Kinder und Bücher

Kirsten Boie ist Astrid Lindgrens deutsche Erbin

Beim Erzählen braucht man einen langen Atem und gute Ideen. Kirsten Boie hat beides. Sie erzählt Geschichten für Kinder, die länger dauern als zehn Minuten. So lernen Kinder es, sich tagelang zu gedulden, einen Erzählfaden länger als einen Abend lang zu verfolgen - und gut unterhalten werden sie auch noch.

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Auch große Schriftsteller können beim Zaubern scheitern. Kirsten Boies Trick mit dem Handpuppenschwein klappte bei einer Kinderlesung vor zwei Jahren erst im dritten Anlauf. Und weil es nicht aufhören wollte zu regnen, musste die Lesung auf den Magellan-Terrassen in der Hamburger Hafencity auch noch abgebrochen werden.

Hinterher kam ein Junge zu Boie und sagte: "Weißt du, deinen Zaubertrick, den hatten wir schon in der Schule. Aber bei uns hat er geklappt!"

Nun sitzt sie, wieder regnet es, in einem Restaurant neben den Magellan-Terrassen und verwandelt sich mit einem winzigen Dreh in der Stimme in das Kind, das halb triumphierend, halb mitfühlend ihren Zaubertrick entlarvte. Man sieht die Szene förmlich vor sich; man spürt, wie viel Spaß ihr die Begegnung gemacht hat. Erzählen ist schließlich Kirsten Boies Beruf.

Genauso unvermittelt wird sie wieder zur unauffälligen 59-Jährigen. Kaum geschminkt, mit kurzem blondem Haar und rosa Bluse könnte sie gut als Gymnasiallehrerin durchgehen, die sie früher mal war. Norddeutsch präzise drückt sie sich aus, hört ihrem Gegenüber aufmerksam zu und stellt Fragen. "Interviews mag ich", sagt sie, "wenn daraus ein richtiges Gespräch wird, wenn nicht nur ich was erzähle." Mit Persönlichem hält sie sich zurück; das gehöre nicht in die Öffentlichkeit. Immerhin soviel: Boie lebt mit ihrem Mann in Barsbüttel, einem Nest östlich von Hamburg, sie haben zwei erwachsene Adoptivkinder. Aber einen Hund hat sie nicht: "Das wollen die Kinder bei Lesungen immer wissen."

Es geht ihr um die Kinder

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat Kirsten Boie zur deutschen Erbin von Astrid Lindgren erklärt. Boies Bücher sind vielfach preisgekrönt, 2007 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk. Das ZDF verfilmt ihre Twain-Adaption "Der Prinz und der Bottelknabe". Boie aber liegt jedes Stargehabe fern. Ihr geht es ums Schreiben und um die Kinder.

In einem Vierteljahrhundert hat sie ein fast unübersehbares Oeuvre geschaffen. Leichthändig, suggeriert ihr Stil, und ohne je inflationär zu werden, erreicht sie Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Um Ideen ist sie nie verlegen: Sie hat das Andalusien der Maurenzeit behandelt ("Alhambra", 2007), Jungsmut und Leibeigenschaft ("Der kleine Ritter Trenk", 2006) und Obdachlosigkeit ("Ein mittelschönes Leben", 2008); sie schreibt über Feen und Prinzessinnen und über die Qualen des Erwachsenwerdens.

Zwischendurch immer mal die Rolle wechseln

Ihr neuestes Buch "Seeräubermoses" erscheint Ende August. Die Magellan-Terrassen hat Boie als Treffpunkt vorgeschlagen, weil ganz in der Nähe der sagenumwobene Seeräuber Klaus Störtebeker sein Denkmal hat. Wenn nur der Regen nicht wäre. Aber es regnet ja auch in der Eröffnungsszene dieses furiosen, frechen Vorlesebuchs. Von ferne erinnert "Seeräubermoses" an Michael Endes "Jim Knopf". Auch hier kommt ein Findelkind vor; den Titel kann man getrost wörtlich nehmen.

In ihren Büchern für kleinere Kinder tritt die Autorin immer mal aus dem Text heraus und spricht die Kinder direkt an. Das ist oft sehr komisch; vor allem aber ist es einer der Kniffe, mit denen sie ihre Sujets mit der Lebenswelt heutiger Kinder verbindet. Einem Fünfjährigen kann man ruhig erklären, dass es an Bord einer Seeräuberkogge noch keine Handys gab.

