Mit seinem Mario-Barth-T-Shirt hat den Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD) schon lange keiner mehr auf der Straße gesehen. Die Stimmung ist derzeit auch nicht danach. Denn auf dem Shirt steht: „Nicht Quatschen, MACHEN“. Der Teltower Rathauschef hatte es sich im Mario-Barth-Internet-Shop bestellt – als humorvolle Replik auf „Nicht kleckern, kotzen“. Der Ausspruch fiel im Oktober 2015 in der RTL-Comedy-Sendung „Mario Barth deckt auf“. Chefaufklärer Joachim Llambi übergab sich in dem Beitrag demonstrativ. Der Grund: Die seiner Ansicht nach horrende Steuerverschwendung für die neue Marina in Teltow. Die Kosten seien von ursprünglich unter 5,5 Millionen Euro auf über elf Millionen Euro geklettert.
Schmidt nahm dazu in seinem Macher-Outfit vor rund 3,5 Millionen Zuschauer Stellung. Verhindern konnte er es sowieso nicht mehr, dass Mario-Barth-Chefaufklärer ausführlich über den Sinn und Unsinn des geplanten Hafens in der Kleinstadt südwestlich von Berlin lästerte. Er ließ dazu kleine Euro-Faltboote auf dem Wasser schwimmen.
Kosten betragen inzwischen 14 Millionen Euro
Inzwischen sind die Kosten explodiert. Offiziell liegen sie jetzt bei 14 Millionen Euro. Das von den Stadtverordneten zuletzt festgelegte Limit betrug 10,1 Millionen Euro. „Nicht Quatschen, MACHEN“ wie es auf dem Bürgermeister-T-Shirt heißt, ist schon lange nicht mehr angesagt. Der Gesprächsbedarf wächst Woche für Woche. Längst steht die Frage im Raum: Weitermachen oder den Bau stoppen?
„Dass es jetzt noch einmal rund vier Millionen Euro mehr werden sollen, ist den Bürgern nicht mehr vermittelbar“, kommentiert Reinhard Frank, Ortsvorsitzender der Linken, die jüngste Hiobsbotschaft. Er fordert eine Einwohnerversammlung und spricht sich dafür aus, per Bürgervotum zu ermitteln, wie es mit dem Projekt am Teltowkanal weitergehen soll.
Der Stadtverordnete Andreas Wolf von der Wählergruppe „Bürger für Bürger“ sieht sich bestätigt: „Die gesamte Planung des Hafens ist dilettantisch.“ Er rügt: „Die Verantwortlichen haben das Projekt nicht im Griff und versagen nachhaltig.“ Provokant stellt Wolf die Frage: Ob Amigos daran schuld sind?
Bürgermeister räumt Fehler ein
Bürgermeister Schmidt weist solche Unterstellungen vehement zurück. Alle Aufträge seien nach öffentlicher Ausschreibung vergeben worden, mit Zustimmung der Stadtverordneten. Doch räumt er auch Fehler ein. „Offenbar ist das Projekt nicht gut genug vorbereitet worden.“ Schmidt will nun die Expertise eines unabhängigen Fachmanns einholen. Dieser soll die bisherigen Prozesse analysieren.
Die barrierefreie Marina am Teltowkanal sollte eigentlich bis 2017 schräg gegenüber der Altstadt mit dem Rathaus und der Kirche entstehen. Vor 2018 wird nun nicht mehr mit der Fertigstellung gerechnet. Bootsbesitzer sollen 20 Gastliegeplätze und 19 Dauerliegeplätze im 4619 Quadratmeter großen Hafenbecken vorfinden. Zudem wird es ein gastronomisches Angebot geben. Geplant ist außerdem ein kleiner Biergarten. Auch Wasserwanderern mit Kanus oder Kajaks soll der Ausstieg an der neuen Marina im Berliner Süden so einfach wie möglich gemacht werden. Dafür soll ein niedriger, schwimmender Steg, ein sogenannter Ponton, entstehen. Außerdem sollen ein Hafenmeisterbüro und ein Sanitärgebäude entstehen. Westlich der Marina wird Platz für maritimes Gewerbe geschaffen.
Der Hafen sorgt nicht nur in Teltow, sondern auch in den umliegenden Gemeinden Kleinmachnow und Stahnsdorf sowie im angrenzenden Berlin-Zehlendorf für Gesprächsstoff. Die einen finden eine Marina toll, andere halten sie für überflüssig. Alle stellen sich aber dieselbe Frage: Wie teuer soll das Ganze denn noch werden? Das fragen sich auch die Stadtverordneten.
