Kennen Sie auch diese Sorte sport-, meist fußballverrückter Mann, der Frauen zur Verzweiflung treibt, weil er nie Zeit hat? Pläne für romantische Wochenenden scheitern regelmäßig, weil alle Tage durch Fußball besetzt sind: Am Freitagabend das erste Ligaspiel, Sonnabend ist Hauptspieltag der Bundesliga, tags darauf zwei Sonntagsspiele. Unter der Woche sieht es ebenso aus: montags das Zweitligaspiel, dienstags und mittwochs Champions League und am donnerstags Euroleague.

Auch Ahmet Housein ist so ein Sportbegeisterter, dessen Frau die Stunden nicht mehr zählen kann, die sie mit ihm auf Wettkämpfen und in Trainingshallen verbracht hat. Ihre Rivalin heißt Taekwondo und ist Houseins zweite große Liebe. Zwar hat er mit dem Boxen angefangen, doch erst bei der koreanischen Kampfkunst fand er, was er suchte. Urkunden und Medaillen aus seiner aktiven Zeit besitzt der 47-Jährige noch heute. Besonders liebt er die, die er gewann, als er 1981 Berliner Taekwondo-Meister in der Juniorenklasse wurde.

Seine Liebe zum Kampfsport begann in den 70er-Jahren, Ahmet war acht Jahre alt. Bruce Lee begeisterte mit seinen Filmen die Menschen für Kung Fu und Martial Arts, und die Serie „Kung Fu“ mit David Carradine lief im Fernsehen. Erst drei Jahre zuvor war die Familie aus dem griechischen Komotini, wo sie zur türkischen Minderheit gehörte, nach Deutschland übergesiedelt. „Ich habe nie eine Folge von ,Kung Fu’ verpasst und wollte unbedingt Kampfsport machen.“ Schließlich brachte ihn sein sieben Jahre älterer Cousin Kemal zum Boxtraining.

Taekwondo bedeutet „Weg des Fußes und der Hand“

„Ich bin immer hinter ihm hergelaufen“, grinst Housein, „das Baby hat ihn gestört, aber er hat mich trotzdem sehr geliebt.“ Als sich herausstellte, dass Boxen für das „Baby“ nicht der richtige Sport war, nahm Kemal den kleinen Ahmet mit zum Taekwondo-Training. Der Weg führte quer durch die Stadt, und die Jungs waren oft erst abends um 22 Uhr zu Hause. Die Eltern waren alles andere als begeistert, aber Ahmet ließ sich nicht davon abhalten. „Kemal war ja mein Agabey, mein großer Bruder, und somit war es in unserer türkischen Tradition ok.“

Die wörtliche Übersetzung von Taekwondo bedeutet „Weg des Fußes und der Hand“. Natürlich gehört es dazu, Tritte und Schläge auszuteilen und einzustecken. Aber es ist der „Weg“, das „Do“ in Taekwondo, der den Sportler geistig wachsen lässt und der diesen Sport für Housein so faszinierend macht. So sehr, dass er seit fast dreißig Jahren als Trainer versucht, seinen Schülern nicht nur die Kampfkunst, sondern eben auch dieses Do zu lehren.

Am liebsten trainiert er Kinder, weil „sie die Zukunft sind“. Über den Umweg der sportlichen Übungen soll der Schüler Höflichkeit, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen lernen. Die Taekwondoin, die den Sport ernsthaft betreiben, strahlen innere Ruhe aus gepaart mit Respekt vor den Menschen, mit denen sie zu tun haben.

Ein Baum braucht Wurzeln

Geduld und Fleiß fordert der Träger des 5. Dan im Taekwondo von seinen Schülern. Um ihn herum im Trainingsraum seiner Spandauer Sportschule hopsen zehn Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren schwitzend auf und ab. Sie üben Grundtechniken. Heute sind Fußtritte an der Reihe. Sie reißen die Beine hoch, zielen auf den Kopf des Partners, der ihnen in gebührendem Abstand gegenüber steht.

Wieder und wieder korrigiert der Trainer Haltung und Technik. Langsam verlieren einige die Geduld. „Ich weiß, ihr habt keine Lust mehr“, sagt Ahmet Housein. „Gerade deshalb machen wir es noch zehnmal. Die Grundtechnik muss sitzen, sonst verletzt ihr euch und andere.“ Meistens setzt er noch nach: „Ein Baum ohne Wurzeln kann nicht stehen.“

Ein aktiver Taekwondoin erhält viele Urkunden: Nach jeder Gürtelprüfung oder nach Wettkämpfen, dann meist zusammen mit einer Medaille oder einem Pokal. Doch Ahmet Houseins Urkunde ist ihm nicht nur wertvoll, weil sie seinen ersten großen Erfolg in einem Turnier bezeugt. „Sie erzählt ein Stück Berliner Taekwondo-Geschichte“, sagt Housein. „Vor allem seit Taekwondo olympisch ist, wird es immer professioneller organisiert.“

Deutschlandweite Turniere

Heute gibt es die Deutsche Taekwondo Union, die Dachverband für die einzelnen Landesverbände ist. Es gibt deutschlandweit Turniere, die absolvieren muss, wer sich für eine Europa-, Weltmeisterschaft oder gar die Olympischen Spiele qualifizieren möchte. „In den 80er-Jahren hatten wir keine Möglichkeit, zu Turnieren außerhalb Westberlins zu fahren oder Mitglied im Nationalkader zu werden“, erzählt Ahmet Housein. „Es gab in Berlin nicht mal reine Taekwondo-Turniere.“

Taekwondo wurde in Schulen von koreanischen Meistern gelehrt, die seit den 60er-Jahren nach Deutschland gekommen waren. Als Ahmet Housein Berliner Meister wurde, war Taekwondo eine Abteilung im Deutschen Judoverband. Wer sich unbedingt mit anderen messen wollte, musste bei Turnieren der World All-style Combat Sports Organization starten, unter deren Schirm Kampfsportler aller Arten gegeneinander antraten. „Nicht wie heute mit Schutzausrüstung.“ Housein lacht, wenn er an diese Zeit zurück denkt. „Das war Hardcore Vollkontakt.“

Harmonie im Leben dank Taekwondo

So erkämpfte er seinen Meistertitel gegen Kampfsportler aller Art: Vor allem Kickboxer nahmen an den Turnieren teil, aber auch Ju-Jutsu, Kung Fu oder Karate waren vertreten. „Die Kung-Fu-Leute haben wir erst mal angewiesen, dass man beim Turnier den Gegner nicht mit dem Finger in die Augen piekt.“ Ahmet Housein amüsiert die Erinnerung an diese wilde Zeit. 1992 gründete er seinen eigenen Verein, die Black Bears Berlin.

Der koreanische Sport hat ihn nie wieder losgelassen: „Wenn man Harmonie im Leben sucht, kann man das mit Hilfe von Taekwondo finden. Wenn ich den Trainingsraum betrete, vergesse ich alle Sorgen.“ Da bleibt manchmal wenig Zeit für seine Frau. Aber sie hat sich längst damit abgefunden, dass sie mit einem Taekwondo-verrückten Mann verheiratet ist.