Mamas & Papas

Koks am Himmel über Berlin und zweifelhafte Skimode

Schnee gehört zu den Dingen, die die Menschheit nur zweimal im Jahr braucht: am Heiligen Abend und bei den Olympischen Spielen, meint Hajo Schumacher. Er erlebt das Winterdrama in Berlin auf seine Art.

Foto: Ole Spata / dpa

Wir sind eine naturverbundene Familie. Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung. Davon haben wir leider reichlich, vor allem im Winter. Bislang hatte sich die überflüssigste aller Jahreszeiten netterweise zurückgehalten; ist ja nicht alles schlecht am Klimawandel.

Diese Woche nahm das Winterdrama dann doch noch seinen Langlauf. Als die ersten Flusen fielen, die bestenfalls unter einem Elektronenrastermikroskop als Schnee zu erkennen waren, rannte Hans auch schon nach draußen. Die nächste Viertelstunde schabte er millimeterweise Materie von den Windschutzscheiben der Nachbarn, die hinter der Gardine lauerten, um den kindlichen Übergriff mit dem Smartphone zu filmen: Beweismaterial. Prima. Vielleicht kommt Hans bis nach den Osterferien in die Besserungsanstalt.

Immerhin: Die Scheiben waren hinterher fast sauber. „Guck mal, ein Schneeball“, triumphierte der Kleine, als ich bibbernd vom Balkon schaute, ob das SEK schon eingetroffen war. „Toll“, sagte ich, als ich den Klumpen schwarzer Matsche sah, der in den Ärmel des Sohnes tropfte.

Schnee gehört zu den Dingen, die die Menschheit maximal zweimal im Jahr braucht: am Heiligen Abend gegen 15 Uhr für die Stimmung und bei den Olympischen Spielen, aber bitte nur am Austragungsort.

In Berlin führt das weiße Zeug nur zu merkwürdigen Verhaltensweisen. Die Filmbranche, die bald zur Berlinale einmarschiert, denkt bestimmt, es falle Koks vom Himmel, und schlürft fortan mit Strohhalmen durch die Fugen der Gehwegplatten am Potsdamer Platz. Bizarrer sind allenfalls jene Zeitgenossen, die bei der allerersten Flocke, und stamme sie nur aus dem Haupthaar des Kollegen, ihre Langlaufski aus dem Keller zerren, um die Parkplätze im Grunewald knirschend zu umkreisen.

Wintersport existiert ja seit jeher nur dadurch, dass einem andere Menschen zugucken. Sonst würde kaum jemand seine Carving-Ski auf den Teufelsberg schleppen. Dieser Schicksalsberg droht mir auch an diesem Wochenende. Ich ahne: Kaum sind auch wir endlich oben, ist der letzte Rest Piste weggefräst.

Hans wird schnattern. Denn die Winterklamotten aus dem letzten Jahr sind leider ein wenig zu klein. Neue Ware lohnt sich nicht, wir haben ja fast Frühling. Drei T-Shirts übereinander sind so gut wie ein Skianzug. Modisch sind wir mit dem Zwiebel-Style leider ziemlich weit hinten auf jenem Hügel, wo die Fashion Week in die Verlängerung geht. Wer keine glänzende Daunenwurstjacke in Grellfarbe vorzeigen kann, der sollte besser in Schöneberg bleiben.

Hans hatte zum Glück keine Lust, sich die Sand-und-Stein-Piste mit unserem Hochtechnologieschlitten hinabzustürzen. Na gut, trage ich den „Davos“ eben wieder hinab. Leider ist der mobile Glühweinverkäufer schon abgezogen. Ich habe Hunger, Durst und eine Nierenentzündung. Hans niest. Toll, dass der Winter doch noch gekommen ist.