Schule

Wie Berlin es mit der Schreibschrift hält

An Hamburgs Grundschulen ist das Unterrichten der Schreibschrift nach den Sommerferien nicht mehr verpflichtend. Sie können sich auch für die Druckschrift entscheiden. Experten streiten, was richtig ist. In Berlin gibt es keine einheitliche Regelung.

Foto: Infografik Welt Online

Anton gibt sich große Mühe, wenn er die geschwungenen Linien von der unteren zur oberen Linie in seinem Schreibheft nachzieht. Seit dem Ende der ersten Klasse lernt der Sechsjährige die Schreibschrift und darauf ist er stolz. Schließlich hat Anton schon oft bewundernd bei seiner Mutter beobachtet, wie schnell sie mit dem Stift beim Schreiben über das Blatt Papier fliegt. Noch kennt er nicht alle Buchstaben, doch schon jetzt hat er seine Vorlieben. Anton findet das große A am schönsten, schließlich ist es auch der Anfangsbuchstabe seines Namens. Das kleine „k“ mag er nicht, erst Recht nicht, wenn es in Begleitung mit einem kleinen „c“ daher kommt.

Ginge es nach dem Grundschulverband, ein Zusammenschluss mit etwa 10.000 Mitgliedern, von Lehrern über Studenten bis hin zu Wissenschaftlern, könnte sich Anton die Mühe sparen. Der Verband plädiert für die Abschaffung der normierten verbundenen Ausgangsschrift. Stattdessen sollen die Schüler die sogenannte Grundschrift erlernen. Sie ist eine mit der Hand geschriebene Druckschrift, deren Buchstaben bereits kleine Häkchen für Verbindungen enthalten.

Keine einheitliche Regelung

Hamburg ist nun das erste Bundesland, das den Grundschulen am dem kommenden Schuljahr freistellt, ob sie den Kindern weiterhin die verbundene Schreibschrift lehren oder die Grundschrift. Auch in Baden-Württemberg wird an ausgewählten Schulen nach den Ferien die Grundschrift erprobt. Doch Lehrerverbände und Graphologen laufen Sturm gegen den Abschied von der Schreibschrift.

Derzeit herrscht im gesamten Bundesgebiet keine einheitliche Regelung darüber, wie die richtige Schreibschrift aussehen muss. Stattdessen gibt es ein Wirrwarr von drei verschiedenen Varianten, die seit 1951 entwickelt wurden.

In Berlin kann sogar jeder Lehrer selbst entscheiden, ob die Kinder die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift oder die Schulausgangsschrift im Unterricht anwendet. Vorgegeben ist im Rahmenplan lediglich, dass die Kinder nach der Druckschrift eine verbundene Schrift lernen müssen. Einzige Bedingung: sie muss formklar, leicht zu lernen und gut zu lesen sein.

Die Lateinische Ausgangsschrift, die 1951 als Normalschrift eingeführt wurde und die in der DDR 1968 etablierte Schulausgangsschrift, ähneln sich in weiten Teilen. Bei den Großbuchstaben hat die Lateinische Ausgangsschrift den einen oder anderen Schnörkel mehr. Im Westen Deutschlands entwickelte der Grundschulverband die „Vereinfachte Ausgangsschrift“. Doch viele Lehrer waren nicht überzeugt von der neuen Variante oder hatten Schwierigkeiten, die neuen Regeln zu vermitteln. Und auch die Eltern wussten vielfach nicht mehr was richtig oder falsch ist. Hinzu kommt, dass die Schüler seit den 80-er Jahren zunächst die Druckschrift schreiben um in einem Schritt Schreiben und Lesen zu lernen.

Die Ergebnisse lassen allerdings zu wünschen übrig. „Viele Sekundarschullehrer klagen, dass sie die Handschrift der Schüler kaum noch entziffern können“, sagt Hans Brügelmann, zuständig für Qualitätsentwicklung beim Grundschulverband. Es komme darauf an, eine leserliche und flüssige Handschrift bei den Schülern zu entwickeln.

Doch genau da liege das Problem. Die Lehrer würden viel Zeit verwenden für die normierte Schreibschrift, beim Entwickeln der eigenen Handschrift würden viele Schüler dann allein gelassen. Genau dafür würde mehr Zeit bleiben, wenn die Schüler nicht mehr die normierte Schreibschrift lernen müssten, so Brügelmann. Die Schüler können bei der Grundschrift ihre eigenen Verbindungen finden, dabei müssten diese auf dem Papier nicht immer sichtbar sein. Bei einer schwungvollen Schreibbewegung sind auch Sprünge möglich. „Das Schönschreiben für einen besonderen Brief zum Beispiel können die Schüler auch im Kunstunterricht lernen“, sagt Brügelmann.

