Wer dieser Tage Prenzlauer Berg betritt, dem kann es passieren, dass ihm von einem kleinen Mädchen oder Jungen der Weg verstellt wird. „Wie heißt du?“, fragt das Kind dann selbstbewusst. „Und was machst du hier?“ So weit ist es gekommen. Erwachsene, die nicht offensichtlich Mamas oder Papas sind, müssen sich vor fremden Kindern rechtfertigen. Denn dies ist ihr Bezirk, hier herrschen sie. Nicht umsonst trägt Prenzlauer Berg inzwischen den verballhornenden Spitznamen „Pregnancy Hill“ – Schwangerenhügel.
Kinder haben Berlin geprägt. Da waren die rotzverschmierten Zille-Gören am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, die sich vor der Kamera des Berliner Künstlers drängelten. Da waren die Kinderbanden der 20er- und 30er-Jahre, die Erich Kästner in „Emil und die Detektive“ auftreten ließ: Gustav mit der Hupe, Pony Hütchen und die ganze Truppe. Nach dem Krieg waren es die kleinen Jungs in Lederhosen und die Mädchen mit den Affenschaukeln, die auf den Trümmerbergen standen und den amerikanischen Piloten der Luftbrücke zuwinkten. Sie gaben den Rosinenbombern ihren Namen. Und im letzten Jahrzehnt der Mauer, als Ost-Berlin noch Hauptstadt der DDR war, trieben sich die Kinder auf den verfallenden Hinterhöfen von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain herum. Berlin ohne Kinder – das war unvorstellbar.
Dann fiel die Mauer, und mit ihr brach die Geburtenrate zusammen. Nur noch halb so viele Kinder kamen im Osten der Stadt auf die Welt, im Westen blieb die Geburtenzahl dank Kreuzberg und Neukölln konstant. Bezirke wie Zehlendorf, Wilmersdorf und Charlottenburg waren dagegen heillos überaltert. Wenn dort in den 80er- und frühen 90er-Jahren überhaupt Kinder vorkamen, dann meist als Einzelkind. Keine Kinderbanden mehr, kein Lärm auf den Spielplätzen. Das Berlin jener Jahre war eine Erwachsenenwelt. Einzelkinder fallen darin kaum auf.
Das ist vorbei. Die Kinder sind wieder da. 31.174 Geburten wurden 2007 in Berlin registriert, es zeichnet sich ab, dass es 2008 noch einmal mehr werden könnten – damit ist fast wieder der Wert der Vorwendezeit erreicht. Überwunden scheinen die Zeiten, als eine Zwei an der Spitze der Geburtenzahl stand. Die vielen Babys sind Folge des „Hauptstadteffekts“, sagen die Demografen. Jüngere Leute sind hauptsächlich aus den alten Bundesländern in die angesagten Viertel gezogen und haben sich – fast kann man sagen: kollektiv – entschieden, Familien zu gründen. Aber egal, woher die Eltern kommen, aus dem Ländle Baden-Württemberg, aus dem Rheinland, aus Niedersachsen oder Sachsen: Ihre Kinder sind von hier. Waschechte Berliner Gören.
Und alles wegen Prenzlauer Berg und Mitte? Wohl kaum. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf nimmt die Kinderdichte auf beliebten Spielplätzen enorm zu. Am Lietzensee, auf dem Ludwigkirchplatz oder dem Stuttgarter Platz, um die Güntzelstraße, im Preußenpark, um nur einige Hotspots der Kleinkinder zu nennen. „Endlich sieht man wieder Kinderwagen auf der Straße“, sagt Regina Conradi erfreut. „Das war ja hier still wie in einem Altersheim.“ Die 77-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann fünf Kinder in Wilmersdorf großgezogen hat, freut sich, dass sich nachmittags wieder Kinder auf dem Hof ihrer Wohnanlage zum Spielen sammeln. „Bitte die Grünanlagen nicht betreten“, ermahnt das Schild auf dem Rasen noch. Doch inzwischen meckert keiner der Anwohner mehr, wenn die Kinder dort Fußball spielen. Es sind einfach zu viele geworden, um sich ständig mit ihnen und den Eltern anzulegen. Die Zeiten ändern sich.
