Kinderserie

Wenn ich einmal groß bin, werd’ ich… Artistin

Vom Hobby zum Traumberuf: Berliner Kinder erzählen von ihren Wünschen – und was sie tun, um diese zu erreichen

Foto: Reto Klar

Doing. Doing. Doing. Abdrücken, strecken, landen. Etwa zwölf Meter lang ist das Trampolin, auf dem sich die Kinder springend vorwärts bewegen. Eins nach dem anderen, eine Viertelstunde lang. Im Strecksprung, im Grätschsprung, mit Salti. „Haltet die Spannung, den Oberkörper aufrecht“, ruft Lehrer Uwe Velmeden seinen Schülern von der Seite zu. Die korrigieren ihre Haltung prompt. Michelle (11) zieht ihre Haare straff ins Zopfgummi, richtet den Blick konzentriert auf das Sprungnetz vor sich. Sie will eine gute Figur machen. Dabei ist das Trampolinspringen nur eine Aufwärmübung.

Es ist Freitag, kurz nach acht Uhr morgens. Der Schultag für die Klasse 6 der Staatlichen Schule für Artistik beginnt heute mit zwei Stunden Training. Die neun Mädchen und drei Jungen verlieren sich fast in der riesigen Kuppelhalle zwischen Trampolinen, Matten, Schlappseil und chinesischem Mast. Von der Decke baumeln Trapeze, Tücher und Netze für die Luftakrobatik. Voller Eleganz meterhoch über dem Boden schweben und waghalsige Kunststücke aufführen: Das ist auch der Traum von Michelle aus Pankow. Dafür trainiert die Elfjährige täglich mehrere Stunden, an sechs Tagen in der Woche. Nur am Sonntag hat sie frei. Doch auch da geht das Mädchen am liebsten zum Toben auf den Spielplatz. Ihr Ziel ist klar: „Ich will mich bewegen – und berühmt werden.“

Unbändige Bewegungslust

Uwe Velmeden lacht. Vor mehreren Jahren kam der Lehrer von einem ganz normalen Gymnasium an die Artistenschule. Und noch immer staunt er über die unbändige Bewegungslust und den Ehrgeiz der hiesigen Schüler. „Auch heute waren sie schon zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn in der Halle und haben selbstständig begonnen sich aufzuwärmen“, erzählt er. Und obwohl die Kinder noch einen langen Unterrichtstag bis 16 Uhr vor sich haben, schonen sie ihre Reserven nicht. Nach der Übungsreihe mit Radschlagen, Handstand und Rolle in den Handstand hängen sich die Kinder eisern an die Sprossenwand und ziehen die Beine in die Waagrechte. Das trainiert die Bauchmuskeln. Und den Willen.

Die Staatliche Artistenschule ist eine Ganztagsschule. Knapp 50 Stunden umfasst das wöchentliche Pensum schon in der Unterstufe, davon 20 Stunden Praxis. Wer durchhält, kann mit Abitur und dem Abschluss „Staatlich geprüfte/r Artist/in“ abschließen. In diesem Jahr gibt es zwölf Absolventen. Aufgenommen wird an der Schule nur, wer den Eignungstest besteht, bei dem in erster Linie Bewegungstalent und Auffassungsgabe geprüft werden. Später gibt es regelmäßig Leistungskontrollen. „Nur wer wirklich gut ist, darf bleiben“, beschreibt Jannis (11) die Anforderungen. Das klingt hart. Doch es entspricht der Profi-Welt, in die die Kinder hineinwachsen wollen. „Artist zu sein ist sehr anspruchsvoll“, sagt Uwe Velmeden. „Früher reichte eine gute Nummer, heute muss immer etwas Neues kommen. Man muss extrem professionell, trainiert, vielseitig und kreativ sein, um gegen die große internationale Konkurrenz zu bestehen.“