Erinnerung an die eigene Kindheit

Entscheidend für das Schreiben von Kinderbüchern findet Boie den Zugang zur eigenen Kindheit. Man glaubt ihr ihren sofort. Welcher Leser würde sich nicht erkennen, welcher Vorleser fühlte sich nicht spät verstanden, wenn es der Ich-Erzählerin in "Wir Kinder aus dem Möwenweg" peinlich ist, das fremde Nachbarskind anzusprechen, obwohl sie einander intensiv beäugen? Unerschöpflich scheint die Fantasie, mit der Boie ihre oft liebenswürdig skurrilen Figuren zeichnet.

Die Sprache klingt so spontan, als strömte sie einfach durch die Autorin hindurch. Und für jedes Buch findet Boie einen ganz eigenen Tonfall. Wie sie das macht? "Der kommt von alleine", sagt sie schlicht. Wenn sie die Idee zu einem Buch hatte, recherchiert sie, skizziert das Personal und die Handlung und wartet dann ab. Aber nicht lange. "Irgendwann weiß mein Unterbewusstes, was es zu tun hat. Dann muss ich das nur noch von meiner inneren Tafel abschreiben. Aber das soll jetzt nicht arrogant klingen!"

Hohe künstlerische Maßstäbe

Denn Schreibkrisen kenne sie auch. "Die sind ein Zeichen, dass etwas schief gelaufen ist." Es kommt vor, dass ein Manuskript nach einigem Ringen im Papierkorb landet. In ihren künstlerischen Maßstäben ist sie unerbittlich.

"Natürlich wäre ich gerne Philip Roth", sagt sie und lacht. "Aber der literarische Anspruch ist das eine, und für Kinder angemessen zu schreiben ist das andere. Beides zu erfüllen und auch noch zusammenzubringen, gelingt mal mehr und mal weniger. Mit Verknappung zum Beispiel, die ja ein literarisches Qualitätsmerkmal ist, können Sie bei Kindern nicht arbeiten. Je kleiner die Kinder, desto deutlicher müssen Sie die Dinge beim Namen nennen."

Dass ein Kinderbuchautor Verantwortung für seine Leser hat, ist für Boie auch außerhalb des Schreibens eine Selbstverständlichkeit. Sie regt sich auf - gern über die Hamburger Bildungspolitik - und setzt sich ein, etwa als Schirmherrin von Leseförderungs- und Umweltschutzprojekten. Eine viel gerechtere Gesellschaft wünscht sich Boie; immer wieder spricht sie von der "Schere zwischen denen, die Bildung haben, und denen, die keine haben".

Romane auch für kleine Kinder

Beim "Seeräubermoses" verfolgt die Autorin schon mit der Romanform ein pädagogisches Anliegen: "Spezielle Vorlesebücher sind fast immer Sammlungen von kurzen Geschichten. Das freut den Vorleser, weil kein Kind quengelt und wissen will, wie es weitergeht. Aber da fehlt der Spannungsbogen! Dabei soll ein Kind doch erleben: Ein Buch kann so spannend sein, dass ich wütend werde."

Boie schreibt Kinder- und Jugendbücher, seit sie Mitte der achtziger Jahre durch ihren Adoptivsohn auf die Idee für "Paule ist ein Glücksgriff" kam. Ihr Erstling schaffte es gleich auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Auf Verlangen des Jugendamts hatte sie ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben. "Gar nicht zu arbeiten, das passte nicht zu meinem Lebensentwurf. Außerdem brauchten wir Geld. Da dachte ich, ich schreibe Heftromane. Als ich meinem Unterbewusstsein die Tür erst mal geöffnet hatte, ging es ganz schnell."

Piraten sind ein spannendes Thema

Als Kind schon hat sich Boie Geschichten ausgedacht. Sie hat sie in Großbuchstaben auf Butterbrotpapier gekrakelt und ihre Freundinnen aufgebracht, weil sie beim "Geschichtenball" den Ball nie hergab, sondern die Geschichte lieber selbst weitererzählen wollte. Ihre Hamburger Kindheit hindurch war ihr präsent, dass sie in einer Hafenstadt lebte. "Die haben in der Schule so getan, als würden alle Kinder später zur See fahren", erzählt sie. "Wir haben viel über Seefahrt gelernt, zum Beispiel, welche Fahne man bei Quarantäne hisst." Schade nur, dass sich ihr Name "Beue" ausspricht und nicht "Boje".

Bei dem Schiffsbuch "Seeräubermoses" war der Lokalpatriotismus aber aus anderen Gründen am Werk: "Piraten sind für Kinder ein spannendes Thema. Aber es geht immer um die Piraten der Karibik. Dabei hatten wir doch hier unsere eigenen Piraten, bevor die Karibik überhaupt entdeckt wurde!" Wie Störtebeker. Der muss nun, regenhalber, ohne unseren Besuch auskommen. Unter einem graulila Himmel macht sich Kirsten Boie auf den Weg zum Bahnhof, zu Fuß, eine zierliche Frau im Trenchcoat.

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