Einladend liegt ein Berg aus bunten Papierschnipseln auf dem Basteltisch. Das Orange, Gelb, Pink und Grün des Transparentpapiers strahlt im Sonnenschein. Durch große Terrassentüren flutet das Licht in den Gruppenraum der Krippenkinder in der Outlaw Kita Alt-Wittenau. Emilie (2) wühlt begeistert in dem Berg und zieht einen gelben Schnipsel heraus. Mit dem Klebestift in ihrer Hand versucht sie das Papierstück zu treffen und es auf dem Kreis auf Tonpapier anzubringen, der vor ihr auf dem Tisch liegt. Ihr gegenüber steckt der kleine Felix seinen Finger in den Klebestift, pult etwas von der weißen Masse heraus und schmiert sie auf seinen Tonpapier-Kreis. „Versuch mal, den Stift direkt aufs Blatt zu setzen, Felix“, sagt Simone Sydow-Wenck, beugt sich zu ihm und macht es vor. „Schau, so.“

Es ist Freitag, kurz nach halb zehn Uhr. Für diesen Morgen haben sich die Erzieherinnen der Krippenkinder ein Bastel-Angebot überlegt. Jedes der 15 Mädchen und Jungen zwischen einem und drei Jahren darf einen Kreis aus Tonpapier bekleben. Wenn die Kreise fertig sind, werden sie zu einer Raupe zusammengeheftet, die die Wand des Gruppenraums schmücken soll. Während die Kinder kleben, nimmt Simone Sydow-Wenck einen Bleistift und notiert auf jedem Kreis den Namen des Kindes und das Datum. „So sehen die Eltern, was ihr Kind gemacht hat. Und jeder kann seine eigene Bastelei später mit nach Hause nehmen“, sagt sie. „Oder sie kommt ins Sprachlerntagebuch.“
Kinder begleiten, sie anleiten, ihre Fortschritte dokumentieren und den Kontakt mit den Eltern pflegen: In gerade einmal zehn Minuten hat Simone Sydow-Wenck gezeigt und erklärt, was ihre Tätigkeit in der Kita im Wesentlichen ausmacht. Dabei ist sie noch gar nicht so lange in dem Beruf, den sie ihren Traumjob nennt. Erst im September vergangenen Jahres hat die 54-Jährige mit der Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin begonnen.
„Ich finde es toll, nochmal etwas Neues zu lernen“
Drei Tage pro Woche arbeitet Simone Sydow-Wenck ganz praktisch: in der Kita der Outlaw gGmbH in Alt-Wittenau. Die übrigen zwei Tage besucht sie die Fachschule für Sozialpädagogik des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) in Heiligensee. Hier werden derzeit 65 Frauen und Männer berufsbegleitend zu staatlich geprüften Erzieherinnen und Erziehern ausgebildet. „Schule und Praxis: Beides macht mir richtig Spaß“, sagt die vierfache Mutter. „Ich finde es toll, in meinem Alter nochmal was Neues zu lernen.“
In knapp drei Jahren wird Simone Sydow-Wenck ihre Ausbildung abgeschlossen haben und zu den Menschen gehören, die in Berlin und im gesamten Bundesgebiet händeringend gesucht werden. Durch die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz, den Ausbau der Kita-Betreuung, qualitative Verbesserungen und steigende Geburtenraten hat der Bedarf an Erziehern massiv zugenommen. Tendenz steigend: Bis zum Jahr 2020 sollen in Berlin 30.000 zusätzliche Kitaplätze geschaffen werden. Doch es fehlt an Fachkräften. Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg: Im Bezirk könnten 425 vorhandene Kita-Plätze nicht belegt werden, vor allem, weil die Fachkräfte zur Betreuung fehlen, erklärte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne).

Im vergangenen Jahr hat die Bundeskonferenz der Jugend- und Familienminister beschlossen, dass Erzieher als Mangelberuf anerkannt wird. In diesem Jahr soll bundesweit mehr als eine Milliarde Euro in eine Initiative gegen den Erziehermangel fließen. Auch Berlin soll profitieren. Zudem forderte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Träger auf, stärker von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, auch Quereinsteiger und Sozialassistenten in den Kitas zu beschäftigen.
Quereinsteiger sind hier in der Mehrzahl
Simone Sydow-Wenck gehört zu diesen Quereinsteigern. Bevor sie ihre Ausbildung begann, arbeitete sie für einen Fachbuchverlag, der Bücher und Spiele für Kitas und Schulen vertreibt. „Doch das rechnete sich finanziell nicht“, erzählt sie. Sieben Jahre lang träumte sie vom Erzieherberuf. Dann waren die vier Kinder groß genug und der Familienrat beschloss, dass nun Mama durchstarten kann.