Nein, beharrt dagegen Sylvia Brenke, die Leiterin des Standesamts Charlottenburg-Wilmersdorf, mehr Kinder seien es in diesem Bezirk nicht geworden. Zumindest nicht 2007. Zwar sind die Geburtenzahlen im Bezirk rasant gestiegen. Mit über 4500 Geburten rangierte der klassische Westbezirk dicht hinter dem geburtsfreudigen Bezirk Mitte. Doch das lag einfach daran, dass es einen innerstädtischen Geburtstourismus gibt. Wem als werdender Mutter ein Klinikhochhaus wie das der Charité zu groß und zu bedrohlich ist, der fährt zum Gebären „rüber“ in den Westen. Dort gibt es hervorragende Kliniken – so kommen die hohen West-Geburtenzahlen zustande. Von den 4564 im Jahre 2007 geborenen Kindern in Charlottenburg-Wilmersdorf blieben nur 2446 Kinder im Bezirk selbst.
„Je mehr Kinder, desto besser“
Trotzdem, eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Auch der Westen ist zunehmend attraktiv für Familien. „Meine Warteliste wird von Jahr zu Jahr länger“, sagt Irmhild Jaworski, Leiterin des katholischen Kindergartens St. Ludwig am Ludwigkirchplatz. Deshalb entschied man sich im vergangenen Jahr, den 100 Jahre alten Kindergarten für viel Geld auszubauen. Und die evangelische Nachbargemeinde gründete vergangenes Jahr eine Grundschule. In der nahe gelegenen Pfalzburger Straße macht gerade ein zweisprachiger Privatkindergarten auf. Eine kleine Sensation. Das hat man in diesem Kiez, der lange von toskanagebräunten, im Zweifel eher kinderlosen 68er-Individualisten geprägt war, noch nicht erlebt. Wer heute seine Einkäufe aus den teuren Feinkost- und Weinläden der Ludwigkirchstraße in die geräumige Altbauwohnung schleppt, muss aufpassen, nicht von einem Laufrad angefahren zu werden.
Womöglich kommen die ersten Familienflüchtlinge aus Prenzlauer Berg inzwischen hier an. „Uns wurde es dort einfach zu voll. Nur Kinder und Eltern“, erzählt Kathrin Wernecke. Die 36-jährige ist Mutter von drei Kindern. Doch ihr zwei Jahre älterer Mann und sie haben es nur bis Mitte geschafft, wo er eine Kommunikationsagentur leitet. Dort leben sie jetzt. Mitte sei viel überschaubarer, kiezhafter und durchmischter als Prenzlauer Berg, sagen sie. Wollte das Ehepaar schon immer Kinder, oder hat sie der Prenzelberg-Fruchtbarkeits-Virus erwischt? „Auf jeden Fall Kinder. Je mehr, desto besser“, sagt Kathrin Wernecke lachend. Und dabei ist er als Einzelkind aufgewachsen und sie – mit nur einem Bruder – stammte aus einer Kleinfamilie. Trotzdem, in der Kinderfrage war man sich sofort einig. Nur Party und Konsum, das sei auf Dauer doch zu wenig.
Darin unterscheidet sich diese Generation so sehr von ihrer Vorgängergeneration. Schon einmal erlebte ein Teil der Stadt, nämlich West-Berlin, einen massiven Zuzug junger Leute. In den 80er-Jahren war es schick, aus West-Deutschland nach Kreuzberg oder Schöneberg zu ziehen. Damals war West-Berlin auch ein Spielplatz – ein riesiger Abenteuerspielplatz für Erwachsene, die ausprobieren wollten, wie weit sich die Jugend nach hinten ausdehnen ließ. Kinderkriegen galt als spießig, einengend und doof. Im Asta der FU lagen zeitweise die Listen für Abtreibungsärzte aus, falls es denn doch versehentlich zur Schwangerschaft kam.
Vorbei. Berlin hat wieder Kinder. Der Stadt sei es gegönnt. Sie hat ihre Zukunft lange genug entbehrt.




