Kinderserie

Wenn ich einmal groß bin, werd’ ich… Wissenschaftler

Anja ist zehn Jahre alt und träumt davon Großes zu vollbringen. Sie möchte zum Beispiel etwas erfinden, das Pflanzen schneller wachsen lässt. Ihr Ziel: Forscherin im Bereich Chemie.

Foto: Reto Klar

Auf den ersten Blick sehen alle gleich aus. Fünf weiße kleine Pulverhäufchen liegen auf dem Experimentierbrett. Doch die Stoffe ähneln sich nur äußerlich. Anja ist aufmerksam und konzentriert. Sie wird jetzt mit ihrer Gruppe herausfinden, was sich hinter diesen fünf unbekannten Substanzen verbirgt. Jod hat sie dazu zur Verfügung, Rotkohlsaft, Wasser, Essig. Was passiert, wenn man diese Flüssigkeiten mit einer Pipette darauf träufelt? Die Spannung ist groß.

Ein bisschen fühlt sich Anja wohl wie Professor Snape, Harry Potters Lehrer für Zaubertränke. Den ersten Harry-Potter-Band hat sie innerhalb von drei Wochen gelesen, weitere zwei Monaten benötigte sie für die anderen Bände. In dieser Zeit sei sie kaum ansprechbar gewesen, erzählt ihre Mutter Karin Groth. Von Professor Snape ist Anja besonders beeindruckt, weil er das tut, was sie auch gern können möchte: Mit einer geheimnisvollen Mixtur ein Wunder hervorrufen. Am liebsten würde die Zehnjährige etwas erfinden, das die Pflanzen schneller wachsen lässt. Dann könnten bedrohte Arten schneller nachwachsen, so ihre Theorie.

Experimente wie auf Hogwarts

Seit dem Test mit den unbekannten Substanzen steht für das aufgeweckte Mädchen fest: „Ich werde Chemikerin.“ Dafür lernt sie allerdings nicht die Zaubertrankbrauerei wie die Schüler auf Hogwarts, sondern das Experimentieren in ihrem Klassenzimmer an der Erich-Kästner-Grundschule in Dahlem. Das Projekt Technik und Naturwissenschaften an Schulen, kurz „Tuwas“, steht auf dem Stundenplan des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Angeboten wird es vom Fachbereich Biologie, Chemie und Pharmazie der Freien Universität Berlin.

Mit dem Projekt soll Kindern die Scheu vor den Naturwissenschaften genommen werden. Zu Themen wie Wetter, Wasser oder Mikrowelten bietet die Universität Experimentiermaterialien für Grundschulklassen an. Dazu können die Kinder im Naturwissenschaftlichen Labor (Natlab) am Institut für Chemie in der Fabeckstraße Experimente durchführen. Chemie sollte nicht nur an der Tafel stattfinden, sagt Karen Flesch. Sie betreut Schulen und Labore in dem Projekt. Vielmehr müssten die Schüler in den Versuchen sehen, was an der Tafel passiert, findet sie.

Dingen auf den Grund gehen

Anja kann zunächst sehen, was passiert, wenn sie etwas Essig auf die eine weiße Substanz träufelt. Es fängt an zu zischen und zu schäumen. Noch zauberhafter wird es, als sie Rotkohlsaft dazugibt. Das Pulver nimmt eine giftgrüne Farbe an. Anja hat eine Tabelle, in der sie erarbeitet hat, wie welcher Stoff auf bestimmte Flüssigkeiten reagiert. Daraus kann sie herleiten, dass es sich bei der unbekannten Substanz um Natron handelt – ihr bestens aus Brausepulver bekannt.

Die kleine Dahlemerin wollte schon immer den Dingen auf den Grund gehen. Wie kommt die Haut auf die warme Milch? Was passiert mit dem Zucker, wenn er in den Tee kommt? An diese Fragen kann sich ihre Mutter noch gut erinnern. Aber vielleicht fing alles noch früher an. Zum Beispiel als Anja Suppe im Garten „gekocht“ hat: ein bisschen Petersilie, noch ein paar Kräuter, Sand, Wasser, fertig. Weiter ging die Suche nach der idealen Mischung zu Hause mit dem Experimentierkasten „Chemie im Haushalt“. Essig, Mehl, Salz, Zucker – das alles hätte am Ende eine dicke Pampe ergeben, sagt Anja. Später hat sie versucht, Knete mit Kreide zu färben. Geklappt hat es nicht.

Auskunft über Blumennamen

Wenn sie mit ihrer Mutter über eine Wiese läuft, will sie jeden Blumennamen wissen. Karin Groth hat Biologie studiert und weiß Auskunft. Sie vermittelt ihren Kindern, dass man mit der Natur sorgsam umgehen müsse. Mit Erfolg. Wenn sich Anjas Bruder ein neues Küchentuch nimmt, obwohl eins daliegt, dann sagt sie: „Du weißt, dass dafür Bäume sterben müssen!“

Am vergangenem Girls-Day, dem Berufsorientierungstag für Mädchen, ist Anja doch schon einmal in die Rolle von Professor Snape geschlüpft. Am Fachbereich für Lebensmitteltechnologie der TU durfte sie flüssige Schokolade mit Honig und einem bronzefarbenen Pulver mischen. Herauskam ein kupferfarbener Lipgloss – ein erstes eigenes Produkt, das Anja mit nach Hause nehmen durfte. Begeistert berichtet die Zehnjährige auch über die lange Nacht der Wissenschaften. Da hat sie im naturwissenschaftlichen Labor der Freien Universität farbiges Wasser und Trockeneis zum Dampfen gebracht.

Auch die fünf weißen Substanzen auf dem Experimentierbrettchen haben schließlich ihr Geheimnis preisgegeben. Zucker, Alaun - ein Kristall, das in Deostiften enthalten ist, Maisstärke, Natron und Talkum, das in Pudern verwendet wird, sehen sich nur äußerlich ähnlich. Doch im Zusammenspiel mit einem zweiten Element gaben sie ihre wahre Identität preis.

Fragen bleiben dennoch viele. Wie kommen Explosionen zustande, würde Anja gern wissen. Und warum verdampft Trockeneis statt zu schmelzen? Sie könnte sich gut vorstellen am Institut für Chemie zu studieren. Doch jetzt wagt sie sich erst einmal an ein neues Buch heran. Diesmal ist es „Der Herr der Ringe“.

Alle Folgen der Serie findet ihr hier