„Die Zusage von der Schule hatte ich schnell, aber dann musste ich innerhalb von vier Wochen auch noch eine praktische Stelle finden“, erinnert sich Simone Sydow-Wenck. Flugs bewarb sie sich bei drei Kitas. Alle drei wollten sie haben. „Meine Erfahrung hat mir wohl geholfen – und der Erziehermangel“, sagt sie.
In ihrer Klasse an der Fachschule für Sozialpädagogik sind die Quereinsteiger in der Mehrzahl. Auch Sandra Aust gehört dazu. Die 41-Jährige ist gelernte Bankkauffrau und arbeitete 20 Jahre lang im Produktmanagement in der Musikbranche. „Irgendwann hatte ich die Büroarbeit satt und suchte eine radikale Änderung“, erzählt sie. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen, und mit Kindern komme ich sehr gut klar.“ Außerdem sei der Job sehr vielseitig. Derzeit arbeitet Sandra Aust in einer Kita, aber auch die Jugendarbeit reizt sie.
Weg vom Schreibtisch, rein in die Praxis
Ihre Mitschülerin Kathrin Steinhagen (51) wollte ebenfalls weg von ihrem Bürojob. Schon jahrelang habe sie sich mit ihrer Arbeit nicht mehr wohlgefühlt, gibt die technische Zeichnerin zu. Die Idee, sich zur Erzieherin ausbilden zu lassen, kam vom Arbeitsamt.

„Jetzt arbeite ich in einer Wohngruppe in Tegel mit erwachsenen Behinderten. Das sind so tolle Menschen, nur halt mit einem Handicap“, schwärmt Kathrin Steinhagen. Zu ihren Aufgaben gehören Betreuung, Hauswirtschaft und Pflege. Nicht nur sie, auch ihre Familie ist vom Neuanfang begeistert. „Sie sehen, dass ich jetzt glücklich bin und mir meine Arbeit richtig Spaß macht.“
42 Erzieher-Fachschulen gibt es in Berlin. An der Fachschule für Sozialpädagogik des EJF ist vor allem die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung nachgefragt. Das bedeutet, dass die Absolventinnen und Absolventen mindestens 19,5 Wochenstunden in der Praxis arbeiten. Ihre Arbeitsstelle müssen sich die Schulanwärter selbst suchen, etwa in einer Kita, im Hort, in der Behindertenarbeit, der Flüchtlingsarbeit oder in der stationären Jugendhilfe. Der theoretische Teil der Ausbildung findet an zwei Schultagen in Heiligensee statt. Das Schulgeld übernimmt seit 2016 der Senat.
Gruppenarbeit ist angesagt
An diesem Dienstag drücken Simone Sydow-Wenck, Sandra Aust und Kathrin Steinhagen gemeinsam die Schulbank. Am Morgen steht das Fach „Sozialpädagogische Bildungsarbeit“ auf dem Lehrplan. „Es geht darum, wie man die verschiedenen Bildungsbereiche in der Praxis professionell gestalten kann“, erklärt die Lehrkraft und Sozialpädagogin Nancy Ullrich. Dazu hat sie die Schülerinnen und Schüler in Gruppen eingeteilt.
Die erste Gruppe soll einen Vortrag zum Thema Bildnerisches Gestalten erarbeiten. „Erstmal brauchen die Kinder Zeit, um ihre Sinne einzusetzen“, findet Kathrin Steinhagen. „In der Natur können sie vieles ertasten, riechen, mit den Augen erkunden. Dann geht es darum, die Reize umzusetzen.“ Jana Ebsen (40) sagt: „Wir als Erzieher müssen dafür Materialien zur Verfügung stellen, etwa Ton, Holz oder Papier.“ – „Oder bunte Knete“, ergänzt Simone Sydow-Wenck. „Die kann man sogar ganz leicht selbermachen.“
Die drei Frauen, alle drei Mütter, tauschen sich über Rezepte für Knete aus. Dann wenden sie sich wieder der Vortragsarbeit zu. „Wichtig finde ich, dass es beim Gestalten nicht um Bewertung geht“, betont Simone Sydow-Wenck. „In der Schule wird früh genug bewertet.“ Kathrin Steinhagen nickt zustimmend.

