Abriss-Streit

So wohnt man im umstrittenen DDR-Hotel Mercure in Potsdam

Um den Abriss des DDR-Hotels Mercure in Potsdam wurde erbittert gestritten. Jetzt darf es stehen bleiben – vorerst. Ein Besuch.

Einzigartiger Turm oder „Notdurft-Architektur“? Weil es rundum keine anderen Hochhäuser gibt, wirkt das Potsdamer „Hotel Mercure“ mit seinen 60 Metern Höhe gigantisch

Einzigartiger Turm oder „Notdurft-Architektur“? Weil es rundum keine anderen Hochhäuser gibt, wirkt das Potsdamer „Hotel Mercure“ mit seinen 60 Metern Höhe gigantisch

Foto: Ralf Hirschberger / ZB

Die Leuchtschrift scheint rot am Nachthimmel auf. „Hotel Mercure“ steht da plötzlich wie ein Filmtitel im Nichts. Aber wo ist das dazugehörige Hotel? Das Navi lotst mich über gelb beschienene Ausfallstraßen, alles hier ist samtig geteert und beschildert, aber wo bin ich? Ist das wirklich Potsdam? Meine Erinnerung ist ganz offenbar veraltet. Wo sind all die Ruinen, die grauen Häuser, der Bunker an der Langen Brücke, der ein Theater hatte werden sollen, bis dann aber die Mauer fiel? Überall neue Straßen, Neubauten, Einkaufszentren, eins davon ist der Bahnhof.

„Sie haben Ihren Zielort erreicht“, sagt das Navi, aber ich sehe immer noch kein Hotel, sondern starre auf einen riesigen, schwarz-weiß gestreiften Platz. Er ist leer bis auf ein paar winzige Bäumchen. „Bitten wenden Sie“, sagt das Navi, und tatsächlich: Da ist es. Hinter mir, 60 Meter hoch, erhebt sich das „Hotel Mercure“ auf einem Podest einige Meter über Straßenniveau wie ein Monolith in der Landschaft.

Im Vorbeifahren hatte ich nur die Betonwände des Sockels wahrgenommen und für Panzersperren gehalten. Die Vorfahrt hinter unwirtlichen Schranken hielt ich für einen verbotenen Bereich. Vielleicht hätte ich vor meiner Abreise nicht so viele martialische Artikel über Potsdam lesen sollen. Über Verbrechen, Krieg und Agenten von einst – und den aktuellen Streit um das Hotel, der die Stadt spaltet. Schließlich dirigiert mich eine freundliche Empfangsdame des Hotels am Handy zur Einfahrt.

Eine Reise zurück in die DDR, so hatte ich mir das Hotel Mercure vorgestellt. Das Gebäude, ein Plattenbau aus dem Jahr 1969, hat die Stadt Potsdam mit einem Sanierungsverbot belegt, um zu verhindern, dass der Eigentümer durch Umbauten den Wert des Gebäudes in die Höhe treibt. Die Stadt wollte das Haus selbst kaufen – um es dann abzureißen. Aus Sicht der Stadtplaner steht das Gebäude dem Beschluss von 1990 im Weg, den alten Stadtkern „behutsam wieder an den historisch gewachsenen Stadtgrund anzunähern“.

Günther Jauch sprach von „Notdurft-Architektur“

Zu den Abriss-Verfechtern gehören neben der Stadt selbst Potsdamer Größen wie Hasso Plattner, Mäzen und Investor, der 2012 anstelle des „Mercure“ eine Kunsthalle bauen wollte, aber nach Protesten aufgab. An Plattners Seite steht Günther Jauch. Der Fernsehmoderator schenkte der Stadt das Portal des heutigen Stadtschlosses und lieferte der Debatte das wohl schärfste Wort: „Notdurft-Architektur“ nannte Jauch die baulichen Hinterlassenschaften der DDR.

Auf der Verteidiger-Seite der DDR-Bauten steht ein Bündnis, das die Linke unterstützt. Die Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ sammelte zuletzt 14.000 Unterschriften für den Erhalt dreier DDR-Gebäude in der Innenstadt – fast zehn Prozent aller Anwohner hatten unterschrieben – und erreichte damit zumindest, dass der Abriss des Hotels zunächst nicht weiter verfolgt wird.

