsbuch Conni. Und man kann ihnen hundert Mal die wundervollen Tierlieder von James Krüss vorspielen oder die entzückenden und politisch korrekten Kinder vom Kleistpark, so richtig Stimmung kommt nur bei Rolf Zuckowski auf.

Dürfen die in ihrem Kinderzimmer so leben? Ja! Wollen wir so leben? Nein!

Kapitulation ist also keine Alternative („Mein Johnny hat zwei Farben, drum nennt man ihn den Schecken. Springt über jeden Graben und über alle Hecken...“) eher schon Machtkampf (verliert man allerdings fast immer) oder noch besser eine gesunde Portion Ignoranz.

Wir haben das auf der nächsten Autobahnfahrt ausprobiert.

Tochter: „Was ist das? Ist das Kindermusik?“ – Ich: „Ja, das ist Kindermusik.“ – Tochter: „Hört sich aber an wie Erwachsenenmusik.“ – Ich: „Ist es aber nicht. Das ist ein Lied über eine ganz schöne Königin, die toll tanzen kann. Das magst du doch auch gerne. Tanzen.“ – Tochter: „Das hört sich aber trotzdem nicht an, wie Kindermusik.“ – Ich: „Ist es aber. Dancing Queen, lalalallal.“ Manchmal funktioniert es.