Michael Ney entspricht nicht gerade einem Wunsch-Parteimitglied. Seine erbosten Reden über die Personalpolitik der Brandenburger Union sind berühmt-berüchtigt. Auch auf dem Plakat für die Landtagswahl am 27. September guckt Michael Ney eher Furcht einflößend.

Seine Augen sind aufgerissen, der Mund ist leicht geöffnet, die Ohrläppchen leuchten. An der Nase und auf der Wange zeichnen sich feine, rote Äderchen ab. "Für ein Fotoshooting war ich nicht bereit", sagt er grimmig. "Ich lasse mich doch nicht liften." Was für den 58-Jährigen nichts als die ungeschminkte Wahrheit ist, sehen andere als weiteren Beweis an, dass Ney ein Querulant ist. Seit einer halben Stunde wartet dieser Mann nun schon auf die Spitzenkandidatin der Brandenburger CDU. Johanna Wanka war für 10.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz in Oranienburg angesagt, längst hat sich ein Grüppchen von Kandidaten und Wahlhelfern um den Infostand der Union geschart. Jetzt müsste er doch wütend werden über die Verspätung der feinen Ministerin. Aber nein. Über Neys Lippen kommt kein Wort der Missbilligung, nicht einmal ein Hauch Ungeduld ist zu spüren. Im Gegenteil. Er nutzt die Zeit, um von Johanna Wanka zu schwärmen. Sie sei kompetent und intelligent. Könne gut mit Menschen umgehen. "Und sie macht eine pragmatische, keine ideologische Politik", sagt Ney. Als Wanka schließlich eintrifft, empfängt er sie mit einem Lächeln.

Sympathieträgerin der Union

Johanna Wanka kommt an. Zunehmend sogar auch in der eigenen Partei. Das will schon was heißen: Sieben Vorsitzende hat die CDU seit 1990 verschlissen und sich zum Ende der Ära Jörg Schönbohm fast selbst zerlegt. Seit die Wissenschaftsministerin im Januar die Union von Schönbohms glücklosen Nachfolger Ulrich Junghanns übernommen hat, herrscht weitgehend Ruhe. Ja, ja, sagen viele. Es ist ja Wahlkampf. Das aber hat die CDU Brandenburg bislang auch nicht von ihren internen Kämpfen abgehalten. Irgendwie ist es dieses Mal anders.

Selbst ihre Kritiker geben zu, dass Johanna Wanka das Zeug dazu hat, der Union ein sympathisches und intelligentes Gesicht zu geben. Anders als ihr polternder Vorgänger Jörg Schönbohm greift sie lieber zu den sanften Tönen. Das passt eher in ein Land, in dem der "nette Herr Platzeck" mit Tuchfühlung zu den Märkern die SPD trotz starkem Wind an der Macht hält. Außerdem ist die ehemalige Mathematikprofessorin eine Ostdeutsche. Das ist immer noch wichtig in Brandenburg, das noch lange nach der Wende als "kleine DDR" galt.

Straßenwahlkampf ist Kärrnerarbeit. Johanna Wanka trägt ein cappucino-farbenes, eng geschnittenes Kostüm und an den Füßen schwarze hochhackige Schuhe mit einer Spitze aus Lack. Ihre Lippen sind rosa geschminkt. Das gefärbte Blond ihrer Haare hat einen natürlichen Ton. Irgendwie sieht sie trotz ihrer Kostüme immer ein wenig aus wie das Mädchen vom Land - im positiven Sinne. Ein Wahlplakat mit der Bauerntochter aus Sachsen-Anhalt im Sommerkleid auf einer Blumenwiese würde einen nicht überraschen. Sie hat beides in sich: die freundliche, aber auch strenge Dame und das herzliche, aber auch etwas selbstverliebte Mädchen. Die Dame ist eloquent und führt gerne Regie. Das Mädchen tuschelt gern mal über andere, kann jedoch auch herzhaft über eigene Missgeschicke wie eine aufgeplatzte Naht oder einen abgefallenen Absatz lachen.