Was ist „historisch“ in einer Stadt wie Potsdam? Das „Hotel Mercure“ ist mittlerweile ja auch fast ein halbes Jahrhundert alt. Und wie behutsam ist der Abriss eines Hotels, das offenbar gut läuft, selbst im trüben November? 210 Zimmer hat das Haus, ich bekomme eines der letzten. Im zweiten Stock, leider. Oben ist nichts mehr frei. Wie wohnt es sich also in diesem umstrittenen Klotz? Ahnt man noch was von der DDR?

Vier Sterne, dunkles Holz, strapazierfähige Teppiche

In der Hotellobby des „Mercure“ zumindest ist nichts davon zu sehen. Alt ist hier nur ein antiquierter Filmprojektor im Eingang, der auf das gegenüberliegende Filmmuseum hinweist. Das „Mercure“ ist ein modernes Hotel, Teil einer internationalen Kette mit hunderten Häusern. Vier Sterne, dunkles Holz, strapazierfähige Teppiche, indirektes Licht.

Noch bevor ich mein Zimmer beziehe, mache ich eine kleine Exkursion durchs Haus. In der Hand habe ich die Zeitungsartikel aus der Zeit, als das Hotel eröffnete. So laufe ich durch endlose, einsame Hotelflure. Das erste Geschoss finde ich nicht – später werde ich erfahren, dass es ein Zwischengeschoss fürs „House keeping“ ist. Dafür stehe ich irgendwann fasziniert an den Treppenhaus-Fenstern im 16. Stock. Kein anderes Gebäude in der Umgebung ist annähernd so hoch wie das „Hotel Mercure“. Von hier oben hat man das Gefühl zu fliegen. Unter mir schimmert Potsdam mit seinen Parks und Palästen wie ein Teppich aus Schwarz und Gold.

Zur Eröffnung des damaligen „Interhotel Potsdam“ priesen die DDR-Zeitungen euphorisch den Bau des Hauses, an dem auch Einheiten der NVA, der FDJ und Schüler der Potsdamer Oberschule 33 mitgebaut hatten. Der Bau war ein Superlativ. 1969 war es das erste Hotelhochhaus der DDR. Das Interhotel Stadt Berlin (heute Park Inn) am Alexanderplatz folgte erst ein Jahr später. Die Zeitungen listeten in Potsdam stolz „400 Übernachtungsmöglichkeiten“ auf, jedes Bett wurde einzeln gezählt. Im Angebot war eine mit Antiquitäten ausgestattete „Knobelsdorff-Suite“, es gab ein hauseigenes Motorboot mit Catering, Wasserski – und sechs hoteleigene Restaurants samt Tanzsaal. Legendär wurde die Bar im 17. Stock, die zum Panoramablick Cocktails und Drinks wie Gin Tonic oder Blue Curaçao servierte, die es sonst nur im Westen gab.

Leider ist die 17. Etage an diesem Abend geschlossen – in den 90er-Jahren wurde die legendäre Bar zum Tagungszentrum. Vergessen ist sie nicht, auch das habe ich gelesen. Als Potsdamer Gastrome und Werber die Bar diesen September für einen Tag wiederbelebten, samt Barmann aus DDR-Zeiten, löste das in Potsdam eine kleine, unerwartete Welle aus. Die 220 Eintrittskarten waren im Nu weg.

Das Ganze, sagten sie damals, sei ein „Versuch“ gewesen, zum einen wohl, um die Nachfrage zu testen. Aber vielleicht auch, weil man befürchten musste, dass eine solche Aktion ausgerechnet in diesem Hotel Kritik hervorrufen würde. Darf man das: nostalgisch die alten Zeiten beschwören, wenn diese Zeiten mit der Vorsilbe versehen sind: DDR-? Und dabei einfach die Aussicht genießen? „In der 17. Etage hat man noch Träume“, so lautete das Motto des Abends. Es ist doppeldeutig, vordergründig zitiert es einen alten Schlager, aber es spielte auch auf etwas anderes an.