Stadtverordnete stimmen über weitere Millionen Euro ab
Anfang Juli sollen die Stadtverordneten über den Nachtragshaushalt abstimmen. Sie sollen weitere rund vier Millionen Euro für den Hafen freigeben. Sicherheitshalber seien auch für alle folgenden Bauabschnitte Risikozuschläge eingerechnet worden, eine Million Euro. Bürgermeister Schmidt hofft auf eine knappe Mehrheit, wie immer bei diesem Vorhaben. „Wird das Projekt beerdigt, bleiben wir trotzdem auf rund zehn Millionen Euro Kosten sitzen“, warnt er. Denn die Planungen müssten bezahlt werden, ebenso wie die umfangreiche Altlastensanierung. Würde das Projekt nicht beendet, wolle das Land die 1,1 Millionen Euro genehmigten Fördermittel zur Stärkung des Tourismus zurück.
Das rund 10.000 Quadratmeter große Grundstück hatte die Stadt für 1,3 Millionen Euro von einem privaten Besitzer gekauft. Seit mit dem Hafenprojekt begonnen wurde, reißen die Probleme nicht ab. Wie beim Pannen-Hauptstadtflughafen BER der Staat, baut in Teltow die Kommune – und das ohne Generalplaner.
VEB Betonwerke nutzten das Areal, der Boden ist verseucht
Die Kosten treiben laut Schmidt vor allem die in der Erde gefundenen Altlasten in die Höhe. Der Boden ist mit DDR-Industrieabfällen, Schlacke und Lösungsmitteln verseucht. Das Gelände nutzten die VEB Betonwerke. „Wir räumen jetzt den von den Kommunisten verursachten Dreck weg“, regte sich Schmidt vor einigen Tagen bei der Sitzung des eigens eingerichteten „Hafen-Ausschusses“ auf. Zudem bereitet der Untergrund für die Bauten Probleme. „Schluffige Böden“ nenne der Fachmann die mehlige Beschaffenheit der Erde. Die Kosten erhöhen sich auch wegen des aktualisierten Baugrundgutachtens und „veränderter Investitionen“ im Hochbau. „Dies konnte man nicht einkalkulieren, da sie erst während des Planungsverlaufs zutage traten“, sagt Schmidt. Allein 80.000 Euro gab die Stadt für die Umsiedelung von dort lebenden 19 Zauneidechsen aus. Sie erhalten ein neues Zuhause am Stadtrand.
Die von den Linken ins Gespräch gebrachte Bürgerbefragung sieht Schmidt nicht als notwendig an. Dagegen sperren will er sich aber nicht, falls sie beantragt wird. „Bislang hatte ich den Eindruck, dass die Teltower mehrheitlich hinter dem Hafen stehen“, sagt er und unterstreicht: „Teltow ist schuldenfrei und muss auch wegen des Hafens keine Kredite aufnehmen.“ Er gibt aber auch zu: „Natürlich ist es richtig, dass wir das Geld auch anderweitig investieren hätten können.“ Trotz aller Probleme glaube er weiter an das Vorhaben, versichert Schmidt. Die Stadt werde sich damit zum Wasser hin öffnen.
Neue Marina soll Gäste aus Berlin und dem Umland anlocken
Teltow wächst momentan wie keine andere Stadt vergleichbarer Größe in Deutschland, idyllische Flecken sind aber rar in der ehemaligen Industriestadt. Mit der Marina entsteht der einzige Hafen am Teltowkanal auf Brandenburger Gebiet. Mehr als 7000 Sportboote passieren jedes Jahr die Kleinmachnower Schleuse. Bislang gebe es für diese Freizeitkapitäne keine Möglichkeit, auf brandenburgischem Terrain zu pausieren, so Schmidt. Die Marina soll neben Freizeitkapitänen auch Radfahrer und Spaziergänger aus Berlin und der Umgebung anlocken. Auch die Teltower könnten sich dort entspannen.
„Es ist mir sehr wichtig, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen“, betont der Bürgermeister. Sein Mario-Barth-T-Shirt hat er noch nicht aussortiert. Es war nur zu kalt, es zu tragen. Der Slogan „Nicht Quatschen, MACHEN“ ist aber vielleicht doch nicht ganz die richtige Botschaft.





