Mamas und Papas

Fast wäre die Flucht an den tollen Strand gescheitert

Kolumnist Hajo Schumacher verbrachte das Weihnachtsfest fern ab der Heimat. Doch sein Sohn hätte den Reiseplänen der Familie fast einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Wir sind eine offene Familie. Wir beziehen unsere Kinder stets mit ein, solange es nicht um Geld, Aufklärungsfragen oder Urlaube geht. Natürlich soll der Nachwuchs lernen, seine Meinung zu artikulieren. Aber dann wird gemacht, was die Chefin will.

Da der Berliner Winter ein sicherer Weg in die Depression ist, wollten wir diese Festtage in die Sonne fliehen. Sieben Jahre lang haben wir Hans die nervige Trilogie aus nadelnder Fichte, Kalorien-Bombardement und Bescherungswahn vorgespielt. Höchste Zeit, die rheumatischen Gräten des Ernährers mit Wärme zu therapieren.

Den Weihnachtsmann-Glauben hatte unser blitzgescheiter Spross doch längst überwunden. Aus mehreren Fachgesprächen meinte ich seine Zweifel herausgehört zu haben, dass ein älterer Herr durch einen zugemauerten Kamin in unser Wohnzimmer gelangte. Außerdem bekam er mit, wie sich die Paketabholscheine seit Wochen bei uns stapelten.

Vergangenes Jahr hatte er mich erwischt, wie ich einen Kofferraum voll amazonbrauner Kartons in die Wohnung zu schmuggeln versuchte. Meine Erklärung „Wein für Papa“ hatte er immerhin akzeptiert. Aber Weihnachtsmann? Daran glaubt doch ein Achtjähriger nicht mehr.

Zwei Tage vor Ferienbeginn erwischte unseren ansonsten sehr robusten Sohn plötzlich ein Fieberanfall. „Psychosomatisch“, erklärte die esoterisch bewanderte Chefin. Kann es daran gelegen haben, dass wir ihm am Abend vorher eröffnet hatten, dass das ungemütliche Berliner Weihnachten an einen tollen Strand verlegt würde? Geschenke seien doch in diesem Jahr nicht so wichtig, der Urlaub Präsent genug. Hans hatte seine Begeisterung gut verborgen. Wetter war ihm offenbar egal, er wollte lieber Weihnachten. Musste ich das Übergepäck etwa mit rotem Bademantel und Wattebart zusätzlich beschweren?

Die Sicherheitskräfte in Tegel guckten verwundert, als zwei Erwachsene ein bockiges Kind hinter sich her schleiften, das fiebernd „Will Weihnachten, will Weihnachten“ wimmerte. Genau so hatte ich mir die Feiertagsflucht vorgestellt; mit Gewissensdruck, das Kind durch Oh-Tannenbaum-Entzug nachhaltig zu traumatisieren. Der Dutyfree-Shop ist ein idealer Ort für Männergespräche. Kinder wissen genau, dass genervte Väter hier schlechte Laune gern wegkorrumpieren. „Was ist denn so schön an Weihnachten?“, wollte ich beim Bezahlen überteuerter Flugzeugmodelle wissen. „Die Bescherung“, erklärte Hans.

Na gut. Dann werde ich eben Anfang Januar eine abgeschmückte Schrumpelkiefer von der Straße klauben, wir legen die Best-of-Christmas-CD aus dem Drogeriemarkt ein und schauen zu, bis das Kind fünf Quadratmeter Geschenkpapier zerfetzt hat, mit dem die Präsente eingewickelt sind, die wir aus dem Feriendomizil online bestellen und auf dem Weg vom Flughafen nach Hause von der Post abholen werden. Weihnachten entkommt man nicht, nirgends.