„Happy birthday to you, happy birthday, liebe Lisa, happy birthday to you-huuu!“ Lisa steht in der Mitte der großen Balletthalle des jungen Ensembles des Friedrichstadt-Palastes. Um sie herum, im Kreis, stehen 23 Kinder, alle im gleichen Ballettoutfit, und singen ihr das Geburtstagsständchen. Danach gibt es Applaus, und die zarte Lisa, die heute ihren zehnten Geburtstag feiert, bedankt sich mit einem professionellen und grazilen Knicks.
Lisa ist in diesem Moment die Hauptperson, alle Augen sind auf sie gerichtet, der Applaus gilt nur ihr – und genau das ist es, was „Lischen“ liebt. Deswegen ist sie hier, im Proberaum des Palast-Nachwuchses. Lisa tanzt, seitdem sie drei Jahre alt ist. Sie möchte unbedingt tanzen – auf den ganz großen Bühnen.
Auf Kommando weinen
„Kannst du vielleicht einen Spagat machen oder so?“, fragt der Fotograf das Mädchen, das auf keinen Fall möchte, dass man sie „die kleine Lisa“ nennt. Zum einen, weil sie heute schließlich zehn Jahre alt geworden ist, zum anderen, weil sie einfach das Wort „klein“ doof findet. Die Frage ist kaum zu Ende ausgesprochen, da rutscht Lisa gekonnt in den Spagat. Was für eine Frage, ob sie den kann! Natürlich. Lisa ist energiegeladen, sehr süß, witzig auf eine mädchenhaft-kindliche Art und eine echte Entertainerin. Sie streckt den Fuß elegant, sie verdreht die Augen und legt sich den Handrücken divenhaft gegen die Stirn, sie lacht, sie scherzt, sie redet. Schnell, ohne Pause. Lisa und die Bühne – das passt gut.
Mit drei Jahren hat Lisa angefangen zu tanzen. Es klingt ein wenig altklug, wenn sie sagt: „Damals war ich aber am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Das war aber eher so Kindertanz.“ Lisa wohnt in Caputh („Wusstest du, dass wir da keine Ampeln haben?“), geht in Potsdam in die Schule („Seit Kurzem auf eine neue, das ist wirklich sehr anstrengend!“). Montagnachmittags hat sie Klavierunterricht, dienstags und freitags Ballettunterricht im Friedrichstadt-Palast. Muss man Bedenken haben, wenn Kinder so früh so viele Termine haben? Um ihre Kindlichkeit fürchten und ihre Freiheit in den Tag zu leben, wie nur Kinder es können? Bei Lisa hat man diese Bedenken nicht.
Ihre Augen leuchten tatsächlich, wenn sie von ihren Plänen spricht. Wenn sie jemand in diese Richtung schubst, dann nur sie selbst. Nicht verbissen, mit Freude. Sie erzählt von einem Casting, das sie in den nächsten Tagen hat. „Ich bin bei einer Kinder-Castingagentur, weil ich nämlich auch das Schauspielern liebe – ich kann auch auf Kommando weinen! Wirklich!“ Man glaubt es ihr sofort. Singen, ach ja, Singen, das liebt sie auch. „Bin auch schon mal bei ,Rock in Caputh‘ aufgetreten“, sagt Lisa. „Da haben wir ,Durch den Monsum‘ gespielt“ – kaum hat sie es erzählt, fängt sie an zu singen und zu tanzen. Nur für Sekunden. Dann setzt sie sich wieder, grinst und wartet auf die nächste Frage.
Tanzen für den freien Kopf
„Hast du auch schon einmal etwas anderes werden wollen?“ Lisa überlegt nicht lang, sie springt auf. „Ja! Wie heißen die, die in die Räume springen? So etwa.“ Sie springt und sagt: „Und dann ihren Ausweis zeigen – tatata! Ah, ich weiß: Rechtsanwalt!“ Ein springender Rechtsanwalt? Meint sie Polizistin? „Nein! Die, die so geheim sind – ach ja: Geheimagent. Ich wollte mal Geheimagent werden – aber da war ich neun“, Lisa sitzt schon wieder.
Ob sie wohl nach dem Tanztraining mal erschöpft ist? Als könne sie Gedanken lesen, sagt sie: „Aber dafür liebe ich das Tanzen einfach zu sehr. Für mich ist Tanzen wie im Wasser sein: So, als würde ich den Kopf freigespült bekommen! Wasser liebe ich übrigens auch – ich bin ja auch Fisch als Sternzeichen.“
„Bei Lisa muss man wirklich ein bisschen aufpassen, dass sie nicht zu viel macht“, sagt Anke Junick, Lisas Mutter. „Sie hat so viel Energie – hatte sie schon immer.“ Deshalb habe sie sie auch zum Kindertanz angemeldet. Lisa und Bewegung gehören einfach zusammen, sie sei ein „Bewegungsmensch“. Eine gute Voraussetzung auch für die Aufnahme in das junge Ensemble des Friedrichstadt-Palastes.
„Wichtig ist eine tänzerische, schauspielerische und gesangliche Grundbegabung. Die ganz jungen Bewerber ab sechs Jahren müssen nichts Konkretes können, aber sie müssen ein ausbaufähiges körperliches und rhythmisches Talent aufweisen“, sagt Intendant Berndt Schmidt über das Kinder-Casting. 500 Kinder bewerben sich jedes Jahr – mit über 250 Talenten zwischen sechs und 16 Jahren ist das Ensemble das größte Jugendensemble Europas. „Über 30 Nationalitäten kommen spielend miteinander klar“, sagt Berndt Schmidt. Auch das zeichne für ihn das Ensemble aus.
Für Lisa bedeutet das Tanzen auch Freiheit: „Für mich ist das Tanzen hier auch Entspannung – vor allem von der Schule“, sagt die Zehnjährige. „Ich kann an andere Sachen denken, nicht an all die Arbeiten oder die Tests.“ Die Frage, ob sie eigentlich ein tänzerisches Vorbild habe, verneint sie zunächst. Doch einen, den finde sie richtig gut: „Michael Jackson!“ Und noch ehe sie den Namen zu Ende ausgesprochen hat, steht sie schon wieder, sagt : „Guck mal!“ und legt in ihrem Ballettoutfit einen Eins-a-Moonwalk hin. Der Applaus ist ihr sicher.
Alle Folgen der Serie findet ihr unter www.morgenpost.de/traumberuf