Die Gruppe von Sandra Aust soll Ideen für den Bereich Mathematik finden. Mit ihr tüfteln die gelernte Physiotherapeutin Nicole David (36) und die Schulabgängerin Jessica Bayer (20) an der Aufgabe. Außerdem Sven Bartkowski (43), der 17 Jahre lang in einem Motorradladen gearbeitet hat und nun ebenfalls auf Erzieher umsatteln will. Aus ihrer praktischen Arbeit in Kitas fallen den vier Erzieher-Anwärtern viele verschiedene Übungen ein. Sand sieben, Steine, Muscheln oder Obst sortieren, Duplo-Steine nach Größen und Farben ordnen: Mit solchen spielerischen Tätigkeiten könne man den Kindern mathematische Prinzipien anschaulich machen.
Quereinsteiger bringen einen großen Erfahrungsschatz mit
Nicht nur die Erfahrungen aus der Kitaarbeit und aus der Erziehung der eigenen Kinder fließen in den Unterricht ein. Sondern auch das Wissen aus den unterschiedlichen Berufen, die die Quereinsteiger ausgeübt haben. „Ich versuche das auch ganz konkret einzubringen, wenn ich in meiner Kita arbeite“, erzählt die gelernte Physiotherapeutin Nicole David. „Wenn ich motorische Defizite bei den Kindern sehe, mache ich Übungen mit ihnen. Es kam auch schon vor, dass mir Kollegen Fachfragen gestellt haben.“
Schulleiterin Kerstin Grigoleit sieht die Vielfalt der Biografien und den Erfahrungsschatz ihrer Schülerinnen und Schüler als großes Plus. „Unsere Schülerschaft ist so bunt, wie es die Arbeitsbereiche von Erzieherinnen und Erziehern sind“, sagt sie fast stolz. Die Abiturientin sei genauso dabei wie Frauen und Männer in der Lebensmitte, die sagen: „Und jetzt mache ich nochmals was ganz anderes.“
Ihrer Ansicht nach ist es sowieso insbesondere die Persönlichkeit, die einen guten Erzieher bzw. eine gute Erzieherin ausmacht. „Wissen zu vermitteln ist leicht. Aber wichtig ist mir vor allem die Haltung der Menschen: dass sie anderen auf Augenhöhe begegnen, Wertschätzung zeigen und Ressourcen ausschöpfen.“
Den Beruf attraktiver machen
Allerdings gibt es auch Skepsis gegenüber denen, die den Quereinstieg in den Erzieherberuf propagieren oder selbst Quereinsteiger sind. Zum einen, weil es dem Image des Arbeitsfelds nicht unbedingt zuträglich ist: Suggeriert ein Seiteneinstieg doch, dass zum Erzieherberuf womöglich „nicht allzu viel dazu gehört“. Zum anderen führt die zunehmende Zahl von Quereinsteigern in Kitas, Horten und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zu einer zusätzlichen Belastung des ohnehin raren Fachpersonals.
Obwohl die Erzieher-Anwärter noch keine ausreichenden pädagogischen Kenntnisse und Routinen hätten, würden sie voll auf den Personalschlüssel angerechnet, bemängeln Kritiker. Das strapaziere das Fachpersonal übermäßig, das die Seiteneinsteiger anleiten müsse – genauso wie die Seiteneinsteiger selbst. „Sie werden häufig gleich ins kalte Wasser geworfen und mit den Kindern allein gelassen, weil die Fachkräfte-Kapazitäten nicht ausreichen“, moniert Christiane Weißhoff von der Bildungsgewerkschaft GEW.
Eine Lösung könnte sein, die Erzieherinnen und Erzieher in Ausbildung nur anteilig auf den Personalschlüssel anzurechnen. Dazu müsste es aber mehr Fachkräfte geben, die die Personallücken in den Kitas & Co füllen können. Wofür wiederum eine Aufwertung des Erzieherberufs sorgen könnte. Eine bessere Entlohnung genauso wie mehr gesellschaftliche Anerkennung ist in den Augen vieler Fachleute längst überfällig.
Große Herausforderungen

Wie verantwortungsvoll, kräftezehrend und häufig auch knifflig die Aufgaben von Erzieherinnen und Erziehern in der Praxis sind, davon können die Studierenden der Fachschule für Sozialpädagogik berichten. Etwa Bettina Wilpert (51). Die gelernte Hotelfachfrau und Ausbilderin arbeitet in einer Clearingstelle für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren. Per richterlichem Beschluss kommen die Kids in die Kriseneinrichtung und bleiben dort für etwa drei Wochen, bis über ihren Verbleib entschieden ist. Viele von ihnen kennen keine geregelten Abläufe, sind jahrelang nicht zur Schule gegangen, lungerten auf der Straße herum, sind drogenabhängig oder prostituierten sich.
„Es gibt viel Gewalt bei uns“, sagt Bettina Wilpert, „das muss man aushalten können.“ Der Einblick in die frühkindliche Entwicklung, den sie im theoretischen Unterricht gewinne, helfe ihr bei ihrer Arbeit, sagt sie.