Michelle weiß, was sie erwartet: Über den Leistungsdruck und die Zukunftsperspektiven wird an der Schule offen geredet. Dennoch kann sie sich nichts anderes vorstellen. Bewegung, Tanz und Show – das ist ihr Leben. „Kaum konnte sie laufen, hat sie angefangen, sich zur Musik zu bewegen“, erinnert sich Michelles Mutter Marianne Lüneberg. Bevor Michelle zur Artistik kam, war sie regelmäßig beim Schwimmen, Voltigieren und Tanzen. „Michelle ist sehr ehrgeizig, und sie scheut sich nicht vor Wettkämpfen“, hat Marianne Lüneberg beobachtet. Regelmäßig frage sie ihre Tochter, ob sie noch Lust auf das Training habe. Bisher habe Michelle die Frage bejaht. Daher will Marianne Lüneberg die Artistik, die so viel mehr geworden ist als ein Hobby, weiter unterstützen. Ihre Augen glänzen, als sie über ihre Tochter spricht, und Stolz und Bewunderung für Michelles Talent und ihre Willensstärke klingen in ihrer Stimme mit.

Traum vom Zirkus

Trotz aller Leidenschaft für die Artistik freuen sich die Sechstklässler, als der Morgenpost-Fotograf das Training kurz unterbricht, um Aufnahmen zu machen. Lara (11) grinst und wirft sich auf die Matte. Der Pressebesuch ist eine willkommene Abwechslung im Alltag. Denn für Freunde, andere Hobbys, ein wenig Zerstreuung haben die Kinder neben Schule und Training kaum Zeit. Gleichzeitig hoffen die Schüler, durch den Bericht bekannt zu werden. „Fast alle hier träumen davon, in die Zeitung und ins Fernsehen zu kommen“, sagt Lara. Als Berufsziel nennen viele ein Engagement im Cirque du Soleil. Laras schaut träumerisch, ihre Klassenkameradin Lenya, ebenfalls 11, nickt heftig. Ansonsten sind die Wünsche und Sorgen der Kinder hier aber kaum anders als die ihrer Altersgenossen. Das Schulessen, finden sie, müsse besser werden. Dass sie sich nicht schminken dürfen, ist doof. Und manchmal sind auch die Klassenkameraden blöd und schließen andere aus. Meistens aber, sagt Lenya, helfe man sich gegenseitig. „Für mich“, sagt Michelle, „ist das hier wie eine Familie“.

Es geht auf zehn Uhr zu. Nach und nach kommen die Oberstufenschüler in die Halle und nehmen ihre Requisiten in Besitz: Jonglierkugeln, ein Einrad, zwei verkleidete Bierkästen für eine Handstand-Nummer, das Schlappseil, den chinesischen Mast. Neidisch schielen die Sechstklässler auf die Großen. An die 100 artistische Genres gibt es – welche Verlockung. Doch erst in den letzten fünf Ausbildungsjahren findet eine Spezialisierung statt. Michelle, Lara, Lenya und Jannis müssen sich erst noch durch Grundlagentraining die Basis für die artistische Arbeit aneignen: Kraft, Körpergefühl, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit. Ein Weg, den auch weitere Artistik-Anbieter favorisieren, etwa die Sportakrobatik-Abteilung der Turngemeinde in Berlin von 1848 e.V. Beim Kinderzirkus dagegen können sich Jungen und Mädchen häufig spielerisch direkt an Hula-Hoop-Reif oder Einrad versuchen.

Artistik-Schülerin Michelle verlässt das Training heute mit einem Strahlen im Gesicht: Sie darf in der nächsten Woche noch einmal auf einer richtigen Bühne, der des Chamäleon Theaters in den Hackeschen Höfen, für den Fotografen posieren. Auf dem Trapez von professionellen Künstlern. Mit Kostüm, Licht und Nebeleffekten. Auf dieser Bühne wird Michelle sich immer wieder in die Höhe schwingen, mit dem Kopf nach unten baumeln, auf Kommando lachen. Insgesamt eine Stunde lang. Am Tag darauf wird sie Bauchmuskelkater haben. Doch spüren wird Michelle nur eines: Freude. Ein Traum wird wahr.

Die Staatliche Schule für Artistik hat am 20. April 2013 Tag der offenen Tür. Alle Folgen der Serie findet ihr auf www.morgenpost.de/traumberuf