Kinderserie

Wenn ich einmal groß bin, werd’ ich... Reiterin

Pflegen, Striegeln, Reiten: Die neunjährige Selena hat ein eigenes Pferd. Damit sie richtig sattelfest wird, muss sie noch eine Menge lernen.

Foto: Reto Klar

Hinter dem S-Bahnhof Grunewald erstreckt sich entlang der Avus ein Mädchentraum. Vorbei an den Ställen und Paddocks für die Schulpferde, dem Sandplatz und einer rot gestrichenen Reithalle zieht sich das Gelände des Dressurstalls Eichkamp hinauf bis zu den Stallgassen für die Turnierpferde, zwei weiteren großen Hallen und Reitplätzen. Wie Raumkapseln glänzen silberne Pferdehänger am Rand des Geländes, hier und dort stehen Schubkarren mit Heu, neugierige Pferde strecken ihre Köpfe aus den zweigeteilten Stalltüren, es klappert, wiehert und schnaubt.

In der Stallgasse riecht es nach frischem Heu und Pferdeäpfeln. Zwischen seinen Nachbarn, riesigen dunklen Turnierpferden, sieht der hellbraune Wallach Kobold, ein deutsches Reitpony (Stockmaß 1,45 m), zierlich aus. Neben seiner Besitzerin relativiert sich das Maß. Selena, eine schmale Neunjährige, hat ihn mit ihren 1,42 Metern noch nicht eingeholt. Der 13-jährige Kobold ist ihr ganzer Stolz: Hübsch, verschmust, sportlich und gut ausgebildet. Ein bisschen zu gut vielleicht für den Stand des Kindes, aber das ist nur eine Frage der Zeit, da ist sich Selena sicher. „Kobold ist auch ein Turnierpferd“, sagt sie, „und ziemlich schnell“.

Bevor sie mit Kobold auch springen darf, muss Selena noch besser reiten lernen, kräftiger und sicherer werden. Daran, dass ihr das schnell gelingt, hat das Mädchen keine Zweifel. Ihr Ziel: „Wenn ich groß bin, werde ich Pferdewirtin mit Schwerpunkt Reiten und Springen“, sagt sie selbstbewusst. Sie möchte dann drei bis vier Pferde halten, die sie ausbildet und auf denen sie Unterricht gibt. Sie möchte Reiter vertreten, die keine Zeit für ihre Tiere haben und Turniere reiten – genau wie ihre Lehrerin Friederike Wendt, die Gründerin und Vorsitzende des Reitvereins Eichkamp.

Erstmal das kleine Hufeisen

Selena reitet seit zwei Jahren. Vor einem Jahr schenkte ihr der Vater ein eigenes Pferd. Kobold steht nun im Stall der Turnierreiterin Julia Voigtländer in Eichkamp, wo Selena auch Unterricht nimmt. Noch heißt das in der Halle Runden drehen, Schritt, Trab, Galopp, rechts durch die Mitte, links, geradeaus und stopp! So ein Pferd gehorcht nicht von allein. Wenn sie dann noch die Grundlagen in Pferdepflege, Anatomie und Gangarten beherrscht, kann sie mit Kobold das kleine Hufeisen ablegen. Das ist das erste Reiterabzeichen mit einer Prüfung in Theorie und Praxis. Im Sommer will Selena soweit sein. Danach nimmt sie sich das große Hufeisen vor.

Ein Pferd ist ein aufwendiges Hobby. Das Tier muss täglich bewegt, gefüttert und gepflegt werden. Weil Selena das alleine neben der Schule nicht schafft, unterstützt Friederike Wendt, außerdem gibt es zwei Reitbeteiligungen. Das sind Mädchen, die sich an den Tagen, an denen Selena nicht kann, um Kobold kümmern und auch auf ihm Unterricht nehmen. Dafür zahlen sie einen monatlichen Beitrag. Für Reiter-Kinder, die kein eigenes Pferd haben, ist diese Lösung ideal. Sie übernehmen Verantwortung, bauen eine Beziehung zu einem Tier auf und lernen auf ihm – ohne zusätzliche Kosten. Allein die Unterbringung im Stall kostet hier 500 Euro im Monat. Mit Pflege, Tierarztkosten, Hufschmied, Versicherungen, Unterricht und Beritt kommen schnell an die 1000 Euro zusammen, sagt Friederike Wendt. Eine Investition, die gut überlegt sein sollte, zumal bei vielen die Pferdevernarrtheit in der Pubertät nachlässt.

80 Kinder lernen im Schulbetrieb

Den Turnier- und Freizeitstall Eichkamp gibt es seit 1979, im Jahr 2000 übernahm Julia Voigtländer die Anlage von ihrer Mutter. Auf der weitläufigen Anlage stehen 130 Privatpferde. Es gibt vier Reitlehrer, zwei Lehrlinge und zehn weitere Mitarbeiter. Der Reitverein Eichkamp hat 110 Mitglieder. Wer Turniere reiten will, muss Mitglied in einem Reitverein sein. Kinder brauchen, um reiten zu lernen kein eigenes Pferd haben und auch keine Mitgliedschaft. Sie können auch so den Schulbetrieb nutzen.

Etwa 80 Kinder ab sieben Jahren bekommen in Eichkamp Unterricht, lernen Dressurreiten, Springen oder Voltigieren. Auf Ponys kostet das 20, auf Pferden 23 Euro pro Stunde. „Wenn die Kinder keine Angst haben und die passenden Pferde zur Verfügung stehen, ist acht Jahre ein gutes Einstiegsalter“, sagt Frederike Wendt. Hobbyreiter sollten zweimal pro Woche kommen, wer ernsthaft Turniere reiten möchte, ab dreimal aufwärts.

Selena kommt zweimal pro Woche. Sie muss viel für die Schule tun, aber wenn sie sich verbessert, darf sie öfter auf den Reiterhof, sagt sie. Zurzeit kommt sie freitags und sonnabends, nimmt dann eine Reitstunde, putzt Kobold, füttert ihn mit Mash und Hafer, Äpfeln und Karotten, spielt und kuschelt mit ihm oder lässt ihn frei laufen. „Pferdepflege kann ziemlich an strengend sein“, gibt sie zu, „besonders das Striegeln, dafür braucht man Kraft“.

Reiter müssen mutig sein

Angst hat Selena jedenfalls nicht. „Reiter müssen mutig sein“, sagt sie. Kobold hätte sie noch nie abgeworfen, aber von anderen Pferden sei sie schon runtergefallen – und immer gleich wieder aufgestiegen. Mit Kobold hat sie sich schnell angefreundet. „In nur zwei Tagen hat er mir schon vertraut“, sagt sie stolz. Nur manchmal sei er ein bisschen genervt, sie hat gelernt, seine Stimmung an seinen Ohren abzulesen. Selena will noch viel mehr lernen. Vor allen Dingen „richtig reiten“, damit sie an Turnieren teilnehmen kann. Alles zu seiner Zeit. „Eigentlich mache ich hier alles gern“, sagt sie. „Aber das Schönste überhaupt ist es, wirklich auf Kobold zu sitzen und loszureiten.“

Alle Folgen der Serie findet ihr auf www.morgenpost.de/traumberuf