Eigentlich ist die Sache mit den Äffchen Birgit Klinghammers kleines Geheimnis. „Mein Mann merkt es nicht, wenn ich sie ihm einstecke“, sagt die 69-Jährige lachend. Auch ihre beiden Söhne fanden die Tierchen nicht, wenn sie auf große Fahrt gingen und Mama sie in ihre Reisetasche geschmuggelt hatte. Die Äffchen sind immer dabei.

„Ich habe so ein Gefühl, als ob alles gut ginge, wenn man sie mitnimmt oder den Kindern mitgibt. Deshalb müssen sie unbedingt mit, wenn wir verreisen oder einer von uns ins Krankenhaus muss.“ Die Äffchen sind schon weit herumgekommen: Sie haben von Birgit Klinghammers Rucksack aus schon die USA, Norwegen, Mexiko, Russland, die Schweiz und Afrika bereist. Wenn die Äffchen nach ihrem „Frauchen“ kommen, hat es ihnen wohl auf den Malediven am besten gefallen: „Das ist ein Traum!“ Birgit Klinghammer gerät ins Schwärmen, als sie sich erinnert. „Wir waren dort Schnorcheln, es ist toll, wie viele Tiere man dabei sehen kann.“ Sogar Haie tauchten neben ihr auf, und nachmittags glitten Riesenrochen über sie hinweg, „so groß wie ein Tischtuch“.

Weitgereiste Stofftiere

Die Äffchen saßen derweil sicher im Hotelzimmer. Beim Landgang während der Schiffsreise nach Skandinavien und Russland spazierte eins von ihnen allerdings mit Birgit Klinghammer durch Sankt Petersburg. „Ich habe immer eines im Koffer und eines im Rucksack, den ich bei mir trage“, erzählt Birgit Klinghammer, die am liebsten ans Meer reist. Sie liebt das Wasser, ist in der Schwimmabteilung des VFK Berlin Südwest schon seit 40 Jahren aktiv, lehrt Kinder das Schwimmen und gibt Aquagymnastikkurse.

„Vielleicht liegt es daran, dass ich in Kolberg an der Ostsee geboren bin“, sagt sie. Das Sole- und Kurbad in Westpommern liegt direkt am Meer und ist Partnerstadt von Pankow. Birgit Klinghammer kam im Mai 1944 zur Welt. Sie war noch nicht ein Jahr alt, als sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus Kolberg vor den näher rückenden sowjetischen Truppen flüchtete und zunächst in Pankow-Niederschönhausen eine neue Heimat fand. Aber bereits im Dezember 1949 übersiedelten sie in den Berliner Süden.

Doch zuerst musste eine Familie gefunden werden, die in den Osten ziehen wollte und mit der die Wohnung getauscht werden konnte. Teilweise mussten auch deren Möbel übernommen werden. „Es blieb ein völlig verstimmtes Klavier in der Wohnung, auf dem musste ich dann immer üben.“ Birgit Klinghammer lacht, wenn sie heute daran denkt. „Das klang sehr charmant“, erzählt sie und spricht sofort weiter: „Als ich eingeschult wurde, haben sie uns gleich am ersten Schultag einen Film über Pieck und Grotewohl gezeigt. Da haben meine Eltern gesagt: ‚Nun ziehen wir weg!‘“ So ging es nach Lichterfelde Süd, „und in dem Karree bin ich auch immer geblieben, abgesehen von einer kurzen Zeit in Tempelhof.“ Die etwa zehn Zentimeter kleinen Äffchen wurden erst später ihre ständigen Begleiter.

Sie entdeckte sie im KaDeWe

„Die sind aus dem KaDeWe“, erzählt sie. „Wir haben dorthin mit den Eltern an den verkaufsoffenen Adventssonntagen immer einen Spaziergang gemacht. Damals war das ein richtig kuscheliges Kaufhaus.“ Geschenkt bekam sie das erste Äffchen aber erst im Mai, zu ihrem 13. Geburtstag, von ihrer Mutter. „Ich habe ihr dann gesagt, ein Äffchen geht nicht, das fühlt sich so alleine!“ Also bekam es zur Gesellschaft einen Tiger, „aber den wollte ich nicht, der war so hart“. Zum nächsten Geburtstag gab es das zweite Äffchen und beide sind seitdem bei allen wichtigen Ereignissen dabei, ob bei der Führerscheinprüfung oder der Abschlussprüfung zu ihrer Ausbildung.

Birgit Klinghammer lacht wieder ihr ansteckendes Lachen, wird aber gleich ein bisschen traurig. „Eigentlich wollte ich Innenarchitektin werden, aber dazu musste man eine Tischlerlehre machen.“ Das jedoch verbot der Vater, weil es sich für ein Mädchen Anfang der 60er-Jahre nun wirklich nicht schickte. So begann sie 1960 eine Lehre zur Versicherungskauffrau. „Die Büroarbeit war eklig!“ Und war doch das einzige, was das Lehrmädchen machen durfte. „Die Mädchen durften die Kunden nicht betreuen. Überhaupt wurde das nächste erst eingestellt, wenn das vorige Mädchen ausgelernt hatte.“ Schließlich war das Fräulein Falkenhagen, wie Birgit Klinghammer mit Mädchennamen hieß, die einzige Frau unter den neun Lehrlingen. Die Äffchen mussten die junge Frau des öfteren trösten.

Einen Waschgang überlebt

„Die sind übrigens von Steiff“, erzählt Birgit Klinghammer. Aber der charakteristische Knopf im Ohr ist längst verloren gegangen und eines hat über die Jahre auch die Händchen verloren. Das zweite hat seine gesunde Gesichtsfarbe eingebüßt – in der Waschmaschine. Birgit Klinghammer hatte den Glücksbringer versehentlich in die Wäsche gesteckt, als sie den Koffer ihres Sohnes nach einer Reise ausgepackt hatte. Sie hatte ihn so gut verborgen, dass sie ihn selbst nicht mehr gefunden hatte.

Doch das löscht die Liebe nicht. Die Plüschtiere kommen noch immer überall hin mit. Auch bei der Hochzeit mit ihrem Bernd im Jahr 1992 waren sie dabei. Allerdings mussten sie im Hotelzimmer warten, während sich das Paar in Negril auf Jamaika am Strand das Ja-Wort gab. Eigentlich hatte Birgit Klinghammer nur gescherzt, als sie auf einem Fest auf die ebenfalls scherzhaft gemeinte Frage „Wen möchtest du denn heiraten?“ geantwortet hatte: „Den, der mit mir nach Jamaika fährt!“ Ihr Bernd hatte sofort gerufen: „Ich fahre mit dir!“ Und so waren die beiden heimlich aufgebrochen, alle wichtigen Papiere in englischer Übersetzung im Gepäck.

Bernd und Birgit halten fest zusammen, auch wenn sie nach seinen zwei Herzinfarkten nicht mehr so viel und weit verreisen können und sich auch in ihren Hobbys einschränken müssen. Auch das Laufen geht nur noch an Krücken. Bernd Klinghammers Stimme klingt weich und liebevoll, als er sagt: „Birgit hält immer zu mir. Wenn einer mir was wollte, dann kriegte der wat uff die Neese!“