Wenn sich der Herbst ankündigt, beginnt für Brigitte Haunert die schönste Jahreszeit. Die Luft, sagt sie, dufte dann so herrlich nach Holzfeuer und welken Blättern. Und wenn die Bäume kahl seien, sehe alles so marode aus, das mache sie irgendwie sentimental. „Ja, ich bin ein absoluter Herbsttyp“, sagt die blonde Zehlendorferin und lacht. „Auch, weil ich es mag, kuschelige Sachen anzuziehen. Vor allem meine geliebte Jacke.“

Sie zeigt auf das schlammfarbene Stück Textil, das neben ihr liegt, greift nach ihm und schlüpft hinein. Das unscheinbare Häuflein Stoff entpuppt sich als eine elegante, lang geschnittene Winterjacke aus glänzender Baumwolle, die mit auffälligen schwarzen Schlaufen geschlossen wird. Der Clou jedoch sind die Fellstreifen, mit denen die Kanten und die Ärmel abgesetzt sind und der auch die Kapuze großzügig umrahmt. „Polarfuchs“, sagt Brigitte Haunert und streicht fast andächtig über den weichen Pelz.

Die Wandlungsfähigkeit ist einer der Gründe, warum die 58-Jährige so an der Jacke hängt. Sie sei super praktisch zum Fahrrad fahren, biete aber gleichzeitig beim Stadtbummel das gewisse Etwas. Im Flieger ließe sie sich bedenkenlos ins Gepäckfach knautschen, ohne dass man ihr am Ziel die rüde Behandlung ansehe. „Diese Jacke ist völlig unempfindlich, nur ganz selten gebe ich sie mal in die Reinigung“, erzählt Brigitte Haunert. Und auch die Dauer des intensiven Gebrauchs sieht man dem guten Stück nicht an: Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seit die damals 27-Jährige die kostbare Jacke erstand.

Eigentlich war die Jacke für die Studentin unerschwinglich

Kostbar: Das ist die Jacke nicht nur heute, wo sie ihrer Besitzerin so sehr ans Herz gewachsen ist. Das war sie erst recht für die Studentin der Medizin, als die die junge Brigitte damals durch die Straßen der Universitätsstadt Münster lief. Dort wohnte, lernte und arbeitete sie gemeinsam mit Gerd, der bis heute als ihr Ehemann an ihrer Seite ist. „Ich lief also durch die Stadt, als ich plötzlich in einer Boutique in einer Seitenstraße diese Jacke entdeckte. So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen“, erzählt sie. „Ich war regelrecht verzaubert und stand bestimmte eine halbe Stunde davor, bevor ich mich traute, sie einmal anzuziehen. Sie war für mich der Inbegriff von Luxus und Glamour – und für mich eigentlich unerschwinglich.“

1300 D-Mark lautete der stolze Preis. Demgegenüber stand die Einnahme von 585 D-Mark Bafög, die Brigitte und Gerd, ein Jurastudent, jeweils monatlich erhielten. Das schmale Einkommen besserte Brigitte mit Nachtwachen im Krankenhaus auf, „die brachten 100 D-Mark pro Nacht“. Außerdem kellnerte sie, Gerd fuhr Taxi. „Damit erfüllten wir uns Wünsche wie eine Reise nach Südfrankreich.“

Auch wenn sich Brigitte in der Jacke sehr gefiel, verließ sie das Geschäft unverrichteter Dinge und fuhr wie immer mit dem Rad nach Hause in die kleine Wohnung, die sie mit ihrem Mann teilte. Viele Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, und sie versuchte, den Verstand über die Sehnsucht siegen zu lassen: „Ich brauche doch gar keine Jacke“, „Eine Studentin mit Pelz – das passt nicht“, „Pelz ist verpönt, erst recht bei den 68-ern an meiner Uni“, „Gerd wird total sauer sein, wenn ich die Jacke kaufe“. Doch es half alles nichts. Brigitte ging das edle Teil einfach nicht aus dem Kopf. Drei Tage später fuhr sie zu der Boutique zurück und kaufte die Jacke von ihrem Ersparten. Ihrem Mann erzählte sie, sie habe „nur“ 600 D-Mark gekostet. „Trotzdem gab es einen richtigen Ehekrach. ‚Du spinnst wohl‘, sagte er zu mir. Und fand es peinlich, als ein Kommilitone später zu ihm sagte, ich sähe in der Jacke wie ein Filmstar aus.“

Ein Symbol für die Zweisamkeit

Heute hat sich Gerds Einstellung geändert. „Todschick“ finde er die Jacke und ermuntere sie, sie zu tragen. Auch mit dem Preis hat er sich versöhnt. Umgerechnet auf 31 Jahre hat das Teil das Paar jährlich 42 D-Mark gekostet oder rund 21,50 Euro. „Was, so günstig?“, ruft Gerd Haunert aus dem Hintergrund. Seine Frau lacht. „Ich denke, dass wir beide die Jacke so sehr mögen, hat auch damit zu tun, dass sie uns an unsere Jugend erinnert, an unsere vielen gemeinsamen Erlebnisse und an unsere Zweisamkeit.“ Für diese haben die beiden viel getan und riskiert.

Kennengelernt hat sich das Paar auf einem Campingplatz in Bulgarien. Brigitte, die 18-jährige DDR-Bürgerin, machte dort Urlaub mit den Eltern und ihren zwei Geschwistern, der 20-jährige Gerd war auf Durchreise mit zwei Kumpels. „Er war genau mein Typ, und ich wollte aus der DDR raus“, sagt sie. „Ich fand sie sehr nett, und dass sie aus der DDR kam, fand ich exotisch und es faszinierte mich“, sagt er. Man tauschte Adressen, hielt Kontakt. Gerd besuchte Brigitte in Radebeul, das Paar traf sich in Ostberlin, und man verbrachte zwei gemeinsame Urlaube in der Tschechei und Ungarn.

Für die Hochzeit raus aus der DDR

1976 stellte Brigitte einen Ausreiseantrag, Grund: „Heirat“. 1977, am 3. Oktober, einem Tag, der später historisch werden sollte, war es dann soweit: Brigitte reiste aus, zog zu Gerd nach Münster – und heiratete ihn am 13. Dezember tatsächlich. Bald feiern sie ihren 36. Hochzeitstag. „So eine gemeinsame Vergangenheit verbindet“, sagt Brigitte Haunert. „Es war nicht einfach für uns. Wenn es dann mal einen Konflikt gibt, wirft man die Flinte nicht gleich ins Korn.“

Doch eigentlich ist es nur ein Punkt, der manchmal für Streit sorgt. Während Gerd weniger Wert auf teure Kleidung legt, ist Mode und Aussehen für Brigitte bis heute ein wichtiges Thema. Sie mag es, sich mit besonderen Teilen von der Masse abzusetzen, und investiert gern in gute Qualität, auch wenn sie mehr kostet. Dabei hat sie allerdings auch keine Scheu, Designer- mit Kaufhausware zu kombinieren.

Sich von Kleidungsstücken zu trennen, fällt ihr schwer. „Diese moderne Wegwerfmentalität gefällt mir gar nicht“, so die Zehlendorferin. „Sich jede Saison komplett neu einzukleiden, ist doch völlig überflüssig. Ich hänge an den alten Dingen, vor allem, wenn sie mir etwas sagen – und bleibe ihnen treu.“ Wofür die Jacke das beste Beweisstück wäre.