Schwedter Nordwand

Abenteuer Klettern: Morgenpost-Reporterin geht die Wand hoch

Die Berlin-Challenge: Reporter der Berliner Morgenpost stellen sich besonderen Herausforderungen - Abhängen in der Kletterwand.

An der Schwedter Nordwand: Constanze Nauhaus klettert nach oben

An der Schwedter Nordwand: Constanze Nauhaus klettert nach oben

Foto: David Heerde

Kurz bevor ich am Kletterfelsen ankomme, sehe ich sie. Die Sandalen. An meinen Füßen. Schnell radle ich nochmal nach Hause, greife die Turnschuhe und komme abgehetzt, aber gerade noch pünktlich im Mauerpark an. Björn und Arno vom AlpinClub warten schon auf mich. Wie erwartet tragen sie kein Arsenal an Kletterschuhen in allen Größen mit sich herum. Kritisch beäugt Björn, an dem in wenigen Minuten im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben hängen wird, meine ebenso farbenfrohen wie unpraktischen Sneakers mit der fast relieffreien Sohle. "Naja, das klappt schon", meint er dann. Dann fängt es an zu regnen. Das geht ja gut los, mein erstes Mal Klettern.

Björn Ludwig ist Übungsleiter und Ausbildungsreferent des Berliner AlpinClubs, einer Sektion des Deutschen Alpenvereins mit sieben Kletteranlagen. Darunter die Wand, an der ich gleich hängen werde. 2010 bekam Björn ein Schnupperklettern geschenkt und seitdem klettert er leidenschaftlich. "Nicht lang, aber intensiv", wie er sagt. Ich habe mir die "Schwedter Nordwand" neben dem Spielplatz am nördlichen Ende des Mauerparks ausgesucht, weil ich viele Nachmittage hier verbringe – schaukelnd, wippend oder buddelnd. Und den eingezäunten Kletterfelsen aus Spritzbeton habe ich bislang nur von unten bewundert. "Du bist also noch nie geklettert?", fragt mich Arno, der Vereinsvorsitzende.

Echte Kletterer bleiben auch nach Unfällen bei ihrem Sport

Eigentlich duzen sich Kletterer erst ab 2000 Meter Höhe, erklärt er. Aber so hoch ist die angeblich 15 Meter hohe Wand, wenn man direkt darunter steht, ja auch in Wirklichkeit. Mindestens. Gefühlt jedenfalls. Insofern finde ich das Duzen mehr als angemessen.

Arno Behr ist seit 1984 Mitglied im AlpinClub. "Meine beste Zeit hatte ich bis in die Nullerjahre", erzählt der 69-Jährige. "Ab und zu klettere ich noch in der Halle, aber draußen nicht mehr. Mein Freizeitvergnügen habe ich aufs Fahrrad verlegt." Drei Wirbelsäulenbrüche und fünf Tote habe er in seiner Laufbahn schon erlebt. Das macht mir unheimlich Mut.

"Aber diese Unfälle sind nicht beim Schnupperklettern passiert", schiebt Björn schnell hinterher.

Zunächst soll ich mit der kleineren, sieben Meter hohen Wand anfangen und steige in den Gurt. Geschirr fände ich passender, auch, weil mich noch ein Seil mit Björns Gurt verbinden wird. Es fühlt sich an, als würde ich gleich Gassi geführt. "Wie eine kurze Hose ohne Beine", sagt Björn heiter. Das Teil muss an den Beinen und auf der Hüfte eng sitzen, schließlich hänge ich nachher mit meinem ganzen Gewicht da drin und sollte besser nicht rausrutschen.

Als Erster klettert aber Björn, der mit Arno durch ein Seil verbunden und so von diesem gesichert ist, selbst hoch, um mithilfe von Karabinerhaken mein Seil durch eine Öse ganz oben am "Gipfel" zu fädeln. Während Björn den Felsen quasi hinaufhüpft, gibt Arno ihm langsam und stetig Seil. Hundertprozentiges Vertrauen brauche es unter Kletterpartnern, sagt er. "Ich würde niemals einen wildfremden, wenn auch erfahrenen Kletterer fragen, ob er mich mal sichert." Für Trainingssituationen wie dieser geht es natürlich nicht anders.

Beim Klettern sei zwischen Krabbel- und Rentenalter alles vertreten. Aber: Der Kletterer darf maximal das Anderthalbfache des Sicherers wiegen, sonst ist er nur noch schwer zu halten. Physikalisches Gesetz.

Als Björn wieder unten ist, machen wir "Partnercheck". Björn checkt den Sitz meines Gurtes, den doppelten Achterknoten, bei dem ich kläglich versagt habe. "Man prüft alles, woran das Leben hängt", fasst Björn zusammen. Und Arno, der einen Hang zu mahnenden Schauergeschichten zu haben scheint, fügt hinzu: "An dieser Anlage ist mal ein Kletterer abgestürzt, weil er das Seil nicht richtig geknotet hatte. Das wäre mit Partnercheck nicht passiert." Aha, sage ich, das heißt, trotz Routine … "Wegen, nicht trotz. Wegen", verbessern mich beide.

Als ich mit dem Fotografen noch schnell mögliche Motive durchexerziere – "Von mir da oben wäre doch toll" – höre ich Björn in sich hineinlachen.