Ihr Mitschüler Sven Bartkowski ist zwar nicht mit auffällig gewordenen Jugendlichen betraut, sondern in einer Kita mit den Jüngsten, den Krippenkindern. Aber auch er findet, dass die Arbeitsbelastung häufig sehr hoch ist. „Es müsste mehr Personal geben“, sagt er. „Man stopft häufig Löcher, anstatt praktisch anwenden zu können, was man hier gelernt hat.“ Der 43-Jährige träumt davon, mal vier Kinder aus seiner Gruppe rauszunehmen, ihnen Material zu geben und zu beobachten, was sie daraus machen. Stattdessen wechselt er an manchen Tagen Windeln wie am Fließband. Von seinem Traum des Erzieherberufs ist Sven Bartkowski dennoch nach wie vor überzeugt. „Der Abschluss“, sagt er, „bietet so viele Möglichkeiten, die ich jetzt noch nicht habe.“
Was gelernt wird, soll direkt in die Arbeit einfließen
Um ihrem Ziel näher zu kommen, müssen sich die Studierenden der Fachschule allerdings manchmal auch überwinden. Wie an diesem Mittag in der Wahlpflichtstunde „Theater und darstellendes Spiel“. Grit van Dyk, Dramaturgin und Erziehungswissenschaftlerin, will der Klasse verschiedene Spiele näherbringen.
Doch zuerst geht es darum, sich locker zu machen und die Fantasie zu aktivieren. „So, alle gehen durch den Raum und pflücken Äpfel“, fordert Grit van Dyk. Einige Schülerinnen und Schüler recken und strecken sich, manche versuchen, sich zu drücken, kichern und albern herum. „So, und jetzt bückt ihr euch nach Erdbeeren“, sagt Grit van Dyk unerbittlich an.
Dann geht der Geschichtenball um. Wer den Ball fängt, muss den vorherigen Satz aufnehmen und weitererzählen. Daraus entsteht eine Geschichte.
Die anschließenden Pantomime-Übungen fallen nicht allen gleichermaßen leicht. Verzweiflung, Wut oder Liebe auszudrücken erfordert, sich auf diese Gefühle einzulassen, sich das Spielen zu trauen und die Zuschauer ein Stück weit zu vergessen. Leichter wird es, als die Klasse in zwei Gruppen eingeteilt wird und diese um die Wette Begriffe erraten müssen. Es gibt zwei Minuten Rate-Zeit für jede Gruppe – und viel Gelächter im Raum. Abschließend fragt Grit van Dyk, wie man dieses Spiel für verschiedene Altersgruppen variieren könne – als Anregung für die praktische Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in spe.
Inspirierender Blick von außen
Für die Krippenkinder von Simone Sydow-Wenck in der Outlaw-Kita in Alt-Wittenau sind solche Spiele noch zu komplex. Und doch hat die 54-Jährige es schon geschafft, eine eigene Note in „ihre“ Krippengruppe zu bringen. „Ich lese sehr gerne vor“, erzählt sie. „Und wenn Kinder, die sonst durch den Raum wetzen, mir fünf Minuten zuhören, ist das schon ein toller Erfolg.“ Ihre Kollegin, Erzieherin Sonja Weyh, stimmt zu.
„Auch Simones Blick von außen ist für uns bereichernd“, ergänzt sie. „Sie hinterfragt Dinge, die wir schon immer so und nicht anders gemacht haben. Und dann probieren wir manchmal was Neues aus.“ Kollegin Sandra Rast schätzt die Entlastung durch die Quereinsteigerin. „Je mehr wir sind, desto besser können wir uns in kleine Gruppen aufteilen oder zum Beispiel Ausflüge machen.“
Jetzt allerdings ist in der Outlaw-Kita erst einmal Mittagessen angesagt. Felix hat das Stichwort gehört. In den weißen Klackerschuhen, die er sich aus der Verkleideecke geholt hat, läuft er zur Spielküche. Dabei balanciert er einen Teller mit Apfelschnitzen in den Händen. Kaum angekommen, gerät der Teller in Schieflage, die Apfelstücke purzeln herunter. Simone Sydow-Wenck eilt zu ihm. Es gibt immer viel zu tun.
Mehr Infos: erzieher-werden-in-berlin.de.
Außerdem findet am Sonnabend, 10. März, auf dem Flughafen Tempelhof der Berlin-Tag statt, eine Job- und Infomesse für den Lehrer- und Erzieherberuf. 9.30 bis 15 Uhr, Platz der Luftbrücke 5. Eintritt frei. Das Programm: www.berlin-tag.berlin