Zu Gast waren viele, die schon damals hier feierten, die sich an Cocktails mit Oliven (West) erinnerten und an den Krawattenzwang – wer keine dabei hatte, musste eine gegen Gebühr ausleihen. Gekommen waren auch ehemalige Mitarbeiter. Sie erinnern sich gut, wie es war, wenn die Stasi mit am Tisch saß und genau guckte, ob die Barleute Geschenke von West-Gästen annahmen.

Im Zeitungsarchiv hatte ich den Bericht eines Hotelkellners gefunden, der 1980 nach West-Berlin geflohen war. Er berichtete der „B.Z.“, die Stasi habe im damaligen Interhotel Potsdam alle Zimmer abgehört, sie habe dafür eine hoteleigene Studioanlage genutzt, die eigentlich für einen „Hotelfunk“ vorgesehen war. Ein Hotelgast sei verhaftet worden, nachdem er mit einer Engländerin über eine Flucht in den Westen gesprochen habe. Der Westen, das unerreichbaren Land: Auch davon wurde in der 17. Etage geträumt.

Genscher verhandelte hier über Ausreiseanträge

Zu den Gästen gehörten DDR-Schauspieler wie Katrin Sass oder Peter Sodann, aber auch West-Gäste wie Katja Ebstein oder Bernhard Wicki, erinnern sich Mitarbeiter, von denen auch heute noch einige im Haus arbeiten. Küchenchef Michael Häberer zum Beispiel steht seit 43 Jahren hier am Herd. 1988 war der damalige Außenminister Hans-Dietrich-Genscher im Interhotel Potsdam zu Gast. Offiziell sprach er im 17. Stock mit seinem DDR-Amtskollegen über Fußball. Eigentliches Thema war die Flut der Ausreiseanträge. Ein Jahr später fiel die Mauer.

Heute gibt es nur noch ein Hotelrestaurant im Erdgeschoss. Als „Gesellschaft“ nehme ich mir zum Essen das Archivmaterial mit, im Restaurant bin ich der einzige Gast. Die anderen Bewohner sind unterwegs. Das „Mercure“ ist außerhalb der Saison vor allem als Tagungshotel beliebt und die Innenstadt liegt vor der Tür.

So lese ich zu frittierter Rucola an Tortellini vom Potsdam-Abenteuer eines journalistischen Vorgängers von mir. 1972 ergriff er für das „Hamburger Abendblatt“ eine historische Chance: Erstmals nach sechs Jahren Abriegelung durften West-Berliner wieder in den Osten fahren. Der Kollege fuhr mit – nach Potsdam. Als er ankam, ging es ihm ähnlich wie mir heute: Nichts war mehr so wie in seiner Erinnerung. An der Stelle der im Krieg zerstörten Garnisonkirche stand ein Rechenzentrum. Und wo einst das Stadtschloss stand, erhoben sich ein Volkspolizei-Stadion und das „Interhotel Potsdam“. Zum Abschluss seines Besuchs bekam mein Kollege Bananentorte und einen Blick aus dem 17. Stock. Dann musste er zurück nach West-Berlin.

Ich aber bleibe. Abends im Hotelzimmer lausche ich eine Weile auf Stimmen aus den Nachbarzimmern. Wenn die Hotelwände sprechen könnten, was würden sie erzählen? Kann es sein, dass wirklich nichts mehr übrig ist aus den alten Zeiten? Ich höre nur eine Klospülung rauschen.

„Dieses Haus ist eben für viele ein Symbol"

Am nächsten Morgen beim Frühstück entdecke ich: doch. Es gibt sogar eine ganze Ausstellung mit Fotos und Erinnerungen aus DDR-Zeiten, von der Hotelkarte für den Gast bis zum lobenden Bericht über den Parteieintritt eines Kochs („… das Bedürfnis, auch nach Feierabend etwas für den Staat zu tun“). Zusammengetragen hat die Ausstellung die „Märkische Allgemeine Zeitung“ anlässlich der Party im 17. Stock. Die Tafeln hängen hinten im Restaurant, als habe man dem Thema nicht recht getraut.

