Ich war gerade dabei, die drängenden Fragen des Lebens zu überdenken. Also zum Beispiel: Wenn man laut Anleitung Flüssigwaschmittel mit einer Waschkugel in die Wäschetrommel geben muss, warum ist die Waschkugel nicht dabei, sondern muss erst mal umständlich im Internet bestellt werden? Oder: Was exakt bedeutet es, wenn auf der Pflegeanleitung von schwarz-weiß-gestreiften T-Shirts steht „Mit ähnlichen Farben waschen“? Oder: Warum wollen wir eigentlich lieber das Fleisch von glücklichen Tieren essen? Die hängen doch bestimmt viel mehr an ihrem Leben als die armen Viecher auf ihren Spaltenböden.
Ich war noch nicht ganz bei der Lösung der Probleme angelangt, als meine Dreijährige mich aus meinen Gedanken riss. Sie wollte ein Eis essen gehen. Das machten wir, und dabei bekam ich mal wieder einen tiefen Blick in die Kinderseele.
Kinder können gnadenlos sein. Im veganen Bio-Eisladen in unserer Straße trafen wir die Freundin meiner Tochter aus dem dritten Stock. Während die beiden Mädchen sich einen Eisbecher teilten, verabredeten sie sich für den Nachmittag zum gemeinsamen Puppenspiel. „Ich bin heute aber eine Ganz-Mutter!“, sagte meine Dreijährige bestimmt. „Ich heute aber auch!“, antwortete ihre Freundin. „Ich war nämlich letztes Mal schon Halb-Mutter, und ich will nicht immer nur Halb-Mutter sein.“
Halb-Mutter. Das klang wie Frau ohne Unterleib. Wie Halbwesen aus der Unterwelt. Irgendeine fiese Mutation. Eine Mensch-Maschine mit einem Aus-Schalter am Rücken. Und 1000 Mal schlimmer noch als das fürchterliche Wort Stiefmutter. Als ich die beiden Mädchen fragte, was Ganz- und Halb-Mütter denn eigentlich seien, erklärten sie mir: „Also, eine Ganz-Mutter ist immer bei ihren Kindern und die Halb-Mutter ist eben nicht immer bei ihren Kindern.“ Auf Nachfrage bei den kleinen Despoten galt diese Einteilung zum Glück auch für Väter. Immerhin, falls es später, wenn sie groß sind, mal nichts wird mit der Karriere, können die Mädchen immer noch Familienpolitischer Sprecher bei der CSU werden.
Kurz zuvor waren wir aus dem Urlaub zurückgekehrt. Kaum in der Wohnung angekommen, raste der kleine Sohn überglücklich durch die Wohnung, er quiekte vor Freude, als er nacheinander mit all seinen Spielzeugen spielte. Er konnte sein Glück nicht fassen, nun doch nicht in der Verbannung gelandet zu sein, also eben nicht auf einer Finca mit Sonne und Pool und Schaukeln und geschmeidigen 27 Grad bei leichtem Wind, sondern wieder in der Hauptstadt mit dem Kopfsteinpflaster vor dem Balkon und den grölenden Touristen, die nachts um fünf auf der Baustelle vor dem Haus Dixie-Klos umwerfen.
Kinder sind konservativ. Vielleicht werde ich das schöne Zirkusbild im Kinderzimmer abhängen und durch das alte Adenauer-Wahlplakat ersetzen, das passt viel besser, denn darauf steht die Losung für alle Kleinkinder: „Keine Experimente“.