Die CDU hat ihren Stand unter dem orangefarbenen Schirm rechts neben dem Ausgang vom Bahnhof Oranienburg aufgebaut. Nur wenige Meter entfernt ist der Haltepunkt für den Bus-Shuttle zur Landesgartenschau - und entsprechend viele Passanten sind unterwegs. Doch für die Bundes- und Landtagwahl interessiert sich so gut wie keiner. Die CDU-Spitzenkandidatin spricht zwei Damen an: "Sind Sie aus Oranienburg?" Die beiden kommen aus Berlin. Egal. "Dann drück ich Ihnen unsere Kanzlerin in die Hand", sagt Wanka und übergibt eine Angela-Merkel-Hochglanzbroschüre. Die CDU-Bundeschefin ist die beste Wahlkampfhilfe für die seit Jahren schwächelnde Brandenburger Union. Bei der ersten von drei geplanten Kundgebungen zog die CDU-Bundeschefin in Rathenow rund 1500 Zuschauer an.

Jetzt erinnert sich die alte Dame. "Ach ja, sind Sie nicht Frau Wanka? Ich hab sie neulich im Konzert gesehen." Das freut Johanna Wanka. Im Gegensatz zum amtierenden Ministerpräsidenten Platzeck tritt Wanka nicht allein auf Kundgebungen auf. Ihr Problem ist nicht mangelnde Beliebtheit, sondern dass sie noch immer zu wenige kennen.

Das liegt auch daran, dass sie zwar sehr gern über Universitäten und Brandenburgs Kultur spricht, kaum aber Position zu anderen Themen bezieht. Das Wahlprogramm der CDU bringt die Spitzenkandidatin aber gern an die Frau und den Mann. Ein Fernsehteam aus Berlin gibt ihr vor dem Stand Gelegenheit dazu. Endlich werden ihre politischen Botschaften abgefragt. Nein, mit dem beliebten Matthias Platzeck kann sie nicht konkurrieren. Deshalb tritt sie auch nicht um sein Amt an. Ja, die Union habe klare Wahlaussagen. Die CDU will mehr Lehrer gegen Unterrichtsausfall, Hilfe für den Mittelstand, intelligente Lösungen für den ländlichen Raum. Nein, sie werde keine rot-roten Horrorszenarien an die Wand malen. "Wer Stabilität will, muss uns wählen", sagt Wanka. Um die Stimmung im Land wissend, vermeidet die Union geflissentlich die alte "Rote-Socken-Kampagne". 2004 landete die CDU hier bei 19 Prozent, während die SPD 31 Prozent einfuhr und die damalige PDS mit 28 Prozent nur knapp dahinter lag. Bislang lässt die in Umfragen vorne liegende SPD sich mehrere Optionen offen: Die Neuauflage von Rot-Schwarz oder ein Bündnis mit den Linken. Für ein Regieren mit der erstarkten FDP wird es nicht reichen. Die SPD argwöhnt, dass sich nach den Wahlen das einstige Lager um Parteivize Sven Petke verbündet und die Chefin an die Leine nimmt. Wanka will davon nichts wissen.

Zwei breitschultrige Polizisten nähern sich dem Stand. Es gab eine Beschwerde. "Die Bahn rief an, der Stand versperre den Fluchtweg aus dem Bahnhof". Auch die Polizisten finden, dass hier niemand den Weg versperrt. Die CDU darf noch 20 Minuten bleiben. Johanna Wanka findet die Aktion affig. Das merkt man ihr an. Ausgerechnet die Deutsche Bahn muss sich beschweren!

Sie braucht jetzt ein Espresso.

Kochrezepte auf dem Wochenmarkt

Landtagskandidat Michael Ney führt die Spitzenkandidatin in die Bäckerei im Bahnhof. Er hofft, dass die Leute dieses Mal die Union wählen. "Unser Problem ist der Platzeck-Faktor. Der ist Schwiegermamas Darling", sagt er. Trotzdem, eine Johanna Wanka ist auch schon was. Bei ihrer Wochenmarkt-Tour hat sie ganz schön gepunktet. Mit einer Charme-Offensive und eigenen Rezepten. Keine politischen, sondern kulinarische. Die Ministerin verteilte ihre Lieblings-Kochrezepte im Land. Platzeck kocht zwar auch, aber eher nach Gefühl als nach Rezept.