Die Grundschulen in Berlin reagieren bisher eher zurückhaltend auf den neuen Vorstoß. „Bisher gibt es nur Anfragen von zwei Grundschulen nach dem neuen Unterrichtsmaterial“, sagt Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes Berlin. Die Schulleiterin der Kreuzberger Zille-Grundschule sieht die Frage nach der richtigen Schrift pragmatisch: „Wichtig ist, dass die Schüler lesbar schreiben“, sagt sie. Dennoch wird das Thema zunehmend in den Kollegien diskutiert.

„Wir werden im kommenden Schuljahr darüber in der Schulanfangsphase sprechen“, sagt Karola Klawuhn, Leiterin der Lenau-Grundschule in Kreuzberg. Die Schulleiterin bestätigt, dass eine Lehrerin gern die neue Methode ausprobieren würde, doch das würden die Vorgaben durch die Senatsverwaltung derzeit nicht zulassen. Die Schulleiterin selbst ist der Auffassung, dass es wichtig sei, dass die Kinder lernen, verbunden zu schreiben. Denn nur so sei es möglich, einen Schreibfluss zu entwickeln.

Daniela von Treuenfels, Elternvertreterin im Bezirk Steglitz-Zehlendorf und selbst Mutter von fünf Kindern, hofft, dass in Berlin die Schreibschrift beibehalten wird. „Es geht um eine Kulturtechnik, die nicht einfach aufgegeben werden kann, nur weil die Schüler damit Mühe haben“, sagt Daniela von Treuenfels. Wenn die Schüler nicht mehr leserlich schreiben können, dann müsse es eben mehr geübt werden. Die Schreibschrift deshalb abzuschaffen sei pädagogisch unsinnig, findet die Mutter.

Ein Kulturgut geht verloren

Für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, steht fest, dass mit der Einführung einer neuen Schrift das Wirrwarr der Schriften verstärkt wird: „Die individuellen Ausprägungen der Schreibung werden zunehmen und am Ende wird sich die Lesbarkeit erschweren“, sagt Kraus. Der Präsident des Lehrerverbandes geht zudem nicht davon aus, dass das Schreibenlernen für Kinder mit der neuen Schrift leichter wird: „Das Schreibtempo wird sich verlangsamen, weil jeder Buchstabe einzeln geschrieben werden muss.“ Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Graphologen, sieht sogar die Entwicklung der Persönlichkeit gefährdet: „Ohne gelernte Schreibschrift wird die Handschrift weniger individuell, weil die vorhergesehenen Abweichungen weniger werden und dadurch weniger Möglichkeiten bestehen, die Individualität auszudrücken“, sagt Ploog. Der Graphologe befürchtet, dass Deutschland den gleichen Fehler wie die USA machen könnte. Dort werde seit Jahrzehnten nicht mehr das verbundene Schreiben gelehrt. „Die USA haben ein Kulturgut verloren.“ Ein Zurück gebe es nicht, sagt Ploog.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über Nutzen oder Nachteile der Grundschrift gibt es bisher wenig. Forscher der Luzerner Pädagogischen Hochschule haben für eine im vergangenen Jahr vorgestellten Studie die schreibmotorischen Leistungen von Viertklässlern verglichen. Eine Hälfte war in einer Schweizer Schrift unterrichtet worden, die der Lateinischen Ausgangsschrift ähnelt. Die anderen lernten eine Basisschrift, die der Druckschrift sehr ähnlich ist. Das Ergebnis: Wer die Basisschrift lernte, konnte schneller und dennoch leserlicher schreiben.

Hintergrund - Der Schriften-Wirrwarr

Die Lateinische Ausgangs-Schrift wurde in den fünfziger Jahren in Westdeutschland als Normschrift eingeführt. Sie ist vor allem auch nach ästhetischen Gesichtspunkten entwickelt worden – mit geflammten Aufstrichen und vielen Drehrichtungswechseln und einigen schwierigen Buchstabenverbindungen.

In der DDR wurde 1968 die Schulausgangsschrift eingeführt. Dabei wurden vor allem die Schleifen bei den Großbuchstaben weggelassen. In der BRD wurde die Vereinfachte Ausgangsschrift entwickelt, die sich aber nie ganz durchsetzte. Seit 1973 kann sie von Lehrern als Alternative zur Lateinischen Ausgangsschrift eingesetzt werden.

Seit den 80er Jahren lernen die Kinder in der Grundschule Lesen durch Schreiben und umgekehrt. Deshalb schreiben die Schüler zuerst Druckschrift. Später kommt dann eine der etablierten verbundenen normierten Schreibschrift dazu. Aus dieser Schrift entwickeln die Schüler dann zum Ende der Grundschulzeit ihre eigene Handschrift.

Mitarbeit: Manuel Bewarder