Ein Mann brennt. 2500 Zuschauer in der Vulkan-Arena im Filmpark Babelsberg kreischen begeistert. Die Hitzeentwicklung ist enorm, in den vorderen Reihen ist das Feuer deutlich zu spüren. Hinter den Kulissen wirft der Stuntman die mit Benzin getränkte Decke ab. Darunter trägt er feuerfeste Schutzkleidung. Mir wird mulmig.
In der E-Mail stand deutlich „Feuerstunt“. Seit ich den Programmablauf für mein individuelles Stunttraining gelesen habe, denke ich darüber nach, was dieser Punkt wohl bedeuten könnte. Als Christoph Genesis, Chef der Stuntcrew, nach der Show die Kiste mit der feuerfesten Schutzkleidung aus den Katakomben holt und vor mir abstellt, habe ich Gewissheit: Ob wir mal „brennende Frau“ spielen wollen, fragt er mit einem verschmitzten Grinsen. Was soll ich davon halten?
Ich hatte mir vorgenommen, mutig zu sein. Es gibt Dinge, vor denen habe ich Respekt, und ich weiß, dass ich es nicht bereue, wenn ich mich überwunden habe. Das gilt zum Beispiel für neue Freeride-Strecken beim Skifahren. Vor dieser Aufgabe aber habe ich mehr als Respekt, ich habe Angst. „Angst ist nicht gut“, sagt Genesis. Sie hemmt und führt dazu, dass man keinen klaren Kopf bewahren kann und am Ende wirklich etwas passiert.
Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es nicht
Stuntleute brauchen viel Mut. Sie stürzen sich aus schwindelerregenden Höhen, rasen mit Autos in Häuserwände oder agieren mit Feuer. „Das größte Problem ist die Routine“, sagt Genesis. Er ist seit über 20 Jahren in dem Business, doch an jede Aufgabe geht er heran, als würde er sie zum ersten Mal ausführen. „Wenn man den Respekt vor dem Stunt verliert, geht etwas schief“, prognostiziert er. Der 57-Jährige war ursprünglich Boxer. Eines Nachmittags vor über 20 Jahren lief er am Filmpark vorbei, der Stuntman von Harald Juhnke war kurzfristig verhindert. „Ein Bekannter, der mich vom Boxen kannte, fragte, ob ich spontan Zeit hätte, einmal vom Fahrrad zu fallen.“ Danach mimte er viele Jahre das Double von Harald Juhnke.
Eine staatliche Ausbildung gibt es nicht für den Beruf. Die aktiven Stuntleute kommen aus vielen unterschiedlichen Sportarten wie Akrobatik, Turnen, Boxen, Zehnkampf oder Parkour. Genesis hat sich alles selbst beigebracht. Für die Hollywood-Produktion „Die Bourne-Verschwörung“ doubelte er den US-Schauspieler Matt Damon und fuhr mit 60 km/h in eine Wand.
Auch mit mir hat er nun einen Autostunt vor. Bevor meine Tour auf dem Dach des grünen Honda Civic beginnt, gibt es noch einiges zu klären: Ich muss einen Versicherungsschutz unterschreiben, dann bekomme ich einen Helm und eine Schutzbrille sowie Handschuhe. Für eine Fahrt auf einem Autodach kommt mir das fast ein bisschen wenig vor, mein Körper schreit nach Protektoren jedweder Art, doch Genesis ist ganz entspannt und strahlt Ruhe aus. Ich vertraue ihm.

Ich liege bäuchlings auf dem Dach, mit den Händen greife ich von oben in die offenen Fenster, mit den Füßen versuche ich, mich am hinteren Teil des Daches festzuhalten. Das ist gar nicht so leicht, es drückt an den Knien, und wie so oft in meinem Leben wünsche ich mir längere Beine, dieses Mal, um mehr Druck ausüben zu können. Ein Karabiner verbindet meinen Oberkörpergurt mit einer schmalen Schnur auf dem Autodach, und dann geht die Fahrt los. Genesis gibt Gas, und ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt, als eine Achterbahn im Freizeitpark angehalten werden musste, weil ich in Panik immer wieder versuchte, schreiend herauszuspringen.
Die Beschleunigung nimmt mir fast den Atem. Das Tempo auszuhalten, ist das größere Problem als das Festhalten – allerdings nur, bis wir bergab fahren und ich meine liebe Mühe habe, nicht direkt auf der Motorhaube zu landen. Während ich darauf konzentriert bin, mich mit aller Kraft auf dem Auto zu halten, wird mir bewusst, dass mein Fahrer vielleicht noch mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Stundenkilometern unterwegs ist. Von außen muss es aussehen, als machten wir eine Kaffeefahrt. Als ich unversehrt vom Auto klettere, ist mir um einiges klarer, wie schwierig die Aufgaben sind, denen sich die Stuntcrew aussetzt.
Jede Aktion ist genau abgesprochen, das Timing ist entscheidend, und die Akteure müssen sich voll und ganz aufeinander verlassen können. Doch egal, wie gut alles geplant ist, „ein Restrisiko besteht immer“, sagt Genesis. Seine Leute spielen ein- bis zweimal pro Tag im Vulkan im Filmpark, darüber hinaus können sie für Dreharbeiten gebucht werden. Inzwischen gibt es fast genauso viele Frauen wie Männer in der Crew. „Früher war das anders, da haben wir Männer in den Filmen auch die Stunts der Schauspielerinnen ausgeführt, heute machen das Frauen, das passt auch viel besser“, findet Genesis. Wer sich für den Beruf interessiert, kommt am besten zu einer der Shows in den Filmpark Babelsberg und spricht das Personal vor Ort an. „Innerhalb von zwei, drei Jahren bilden wir die neuen Kräfte hier bei uns aus“, erklärt Genesis.

Derzeit besteht das Team aus etwa sieben Stuntleuten pro Show sowie einem Pyrotechniker. Pro Saison fällt immer mal jemand aus. Weniger wegen der Stunts. „Die meisten Unfälle passieren außerhalb der Shows, beim Training der jeweiligen Sportler oder im Haushalt“, erzählt Genesis. Er zeigt mir noch, wie man eine Prügelei vor der Kamera so darstellt, dass sie echt aussieht. Dabei sind etliche Kleinigkeiten zu beachten, von der Position über den richtigen Abstand zueinander. Eine Prügelszene, wie wir sie in einem Actionfilm sehen, wird aus vielen einzelnen Aktionen zusammengeschnitten. Alles ist genau choreografiert. „Mehr als vier Schläge am Stück kann sich keiner merken, daher wird danach immer ein Cut gemacht und neu aufgenommen“, erklärt Genesis.
Die Utensilien für die brennende Frau bringt er wieder weg. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, eine menschliche Fackel zu sein, und bin überrascht von seiner Reaktion: „Die Leute, die wissen, was sie nicht machen wollen und klare Grenzen ziehen, sind mir lieber als die, die es halbherzig ausprobieren“, sagt Genesis. „Zum Ablehnen gehört auch Mut.“
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