Wir sind eine liberale Familie. Freiräume sind wichtig, gerade für die Entwicklung der Eltern. Geschlossene Kinderzimmertüren machen uns allerdings nervös. Neulich drang ein eiskalter Windhauch unter dem Spalt unter Hansens Tür hindurch. Freiwillig Frischluft? Kann nicht sein. Junge Männer achten penibel darauf, dass das Dschungelcamp-Aroma nicht verdünnt wird. Notfall, klare Sache.
Ich riss die Tür auf und erwischte gerade noch den Papierkorb, den Hans aus dem Fenster leeren wollte. Aber, aber, so schlecht war das Zeugnis nun auch wieder nicht. „Was machst du da?“, frage ich. „Ich will einen Tunnel vor unserem Haus“, entgegnete der Kleine. Ich verstand nicht. „Habe ich in der Zeitung gelesen.“ Ich verstand immer noch nicht. „In Kreuzberg bekommt man einen Tunnel, wenn man Müll aus dem Fenster wirft“, erklärte er, „und ich will auch einen Tunnel. Den hat sonst keiner in der Klasse.“
Es ist ein Fehler, die Tageszeitung offen herumliegen zu lassen. Kontakt mit Berliner Lokalpolitik kann man Kindern frühestens ab der Volljährigkeit zumuten. Wie soll man Grundschülern erklären, dass mit Müll in unserer Hauptstadt je nach Bezirk sehr unterschiedlich umgegangen wird? Wir zum Beispiel leben in Schöneberg, wo Mülltrennen als Religionsersatz dient. In Kreuzberg rund um die Gerhard-Hauptmann-Schule gilt es dagegen als schützenswerte kulturelle Eigenart, Abfall open air zu entsorgen. Ich schloss das Fenster. Hans guckte enttäuscht.
Wenig später stand die Wohnungstür offen. Wo steckte der Bengel nun wieder? Nach intensiver Fahndung stellte ich ihn im Keller, zwischen den Campingsachen. „Ich mache jetzt ein Zeltlager“, erklärte er, „auf dem Viktoria-Luise-Platz, bis wir einen Tunnel bekommen.“ Mag unser Sohn auch Anarchist von Beruf werden, blöd ist er nicht. Ich hob zu einem Vortrag über Werte an, als Hans das Zelt die Kellertreppe emporzerrte. Sollte ich das Wintercamping zulassen: entweder Star der Abendschau oder das Sorgerecht ist futsch. Ich nahm Hans den Campingkocher ab und lockte ihn mit der Aussicht auf zehn Extraminuten Computer zurück in unsere gut gelüftete Wohnung.
Höchste Zeit für ein Nickerchen. Aber schon bald rüttelte Hans an mir. „Papa, wir müssen zum Görli. Da stellt man sich hin, und die Leute geben einem Geld.“ Hatte er, na klar, in der Zeitung gelesen. Bei einer Flasche Rotwein hätte ich gern erklärt, dass Drogenverkauf illegal ist und der Konsum schädlich. Doch mein gescheiter Herr Sohn wird entgegnen, dass die Polizei sehr nett ist zu den Händlern und sie mitnimmt auf die warme Wache, um sie gleich darauf auf freien Fuß zu setzen.
„Aber du bekommst doch Taschengeld“, sage ich. Hans schüttelt den Kopf. „Das reicht nicht für einen Tunnel.“ Ich öffnete das Fenster und griff zum Papierkorb. Vielleicht sollten wir zunächst doch versuchen, unseren Tunnel vom Amt zu bekommen.




