Die Ansprüche von Eltern an die Erziehung und Bildung ihrer Kinder sind gewachsen. Wie können ErzieherInnen sie erfüllen? Was wünscht sich die Berufsgruppe, um ihrem Auftrag gerecht werden zu können? Darüber sprachen wir mit Christiane Weißhoff. Sie ist Leiterin des Vorstandsbereichs Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Bildungsgewerkschaft GEW in Berlin.

Basteln, singen, Sandkuchen backen: So stellen sich viele Menschen den Kita-Alltag vor. Ist das überhaupt noch Realität?

Christiane Weißhoff: Zunächst einmal – das Arbeitsgebiet von ErzieherInnen umfasst mehr als Kitas und Schulen. Hier ist zwar der Großteil tätig, etwa 80 Prozent. Aber viele arbeiten auch in der Kinder- und Jugendhilfe, etwa in Freizeiteinrichtungen und Wohngruppen. Was die Kitas angeht, gibt es einen deutlichen Wandel, seit sie 2003 als Bildungseinrichtungen offiziell anerkannt wurden. Natürlich steht das Spielerische im Vordergrund. Aber dabei geht es um die Vermittlung von Wissen, um neue Erfahrungen und das Erlernen eines sozialen Miteinanders. Auch das Berufsbild hat sich verändert.

Inwiefern?

ErzieherInnen sind heute nicht mehr MacherInnen, sondern BegleiterInnen beim Bildungsprozess der Kinder. Dazu hat die Forschung beigetragen. Man weiß heute, dass Kinder am besten aus sich heraus lernen. Und dass sie sehr individuell lernen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Aufgabe von ErzieherInnen ist also das Beobachten der Kinder, ihr Tun zu unterstützen und auch sich selbst immer noch als Lernende zu verstehen, etwa beim gemeinsamen Forschen und Experimentieren.

Wie kommt das bei Eltern an? Die sehen ja gerne konkrete Ergebnisse…

Eltern wollen, dass ihre Kinder fit gemacht werden für die Gesellschaft. Sie verbinden das häufig mit Wissen, etwa mit Frühenglisch, nicht mit Freiräumen zur selbstständigen Entwicklung. Sie wollen, dass bestimmte Inhalte vermittelt werden wie Sprechen lernen oder Schnürsenkel binden. Aber bei der heutigen Herangehensweise kann man solche Dinge nicht einfach abhaken. Da müssen die ErzieherInnen gut mit Eltern ins Gespräch kommen, um ihnen Lernfortschritte zu vermitteln. Die Elternarbeit macht bestimmt eine Stunde Arbeitszeit pro Woche aus. Der Erzieherberuf umfasst viele Tätigkeiten außerhalb der konkreten Arbeit mit Kindern, etwa auch die Projektvorbereitung oder die Kooperation mit Schulen.

Viele ErzieherInnen klagen über eine zu hohe Arbeitsbelastung. Woran liegt das?

Das Problem ist, dass es nicht genügend ausgebildete ErzieherInnen gibt. Es gibt 1200 freie Stellen. Und viele Stellen sind nicht mit Fachkräften besetzt oder mit Menschen, die sich in der berufsbegleitenden Ausbildung befinden. Seit Mai 2017 können 33 Prozent des Personals in Kitas QuereinsteigerInnen sein. Sie werden voll auf den Personalschlüssel angerechnet, dabei muss man sie noch begleiten und anleiten. Wenn die Ausbildung auf die Kitas übertragen wird, belastet das die Fachkräfte. Und die QuereinsteigerInnen werden häufig gleich ins kalte Wasser geworfen und mit den Kindern allein gelassen, weil die Fachkräfte-Kapazitäten nicht ausreichen. Dabei nähern sie sich dem Beruf erst an. Das kann nicht sein.

Also sehen Sie einen Quereinstieg eher skeptisch?

Zumindest sind QuereinsteigerInnen eine Herausforderung. Wenn es genug Fachkräfte gäbe, würden sich die Kitas vielleicht eher für diese entscheiden. Angestellte in einer berufsbegleitenden Ausbildung sind ja auch eine organisatorische Herausforderung, weil sie ihre Zeit teilweise in der Schule verbringen und nur anteilig in der Bildungseinrichtung. Andererseits können Menschen mit einer anderen Berufsbiografie tolle Erfahrungen mitbringen und eine hohe Motivation. Unser Vorschlag ist, QuereinsteigerInnen nicht voll auf den Personalschlüssel anzurechnen. Im ersten Jahr gar nicht und im zweiten nur zu 50 Prozent. Das würde beide Seiten entlasten: Fachkräfte wie Menschen im Quereinstieg.

Woran liegt es denn, dass so viele ErzieherInnen fehlen?

Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem 1. Lebensjahr hat die Nachfrage nach Fachkräften stark erhöht. Leider spiegelt sich die Aufwertung der Kitas als Bildungseinrichtungen aber nicht in der Bezahlung wieder und auch nicht in der gesellschaftlichen Wertschätzung des Personals. Es geistert immer noch das Bild von der kaffeetrinkenden Kita-Tante herum. Da müssen auch die Kitas selbst etwas tun. ErzieherInnen müssen lernen, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.

Unterstützen Sie den Trend, dass mehr Männer im Erzieher-Beruf arbeiten?

Ja, das spiegelt unser Bild der Gesellschaft, dass auch Männer sich stärker für den Bereich Kindererziehung und Bildung verantwortlich fühlen sollten. Und aus Sicht der Kinder ist es wichtig, verschiedene Rollenbilder zu erleben, mit denen sie sich identifizieren können. Derzeit nimmt die Anzahl männlicher Erzieher zu – nicht massiv, aber spürbar. Wenn der Beruf attraktiver wird, bringt das vielleicht auch etwas in puncto Bezahlung.

Wer ist für den Beruf ErzieherIn geeignet?

Wer ein Fachabitur oder das Abitur hat oder eine berufliche Vorbildung, kann sich zum Erzieher bzw. zur Erzieherin ausbilden lassen. Die Noten sind nicht so wichtig. Entscheidend ist die Haltung. Also die Einstellung zu Menschen, wie man ihnen begegnet und der Spaß, mit Menschen zu arbeiten. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist eine besondere Herausforderung. Man muss sie motivieren und ihre Selbstständigkeits-Entwicklung gut unterstützen.

Wie kann man noch mehr Menschen für den Beruf begeistern?

Viele ErzieherInnen haben den Beruf gewählt, weil sie den Kontakt mit Menschen mögen und Kindern etwas mitgeben wollen. Daraus ziehen sie ihre Zufriedenheit. Aber die Bezahlung, die Arbeitsbedingungen und die Anerkennung müssen natürlich auch stimmen. Der Wert, mit Menschen zu arbeiten, sollte besser honoriert werden. Da sollten Politiker vorangehen und die Arbeit zumindest verbal stärker anerkennen. Und auch Eltern können etwas tun, indem sie nicht immer nur fordern und den Blick auf das eigene Kind richten. Bevor sie kritisieren: „Da hängt ja gar kein Bild von meinem Kind an der Wand“, sollten sie sich bewusst machen: ErzieherInnen schauen auf die ganze Gruppe. Und der Wert der Arbeit von ErzieherInnen bemisst sich in mehr als von Kindern hergestellten Produkten.