Der Speckgürtel fängt für Elena Seelig schon in Charlottenburg an. „Da ist es mir zu ruhig, zu sehr Vorstadt. Ich muss einfach mittendrin wohnen“, sagt die 32-jährige Tanzlehrerin. „Ich bin durch und durch ein Stadtmensch.“
Mit ihrem Mann Andreas, 42, und den Kindern Paul, 9, Emilia, 7, und der elf Monate alten Maja lebt sie in Kreuzberg. Hund Otto gehört natürlich auch noch dazu. Eine kleine Großfamilie, glücklich im Trubel der City. „Und eine Alternative dazu gibt es für uns nicht.“
Vor ein paar Jahren hat die Familie es mal versucht mit dem Landleben, und ist in ein Haus am Stadtrand gezogen. „Aber das war nichts für uns“, bilanziert die selbstständige Tanzlehrerin. „Wir haben bald gemerkt, dass wir das pulsierende Leben brauchen, all die unterschiedlichen Menschen um uns herum.“ Den Kindern habe es zwar ganz gut gefallen in dem hübschen Häuschen mit Garten und dem vielen Platz, „aber mein Mann und ich waren da nicht richtig glücklich“. Sie wollten so schnell wie möglich zurück nach Berlin.
Die Kinder haben sich schnell eingelebt
Leicht war es nicht, mitten in der Stadt eine bezahlbare Wohnung für fünf Menschen und einen großen Hund zu finden – „aber wir wussten, dass der Speckgürtel für uns keine Alternative mehr ist“, sagt Elena Seelig. Nun wohnen sie wieder im munteren Kreuzberg. Die Kinder haben sich schnell neu eingelebt. Und auch Hund Otto musste sich daran gewöhnen, dass es in Berlin deutlich weniger Felder zum Rennen gibt. „Aber wir fahren viel mit ihm Rad“, sagt Andreas Seelig, der als Neurologe arbeitet, „so bekommt er genug Bewegung.“
Natürlich hat das Kreuzberger Ehepaar auch Bekannte, die nicht verstehen können, warum sie unbedingt mit den Kindern in der Stadt leben wollen. Das sei doch so laut, oder – der Lieblingsvorwurf – so anonym. Elena Seelig zuckt nur mit den Schultern. „Anonymität bringt auch Freiheit“, sagt sie, „ich fand es immer furchtbar, wenn unser Nachbar genau wusste, wann wir nach Hause gekommen sind und was es zum Abendbrot gab.“ Nirgendwo konnte man hingehen, ohne dass es bemerkt wurde. „Und sobald man sich im Garten blicken ließ, blieb einer am Zaun stehen, um den neuesten Klatsch zu erzählen.“
Alles um die Ecke - das ist ein Gefühl von Freiheit
Klar, in Kreuzberg kennt man sich auch. Man trifft sich auf dem Markt oder im Park. Die Kinder spielen mit denen aus dem Nachbarhaus. Aber: „Die soziale Kontrolle ist geringer“, sagt Elena. „Jeder kann hier seine Nische finden und so leben, wie er möchte.“
Die dreifache Mutter freut sich jeden Tag darüber, dass in ihrem Kiez alles direkt um die Ecke liegt. Cafés, Läden, Ausstellungen, Theater und Kino – in ein paar Minuten zu erreichen. „Auch wenn wir das natürlich gar nicht dauernd alles nutzen“, sagt sie, „aber das Angebot gibt mir ein Gefühl von Freiheit.“
Auch für die Kinder. Emilia und Paul besuchen zum Beispiel regelmäßig ein Kunstatelier. Dort entsteht aus ihren eigenen Bildern ein Film. Sie machen Sport, Emilia lernt außerdem Geige und singt im Chor. „Sie würde auch gern reiten“, erzählt Elena, „aber das ist hier in der Stadt ein bisschen schwierig.“
Die Schulauswahl ist größer
Das Ehepaar hat sich entschieden, die Kinder auf eine Waldorfschule zu schicken. „In einem kleinen Ort außerhalb hätten wir diese Möglichkeit wahrscheinlich gar nicht gehabt“, erklärt Elena Seelig, „da hätte es nur eine Schule gegeben. Und dahin hätten unsere Kinder dann gehen müssen.“
Die sportliche junge Frau weiß, wovon sie spricht. Sie ist mit ihrer mobilen Tanzschule oft in Brandenburg unterwegs. Und sie ist gern dort, mag die Dörfer und die Menschen. Manchmal sprechen ihre Tanzschüler sie dann an, fragen, ob Elena nicht mit ihrer Familie ins Dorf ziehen möchte. Dann wäre der Weg zur Arbeit für sie nicht mehr so weit und mehr Platz hätten sie auch. Aber Elena Seelig schüttelt jedes Mal den Kopf. Natürlich, ein eigenes Haus hätte sie schon gern, „aber nur in Kreuzberg, oder auf dem Tempelhofer Feld, auf der Seite des Columbiadamms – das ist unser Traum.“
Wie sehr viel lieber sie in der Großstadt lebt, wird der jungen Mutter jedes Mal klar, wenn sie nach ihren Tanzkursen im ländlichen Brandenburg gegen 22 Uhr in ihr Auto steigt, um wieder nach Hause zu fahren. Dann geht es durch scheinbar menschenleere Orte und über dunkle Straßen. „Da ist einfach niemand, das finde ich schrecklich.“ Nach etwa einer Stunde kommt sie in Kreuzberg an. „Dann bin ich froh“, sagt sie. „Überall ist Licht, Menschen sind auf den Straßen unterwegs, es wird geredet, gelacht, gestritten. Mir gefällt das, es ist so lebendig.“
Dafür nimmt sie sogar die ewige Parkplatzsuche in Kauf. Und wenn Elena Seelig dann ihr Auto abschließt und überlegt, ob wohl noch eine Flasche Wein zu Hause im Kühlschrank liegt, dann seufzt sie lächelnd. „Und wenn nicht, ist es ja kein Problem. Dann geh ich noch mal schnell in den Supermarkt um die Ecke – der hat ja jeden Tag bis Mitternacht geöffnet.“



