Der Ausdruck auf Tibors Gesicht lässt Großes erahnen. Wie er da steht, in diesem überdimensionierten Malerkittel, auf dem Stuhl hoch oben mit dem Pinsel in der Hand und den Blick in die Ferne gerichtet - man könnte meinen, er selbst stehe da Pose. Man könnte nun ein Porträt von ihm malen. Da steht ein kleiner Kerl, ausdrucksstark und wie ein Großer. Mit seinem Ziel fest in Kopf und Herzen: Tibor ist neun Jahre alt. Und er weiß schon jetzt ganz sicher, dass er später einmal Künstler sein will. Maler. Und er will davon leben können. Das es so sein wird, daran hat man nach einem Treffen mit dem Jungen, der sein Ziel so ernsthaft erwachsen verfolgt, keinen Zweifel mehr.

Traumberuf steht fest

Der Treffpunkt ist ein echtes Atelier. Das Atelier der Malerin Annette Goessel in einem Hinterhof in Kreuzberg, unweit der Bergmannstraße. Der Raum atmet Kreativität, die Künstlerin sowieso. Vielleicht könnte man als „Nachwuchskünstler“ aufgeregt sein, gespannt, „wie das wohl so ist“ in einem echten Arbeitsumfeld, eines echten Künstlers. Aber Tibor? Der ist ungemein lässig, cool. Vielleicht findet er die Fragen, die ihm gestellt werden auch einfach ein bisschen blöd. Warum er Maler werden wolle? Ob er sich da sicher sein? Für ihn scheinen das schlichtweg keine Fragen zu sein, die zur Debatte stehen. Er ist neun Jahre alt, sagt aber Sachen wie: „Ich habe schon immer gemalt.“ Oder: „Ich zeichne jeden Tag. Ich kann gar nicht anders.“

Tibor ist das jüngste von drei Kindern. Sein Bruder und seine Schwester sind 19 und 23 Jahre alt. Sie arbeiten als Grafiker und Illustratoren. Auch Tibors Vater Ralph ist Grafiker. Wenn um einen herum alle zeichnen - wie sollte man dann etwas anderes tun? Die Familie Kaiser kommt aus der französischen Schweiz. Für ein Jahr sind sie in Berlin. Um etwas anderes zu sehen, Großstadt zu atmen, Erfahrungen zu sammeln. Für dieses eine Jahr geht Tibor auf die Schule der Klax-Gruppe. „Klax“ ist ein international tätiger Bildungsträger, betreibt Kindergärten, Grund- und Sekundarschulen und bietet darüber hinaus Aus- und Fortbildung für Pädagogen. Mehr Kreativität in den Alltag von Schul- und Kindergartenkindern bringen müsste ein Klacks sein, so dachte es sich Gründerin Antje Bostelmann. Klacks? So entstand Klax. Das war 1990. Begonnen als Nachmittagskurse für Malen, Töpfern oder Tanzen, ist der private Träger inzwischen zu einem großen Unternehmen gewachsen. Wichtiger Aspekt: Alles Künstlerische.

Aus der Schweiz nach Berlin

„Es war Zufall, dass Tibor auf diese Schule gekommen ist. Aber es passt, weil er da seine künstlerische Ader ausleben kann“, sagt Ralph Kaiser (46), Tibors Vater. Zwischendurch reden die beiden immer mal wieder auf französisch miteinander. Die Familie ist seit letztem Sommer in der Stadt, Tibor spricht gut deutsch. Dennoch: Manchmal gilt es, kurz etwas auf Französisch zu besprechen, zu hinterfragen oder zu vertiefen. Allein das klingt schon so künstlerisch.

Derzeit ist Tibor in seiner „Gorillaz“-Phase. Nein, nein, nicht die Menschenaffen - die „Gorillaz“ ist der Name einer britischen Band, die aus vier Comicfiguren besteht und 1998 von Damon Albarn, Sänger der britischen Gruppe „Blur“, und Jamie Hewlett, Zeichner und Co-Autor des Comics „Tank Girl“ geschaffen. Die „Gorillaz“ sind fiktive Figuren, es gibt zu den einzelnen Band-Mitgliedern kein reales Alter Ego. Die Musiker und Produzenten, mit denen Albarn und Hewlett zusammen arbeiten, wechseln. Diese „Gorillaz“ jedenfalls haben es Tibor angetan. Musikalisch und zeichnerisch. „Der Zeichner, der die erfunden hat, den finde ich toll“, sagt Tibor. Und dann in Verbindung mit der Musik - wie für Tibor gemacht. Spielt er doch schließlich auch Schlagzeug. „Ich brauche das Malen und die Musik.“ Sein Skizzenbuch, das hat er immer bei sich. „Er sieht den ganzen Tag all diese Dinge um sich herum“, sagt Vater Ralph. So würde er ständig etwas zeichnen und hätte auch schon mehrere „Phasen“ durchlebt. Jede geprägt von einem anderen Zeichenobjekt.

Zum Ausgleich: Bewegung!

Wichtig ist dem Vater, dass es keinen Druck von Seiten der Eltern gebe. „Er will das und er macht viel“, sagt Ralph Kaiser. „Gut ist, dass er sich nebenbei auch sehr viel bewegt.“ Tibor liebt sein Trampolin und das Klettern in den Bergen. Die Berge! Tibor freut sich, wenn es nach dem Berlin-Jahr wieder in die Schweiz geht. Denn so sicher, wie er weiß, dass er Künstler wird, so genau weiß er auch, dass er dort leben will. „Ich lebe einfach lieber in der Schweiz“, sagt er. Seine Wünsche über die Zukunft sind fest in ihm verankert.

Bevor Tibor das Atelier von Annette Goessel verlässt, kann er es in einem kurzen, unbeobachteten Moment nicht sein lassen: Er tunkt seine Fingerspitzen in einen frischen, orangefarbenen Klecks Farbe auf einem der Malertische. Weil er Farbe liebt - und: Weil er eben doch ein Junge ist, der Spaß an kleinen Scherzen hat. Beim Händeschütteln zur Verabschiedung hinterlassen seine Fingerspitzen bunte Farbtupfer auf den Händen seiner Gegenüber. Das amüsiert ihn ungemein. Der kleine Mann hinterlässt Spuren.