Manchmal hat Greta keine Lust auf den Chor. Wenn es in der Schule besonders anstrengend war oder sie sich lieber mit einer Freundin verabreden würde. „Ich gehe aber trotzdem zur Probe“, sagt sie. „Hinterher habe ich immer ein gutes Gefühl und bin froh, dass ich dabei war.“
Greta ist elf Jahre alt. Seit vier Jahren singt sie im Kinderchor der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Wenn sie groß ist, will sie Sängerin werden. In welche Richtung es gehen soll, ob Pop oder Klassik, das weiß sie noch nicht. „Das wird sich ergeben“, sagt sie und zweifelt kein bisschen daran, dass ihr Berufswunsch in Erfüllung geht. Singen ist einfach das, was sie am liebsten tut. Und besonders gut kann. Zwar spielt sie auch gern Flöte und Klavier, Singen aber ist das Größte für Greta.
Der Chorleiter glaubt an sie
Auch Chorleiter Vinzenz Weissenburger kann sich vorstellen, dass aus Greta später einmal eine Sängerin wird. „Ihre Stimme hat sich in den vier Jahren toll entwickelt, sie ist sehr markant und wächst immer weiter“, sagt er. Beeindruckt ist Weissenburger auch von Gretas Auftreten. Erst neulich hat sie für eine Filmaufnahme ein Solo gesungen, ganz allein in einem großen Studio. „Sie hat sich vors Mikro gestellt und einfach losgesungen“, sagt er. Diese Selbstsicherheit sei eine gute Voraussetzung für eine Karriere als Sängerin.
Wir treffen Greta an einem Montagnachmittag kurz vor der Chorprobe. Die Osterferien haben gerade begonnen. Greta hat länger geschlafen als sonst und mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Marlene gemütlich gefrühstückt. Dann hat sie sich in die S-Bahn gesetzt und ist zum Schillertheater gefahren. Dort hat die Staatsoper und damit auch ihr Chor Asyl gefunden, solange das Opernhaus Unter den Linden saniert wird. Greta ist guter Dinge. Sie ist ausgeruht und freut sich auf die Probe.
Im Probenraum sind die Stühle zu einem Halbkreis zusammengestellt. Neben Greta sitzen ihre beiden Freundinnen Freya und Artina. Die Mädchen stecken die Köpfe zusammen, flüstern und kichern. Es dauert einige Minuten, bis alle still sind. Der Assistent des Chorleiters macht zunächst Lockerungsübungen mit den Kindern. Sie müssen Beine und Arme ausschütteln, den Oberkörper zur Seite drehen und dabei kräftig ausatmen. Dann summen alle. Ein warmer Klang erfüllt den Raum. Der Chorleiter Weissenburger übernimmt nun die Probe, der Assistent setzt sich ans Klavier. Als erstes üben sie das Stück „Pange lingua“. Die Hymne, die wahrscheinlich von Thomas von Aquin stammt, ist schwer zu singen. „Strengt euch an“, ruft Weissenburger. Immer wieder unterbricht er die Kinder und lässt sie von vorn anfangen.
Auch nach 90 Minuten Probe ist er nicht zufrieden. „Ihr konzentriert euch einfach nicht genügend.“ Weissenburger klingt etwas enttäuscht, denn das Lied soll schon am nächsten Tag während eines Chorkonzerts aufgeführt werden. Später erfahren wir allerdings, dass das Konzert ein großer Erfolg war, vor allem das Stück von Thomas von Aquin. „Die Kinder sind eben nicht zu unterschätzen“, wird der Chorleiter sagen. „Man muss sie ernst nehmen und ihnen aber auch etwas zutrauen.“
Greta macht die anstrengende Probe wenig aus. „Es kommt oft vor, dass wir ein Stück viele Male üben“, sagt sie. Aber das würden auch die Opernsänger so machen. Greta weiß das, weil sie inzwischen viele Sänger kennengelernt hat. Der Kinderchor ist bei den Aufführungen etlicher großer Opernwerke dabei.
Perrücken und Kostüme
Greta mag besonders „La Bohème“ und den „Rosenkavalier“. Wegen der Musik natürlich, aber auch wegen der Kostüme, die sie in diesen Stücken trägt. „In La Bohème trage ich einen wunderschönen blaugrauen Mantel. Der ist auf Taille geschnitten und etwas länger“, sagt sie. Im Rosenkavalier hat sie eine Perrücke auf. Lange rote Haare. „Solche Haare wollte ich immer haben“, sagt Greta, die eigentlich dunkelblond ist.
Die Freude am Singen hat das zarte Mädchen mit den grünen Augen von ihrer Mutter. Die singt ebenfalls im Chor und hat ihren Töchtern von klein auf viel vorgesungen. „Meine Mutter hatte die Idee, dass ich im Chor singen könnte“, sagt Greta. Beim Vorsingen war sie dann sehr aufgeregt. „Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffe“, sagt sie. Aufgeregt ist Greta heute noch öfter, vor allem vor einer Premiere. „Ich bekomme dann Kopfschmerzen oder der Bauch tut mir weh“, sagt sie. Meist hilft Wassertrinken.
Ganz entspannt ist das mit dem Singen zu Hause. „Da trällere ich meist vor mich hin“, sagt Greta. Oft sind das ausgedachte Melodien, aber auch Lieder von ihren Lieblingssängerinnen wie Adele oder Lana Del Rey. „In der Schule denken viele, dass ich ein bisschen verrückt bin.“ Greta geht in die sechste Klasse. Oft tanzt sie einfach los oder singt laut vor sich hin, zum Beispiel auf dem Weg zum Papierkorb. Die anderen nervt das manchmal.
Zu den Chorproben geht Greta auch deshalb gern, weil sie dort inzwischen viele Freunde hat. Gleichgesinnte, die genau so gern singen wie sie. Besonders viel Spaß macht es allen, gemeinsam auf Reisen zu gehen. „Wir waren schon in Italien, über Pfingsten fahren wir ins Baltikum“, sagt Greta. Wichtig ist ihr auch, dass sie besser singen lernt. „Wir haben sogar Einzelunterricht“, sagt sie.
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