Inklusionsschule

Wo Toleranz zum Schulalltag gehört

Kinder mit Handicap besuchen mit nichtbehinderten Erstklässlern dieselbe Schule in Neuzelle. In den kleinen Klassen der St. Florian-Stiftung wird jeder einzelne Schüler individuell gefördert. Das freut vor allem die Eltern.

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Aufgeregt sitzen Lasse und Susanne in ihrer neuen Klasse, kramen in ihren nagelneuen Schultaschen, suchen nach dem geeigneten Stift in der Federtasche und füllen dann mit großem Eifer bunte Arbeitsblätter aus, die Lehrerin Simone Pfaff eben verteilt hat. Auf den ersten Blick geht es hier zu wie in jeder anderen ersten Klasse.

Doch zu den Erstklässlern in der katholischen Grundschule der St. Florian-Stiftung in Neuzelle gehört auch Manuel. Der Junge ist Autist, hat eine geistige Behinderung und lernt trotzdem zusammen mit gleichaltrigen nichtbehinderten Kindern. Noch müssen die sich an das Verhalten ihres Mitschülers gewöhnen. Aber die Schüler kommen gut in Kontakt, hat Pädagogin Pfaff beobachtet.

Was in Brandenburg und auch in Berlin von den Landespolitikern noch intensiv diskutiert wird, ist in Neuzelle schon Realität: die Inklusion, also die gemeinsame Beschulung von Kindern mit unterschiedlichsten Bildungs- und Erziehungsbedürfnissen, wozu auch Behinderte gehören. In Brandenburg sollen die Förderschulen abgeschafft, die behinderten Schüler in reguläre Bildungseinrichtungen integriert werden. Bei der St. Florian-Stiftung in Neuzelle lief es genau umgekehrt. Die neue katholische Ganztags-Grundschule war bisher eine Förderschule für Behinderte. Bereits seit 1974 wurden dort geistig behinderte Kinder betreut, seit 1992 ist die Schule im Land Brandenburg staatlich anerkannt. Die Idee einer Öffnung auch für nichtbehinderte Schüler ist nicht neu, sagt Projektleiterin Dörte Fiedler, die dafür das pädagogische Konzept erarbeitet hat. „Andere Länder wie die skandinavischen Staaten oder Italien und Spanien machen es uns vor. Da ist es Alltag, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen“, erzählt sie. Die Neuzeller Grundschule ist erst auf dem Weg zu einer wahren Inklusionsschule – die gemeinsame erste Klasse macht dafür den Anfang.

„Hier werden Werte vermittelt“

„Im Moment sind wir eine Integrative Grundschule mit angegliederten Förderklassen“, erklärt Fiedler. Neben den 13 Erstklässlern werden auch noch 22 behinderte Mädchen und Jungen höherer Klassenstufen hier unterrichtet. Zu ihnen gehört die 18-jährige Vreni, die ganz begeistert ist von den quirligen, unbefangenen Erstklässlern. „Die singen bestimmt mit uns im Chor und wir lernen endlich neue Lieder“, sagt sie, nachdem die jüngsten Schüler sich bei den Älteren vorgestellt haben. „Berührungsängste haben die Kleinen jedenfalls nicht“, sagt Sonderpädagogin Anke Brosowski. Das bestätigt auch Jan Dammaschke, Vater der Schulanfängerin Nele-Marie. „Hier werden noch Werte vermittelt, wird Toleranz gelebt, es herrscht ein familiärer Umgang“, lautet sein Fazit.

Projektleiterin Fiedler hofft, dass vor allem das Schulkonzept inklusive der Ganztagsbetreuung die Eltern überzeugt hat. Sie meint damit die individuelle und differenzierte Förderung jedes einzelnen Schülers in der Klasse – unter Berücksichtigung seiner jeweiligen Schwächen und Stärken. „Das funktioniert natürlich nur, wenn die Klassen nicht zu groß und ausreichend Lehrer vorhanden sind.“ In der privaten Grundschule von Neuzelle sollen demnach nicht mehr als 16 Kinder in eine Klasse gehen.

Große Resonanz auf das Angebot

Unterrichtet werden die Kinder von einer Grundschullehrerin und einer Sonderpädagogin. Für die Betreuung von Manuel hat der Landkreis Oder-Spree zudem eine Einzelfallhelferin bewilligt. „Für mich ist die Betreuung von Klassen durch ein Pädagogenteam das Modell der Zukunft – so wie Kinder und Jugendliche heute sind“, sagt die Projektleiterin bezogen auf die diversen Verhaltensauffälligkeiten bei Mädchen und Jungen. „Wir haben in Brandenburg die höchsten Quoten für Kinder mit Förderbedarf, dafür brauchen wir mehr Personal.“ Fiedlers Angaben nach war die Resonanz auf das neue Inklusionsangebot in Neuzelle sehr groß. Auch, weil nachgewiesen ist, dass Kinder, die frühzeitig mit gleichaltrigen Behinderten zusammen aufwachsen, ausgeprägte soziale Kompetenzen wie Team- oder Kooperationsfähigkeit erlernen. „Und das sind doch Fähigkeiten, die in der heutigen Berufswelt gefragt sind.“

Viele Eltern seien noch unsicher, wollten erst einmal beobachten, wie die Inklusion in der Schule der St. Florian-Stiftung läuft und möglicherweise das jüngere Geschwisterkind später dort einschulen. Als Alternative gibt es schließlich auch eine staatliche Grundschule in Neuzelle. Bedenken hatte auch Cindy Reschke zunächst. Doch die Sorge um eine gute Betreuung für ihr „Sensibelchen“ Marie überwog – trotz des erhobenen Schulgeldes im St. Florian. Inzwischen ist die junge Mutter begeistert. „Diese typische Ellenbogen-Mentalität gibt es hier nicht. Die Kinder lernen voneinander, weil jedes Kind andere Begabungen hat“, sagt Fiedler, für die eine „bildungspädagogisch spannende Zeit“ begonnen hat.