Ich schaue ihn fragend an. "Ach, ich lache nur wegen ,da oben'", erklärt er. Der scheint mir ja einiges zuzutrauen. Aber spätestens jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt. Mit der ganzen Zuversicht des Anfängers schnappe ich mir einen der Kunststoff-Griffe, die mit ihren organischen Formen immer aussehen wie von Gaudì entworfen. "Eins noch", meint Björn. "Wenn Du nicht mehr kannst oder willst, rufst Du 'Zu!'. Das ist mein Signal, dass Du dich gleich ins Seil setzen willst und ausruhen. Und wenn Du runter möchtest, rufst Du 'Ab!'. Alles klar?"

Na klaro. Ich setze meinen rechten Fuß auf einen der Griffe. Und ziehe mich, zack, eine Etage höher. Gar nicht so schwer. In unerwartet wenigen Minuten bin ich oben an der Öse und noch ganz erstaunt, wie leicht das ging. "Und ab!" rufe ich und laufe quasi rückwärts die Wand wieder herunter.

Doch das war quasi nur die Vorspeise, jetzt kommt die 2000-Meter-Wand. Während Björn dort mein Seil einfädelt, schaue ich mich um. Neben mir sichert gerade eine Frau ihren Partner. Paulina Jonczynski heißt sie und klettert seit 20 Jahren. Was sie daran reize? "Alles, was ich hier erreiche, erreiche ich durch mein eigenes Können. Ohne Hilfsmittel." Und die Community sei so familiär und entspannt. "Wenn ich klettere, befreie ich mein Hirn von anderen Gedanken. Arbeit, Stress, alles wird unwichtig", sagt die 51-Jährige. Sie wünscht mir Glück für den nächsten Aufstieg.

Der Abstand zwischen den Griffen wird nun deutlich größer sein, zudem ist die Wand leicht nach vorn geneigt – man benötigt also mehr Kraft beim Festhalten. Mittlerweile regnet es außerdem richtig. "Das sind ja traumhafte Bedingungen", scherzt Björn. "Versuch, den Körper immer dicht an der Wand zu halten. Das hast Du ja eben schon ganz gut gemacht."

Etwas ratlos stehe ich davor. Der erste Griff liegt auf mindestens einem Meter Höhe, wie soll ich da hinaufkommen? "Die Einstiege sind bewusst so schwierig konzipiert", erklärt Björn. Damit nicht Kinder drauflosklettern und erst oben merken, dass sie nicht weiterkommen."

Mit dem letzten Schwung geht es rauf auf den Felsen

"Einmal oben wird es leichter." Irgendwie komme ich auf die ersten Griffe, kralle mich mit Füßen und Fingern in Felsspalten fest und arbeite mich wieder Zentimeter für Zentimeter hoch. "Bei guten Griffen langsam klettern und genießen", ruft Björn hoch. Es ist wirklich ungleich schwerer als an der ersten Wand. Ich brauche mehr Kraft, die ich kaum noch habe, aber trotz allem macht es irre Spaß. Zweimal rutsche ich ab und danke Björn inständig für seine Erfahrung und Geistesgegenwart. Dreimal nutze ich das Kommando "Zu!" und hänge buchstäblich in den Seilen. Doch als ich wenige Meter unter der Felskante mit letzter Kraft "Ab!" rufen will, denke ich, nee! Da muss ich noch rauf. Einmal die Heimat von oben betrachten. "Noch zwei ernsthafte Züge, dann bist Du oben!", ermuntert mich Björn. Mit letztem Schwung ziehe ich mich hoch. Und sitze plötzlich auf dem Felsen. Hallo, Prenzlauer Berg! Euphorisch lache ich in mich hinein. Geschafft.

Zwischen die beiden Wände gestützt laufe ich wieder herunter und schaue mich beifallheischend um. "Das sah super aus fürs erste Mal", sagt Paulina. Und Björn klärt mich auf: "Das ist eine recht schwierige Route, eine 6+. Die schwierigste je gekletterte Route der Welt ist eine 12-."

Aber für meine Performance gibt er mir heute eine 1+. Mit Bienchen.

Wissenswertes für Kletterer

Wo kann ich in Berlin klettern? In Berlin gibt es vier Sektionen des Deutschen Alpenvereins, bei denen ein kostenloses Schnupperklettern möglich ist. Kontaktaufnahme z.B. unter www.alpinclub- berlin.de. Mitgliedsbeitrag zwischen 30 und 72 Euro jährlich.

Kletterhallen: Alternativ können sich Anfänger an einer der vielen Indoor-Kletteranlagen ausprobieren: Magic Mountain Kletterhalle in Wedding, Böttgerstraße 20, www.magicmountain.de; Kegel in Friedrichshain, Revaler Straße 99, www.derkegel.de; T-Hall in Neukölln, Trachenbergring 48, www.diekletterhalle.de. Boulderklub Kreuzberg, Ohlauer Straße 38, www.boulderklub.de. Viele Kletteranlagen haben zudem spezielle Bereiche für Kinder. In den Kletterhallen kann man sich außerdem oft auch Schuhe, Kreidebeutel, Handtücher und Sicherungsgurte ausleihen.

Voraussetzung: "Klettern kann jeder probieren", sagt Björn Ludwig. "Egal auf welchem Fitnesslevel." Auch eine spezielle Ausrüstung braucht man für den Anfang nicht, bequeme Kleidung ist ausreichend. Bei den Schuhen sollte man darauf achten, dass die Sohlen nicht zu glatt und steif sind.

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