Dinge des Lebens

Die Kerzenleuchter der Senatorin

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Anke Bielenberg erzählt von zwei prunkvollen Kerzenleuchtern.

Foto: Massimo Rodari

Lächelnd blickt Anke Bielenberg zu ihrem Wohnzimmerregal, auf dem sich Fotos aneinander reihen. „Ja, es gibt viele Erinnerungen an meinen verstorbenen Mann und seine Familie“, sagt sie. Vor fast fünf Jahren, kurz nach dem Tod ihres Mannes, ist sie wegen ihrer Tochter und der drei Enkelkinder aus Dortmund nach Berlin in die Dachgeschosswohnung im Grunewald gezogen.

„Viele Dinge konnte ich nicht mitnehmen, die neue Wohnung ist viel kleiner. Ich musste aussortieren und habe mich auf die wichtigsten Erinnerungen beschränkt.“ Dazu gehören die vielen Fotoalben, in denen die Reisen des Paares dokumentiert sind, eine Sammlung von Jazz-CDs und zwei große, massive Kerzenleuchter aus Messing. Frisch geputzt zieren sie den weiß eingedeckten Esstisch zu jedem Festessen für die Familie. Asiatisch anmutende Figuren sind auf die sechseckigen Ständer appliziert und graviert. „Beide zusammen wiegen gut sieben Kilo“, sagt Anke Bielenberg. Zu festlichen Anlässen standen sie schon bei der Großmutter ihres Mannes auf dem Tisch. „Den Heiligen Abend feiern wir seit einigen Jahren bei meiner Tochter. Ich bringe die Kerzenleuchter dann mit, denn sie sind für unsere Familie der Inbegriff von Festlichkeit. Auf dem Esstisch leuchten sie dann – und so ist die Familie meines Mannes samt Großmutter immer dabei.“ Dabei erzählt sie dann auch gerne aus der Vergangenheit, denn ihre drei Enkel im Alter von vier bis neun Jahren sind neugierig und fragen viel – auch nach den Kerzenleuchtern.

Ein Ruf wie Donnerhall

„Alma Richter hatte in der Familie meines Mannes eine Ruf wie Donnerhall: In Danzig wurde sie im Jahr 1929 zur ersten weiblichen Senatorin Europas gewählt. Es heißt, ihr Mann Richard hatte nicht viel zu melden in der Familie.“ Lange dachte Anke Bielenberg, die Kerzenleuchter hätte Alma Richter auf der Flucht aus Danzig mitgenommen. „Aber das wäre natürlich viel zu beschwerlich geworden. Später habe ich aus den Erzählungen meines Mannes erfahren, dass die Leuchter ein Geschenk der Vertretung der freien Stadt Danzigs zu einem runden Geburtstag waren – wahrscheinlich zum 80. Geburtstag 1959.“

Die Großmutter, 1879 in Chemnitz geboren, kam mit 32 Jahren und zwei kleinen Töchtern nach Danzig, in die Heimatstadt ihres Mannes. Im Auftrag des Bürgermeisters übernahm Alma Richter die Organisation der Versorgung für die Frauen der eingezogenen Soldaten und für die Kriegswitwen. 1918 wurde Alma Richter zur Stadtverordneten gewählt und gleich nach dem Krieg gründete sie einen Hausfrauenbund mit einer Lehrküche und einer Beratungsstelle, um den Frauen in der Krise zu helfen.

Verständnisvoll sei sie gewesen, aber auch durchsetzungsstark: Als sie erfuhr, dass im Hafen von Danzig ein amerikanisches Schiff mit Lebensmitteln für die polnische Bevölkerung liegt, beschwor sie die Verantwortlichen, auch an Danzig zu liefern. In der Autobiografie der Großmutter klingt es so, wenn der damalige Konsul in Danzig ihr antwortet: „Sie haben Glück! Ein Drittel der Schiffsladung darf ich an Danzig abzweigen.“ Diese Zusage garantierte damals die Versorgung der Bewohner für mehrere Monate.

Sie sorgte für Kindererholungsheime und Seniorenresidenzen

Als Senatorin sorgte Alma Richter für Kindererholungsheime und das erste Altenheim der Hansestadt. Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht, die Großmutter verlor alle Ämter. „Aber in der Familie meines Mannes gibt man nicht so schnell auf: Alma Richter gründete eine Süßmosterei, die im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht mit Most versorgte und auch finanziell sehr erfolgreich war“, sagt Anke Bielenberg. In dieser Zeit habe Alma ihre ältere Tochter verloren, die an einer Blutvergiftung gestorben sei. Sie selbst kann sich nicht vorstellen, nach so einem Schicksalsschlag weiterzumachen für Land und Leute. „Aber jeder ist da anders.“

Das Engagement der Großmutter ihres Mannes bewundert Anke Bielenberg jedenfalls sehr: „In Zeiten des Nationalsozialismus durfte Alma nicht mehr politisch tätig sein, verlor fast die finanzielle Grundlage des Lebens und musste noch einmal von vorne starten. So viel Mut und Kraft ist selten.“ Aber ein Leben wie das von Alma Richter käme für sie nicht in Frage: Die Familie, gutes Essen und guter Wein, der Besuch von Konzerten, das sei die richtige Mischung für ihr heutiges Leben, sagt die ehemalige Sekretärin.

Für die Familie tat Alma Richter alles, was organisatorisch möglich war. Dabei war das Verhältnis zu ihrer Tochter Ilse geprägt von gegenseitigem Respekt: Denn Ilse heiratete und entschied sich für ein ruhiges Leben mit ihrem Mann Ernst und den zwei Söhnen.

Sie starb an Heiligabend – mit 91 Jahren

Aus Danzig vertrieben, kehrte Alma Richter nach Sachsen zurück, geriet aber zunehmend in politische Konflikte und verließ die Sowjetzone mit 70 Jahren, um in Hagen in der Nähe ihrer Tochter und Enkel zu wohnen und noch einmal politisch aktiv zu werden. Dort gründete sie die Danziger Frauengruppe, engagierte sich in der internationalen Frauenbewegung und wurde Mitglied der FDP. In diesen Funktionen reiste und organisierte sie bis zu ihrem 90. Geburtstag und erhielt für ihr Engagement 1968 das Bundesverdienstkreuz. Während der Rat der Danziger der Großmutter zum 85. Geburtstag einen Wandleuchter schenkte, den der erste Enkel erbte, bekam sie von den Danziger Vereinigungen die beiden Messingleuchter wahrscheinlich zum 80. Geburtstag. Friedlich eingeschlafen ist Alma Richter dann am Heiligabend. Sie wurde 91 Jahre alt.

Anke Bielenberg zündet die Kerzen auf den Leuchtern an und sagt: „Alma Richter ist so etwas wie eine Familienlegende. Ich erzähle meinen Enkeln heute manchmal zum Einschlafen die Geschichten, die mein Mann mir erzählt hat. Vielleicht erzählen diese sie später weiter, und so bleibt die erste Senatorin Europas in Erinnerung.“

Oft ist es im Leben so: Die Dinge überdauern die Menschen, aber sie bleiben durch die Geschichten, die sie erzählen, mit ihnen verbunden.

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