Es braucht dann tatsächlich auch etwas Überzeugungsarbeit, bis der Hotelchef selbst dazu etwas erzählt. Marco Wesolowski ist, wenn man so will, ein wenig traumatisiert von der jahrelangen Abriss-Debatte um sein Hotel. Zeitweise sei er so oft darauf angesprochen worden, dass er kaum zu seinem eigentlichen Job kam, sagt der 37-Jährige. „Und was sagen Sie einem Großkunden, der ein Jahr im Voraus bucht, wenn über den Abriss des Hauses öffentlich spekuliert wird? Was den Mitarbeitern, die teilweise sehr mehr als 40 Jahren hier arbeiten?“ Lange hätten alle immer nur über seinen Kopf und das Hotel hinweg gestritten, sagt er. „Dieses Haus ist eben für viele ein Symbol, da hängen viele Emotionen dran.“

Es ist erstaunlich, aber ausgerechnet von dieser Seite hat man im Streit lange nichts gehört. Lautstark beklagten die Abrissverfechter den Mutwillen der DDR-Planer, die mit ihren Neubauten die historische Mitte Potsdams systematisch zerstörten. Das Interhotel wurde 1969 als neue „Stadtkrone“ gefeiert, was sehr nach Siegerpose klingt. Aber muss es deswegen heute zwingend wieder weg? Auch der Lustgarten, könnte man einwenden, wurde ja schon einmal planiert. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. ließ darauf einen Exerzierplatz anlegen. Zu den Wahrheiten von Potsdam gehört, dass hier jeder Fleck Erde mehrfach historisch überschrieben ist. Und die Geschichte geht ja weiter. Nicht nur im 17. Stock, wo die Panoramabar demnächst an Silvester und im März wieder geöffnet werden soll.

"Bild"-Herausgeber Diekmann: „Muss man mal gemacht haben“

Inzwischen weichen auch die Fronten im Streit auf. Zu den Bewahrern der DDR-Bauten gehört mittlerweile auch der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe, der selbst gern Gast im „Mercure“ ist. Stolpe ist wiederum in derselben Partei wie der glühendste Abrissverfechter, Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Ein „Mercure“-Fürsprecher ist seit dem Frühjahr auch „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann, der wiederum eigentlich zur Fraktion der Potsdam-Wiederaufbauer um Plattner und Jauch gehört. Diekmann checkte im April mit seiner Familie im „Mercure“ ein, obwohl er in Potsdam wohnt. „Muss man mal gemacht haben – die eigene Stadt neu entdecken!“, schrieb er dazu auf Facebook. Dazu stellte er selbstgemachte Fotos von Hotel und Ausblick in den schönsten Farben.

Der Besuch sorgte für Irritation. „Dann kann das Dreckszeug ja jetzt abgerissen werden“, kommentierte B.Z.-Chefredakteur Peter Huth. Diekmann reagierte nachdenklich: „Ich weiß nicht …“ und bekannte später in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“: Bisher sei auch er für den Abriss gewesen. Nun sei er sich nicht mehr so sicher. Es sei wichtig, auch Bauten aus DDR-Zeiten zu erhalten, „um uns daran zu erinnern“.

Was, also, gehört in Potsdams Mitte? Was ist „Notdurft“, was Geschichte? Hoteldirektor Wesolowksi sagt: Die Abhöranlagen der Stasi habe er weggeschmissen, die Restaurantmöbel eingelagert. Dann führt er seinen Besuch in einen kleinen Saal, der komplett in Weiß und Gold gehalten ist, die Wände mattrot und mit Marmor-Dekor, an der Decke hängen Kristalllüster. Mit der Geste eines Theaterdirektors zieht er die Vorhänge auf und enthüllt einen Panoramablick auf das neue Stadtschloss gegenüber, in dem heute der Landtag sitzt. „Passt doch perfekt, oder?“ Die Renaissance-Fassade harmoniert tatsächlich mit der Inneneinrichtung des Plattenbauraums. Was ist hier alt, was ist neu? Wesolowski grinst. Der Schloss-Nachbau wurde 2014 eröffnet. Die „Loge“ gibt es seit 1988. „Wir haben hier alles gelassen, wie es ist.“