Dennis Günther hat sein Glück gefunden. 1100 Quadratmeter ist es groß. Das Grundstück, auf dem das leuchtend rot gestrichene, holzvertäfelte Schweden-Haus der Familie steht. „Teltow gefällt uns gut“, sagt der 44-jährige Beamte. „Es ist sehr ruhig und Berlin ganz nah.“ 23 Kilometer hat er zur Arbeit im Bundeswirtschaftsministerium in Mitte, die fährt er jeden Morgen mit dem Fahrrad. „Ein Stündchen hin, ein Stündchen zurück, das ist mein Sport“, sagt er.

Mit seiner Frau, auch Beamtin, ist der Neuköllner vor acht Jahren in die Kleinstadt hinter der südwestlichen Stadtgrenze Berlins gezogen. Die beiden haben im Musikerviertel ihr Haus gebaut und zwei Kinder bekommen: Moritz, sechs, und Felix zwei Jahre alt, sie gehen in den evangelischen Kindergarten. Wie die Familie Günther haben auch andere die Vorzüge Teltows für sich entdeckt, was jetzt amtlich ist: Bundesweit wächst keine andere Stadt so stark. Das belegt die jüngst durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung vorgestellte Studie zur Bevölkerungsentwicklung von 2008 bis 2013 in Deutschland. Teltow liegt bei den Mittelstädten bis 100.000 Einwohnern ganz vorne. 5660 neue Bürger kamen in den vergangenen zehn Jahren dazu. Mittlerweile zählt die Stadt mehr als 25.300 Einwohner.

Im Schatten von Kleinmachnow

Der Aufstieg zur gefragtesten Adresse – er ging unauffällig vor sich. Denn als Vorstadt-Idylle lockte die einstige Industriestadt nach dem Fall der Mauer zunächst nicht. Als Wohnort lag Teltow lange im Schatten der kleinen Schwester Kleinmachnow. Im angrenzenden Kleinmachnow stehen die vornehmen Villen, großzügig breiten sich die Gärten unter hochgewachsenen Bäumen aus.

In Teltow hingegen herrschte Anfang der 90-iger Jahre noch Industrie-Tristesse. In der DDR war die Stadt an der Mauer mit zwei Großbetrieben einst ein Zentrum der elektronischen Industrie der DDR. Beide Unternehmen machten nach 1990 dicht. Mehr als 800 Menschen verloren ihre Arbeit. Viele kehrten Teltow den Rücken: Die Einwohnerzahl sank von 1989 bis 1996 um 500 Bewohner auf 15.488.

Danach aber ging es wieder stetig bergauf – zusammen mit der Wirtschaft. Inzwischen haben sich im Gewerbegebiet viele große und kleine, auch innovative Firmen angesiedelt, weit mehr als 200 Unternehmen bieten wieder tausende von Arbeitsplätze. Im vergangenen Jahr nahm die Stadt 8,7 Millionen Euro an Gewerbesteuern ein. Neue Wohngebiete wie das Mühlendorfviertel und das Postviertel entstanden.

Birthe Hinrichsen, die in der Teltower Altstadt an den Wochenenden von Mai bis Oktober ihren Hof zum Café macht, erinnert sich: „Bei einem Spaziergang entdeckten mein Mann und ich in Teltow einst die Altstadt und das kleine denkmalgeschützte Haus neben der Kirche“, erzählt Birthe Hinrichsen. Sie beschlossen, es zu kaufen und herzurichten. Die einst verfallene Altstadt ist die gute Stube Teltows geworden. Herausgeputzt präsentiert sich das Ensemble um die Kirche und das Neue Rathaus. In Blumenampeln an den Laternen leuchten die Geranien. Auf kleinen Schildern steht der Name der jeweiligen Spender.

Marina entsteht am Teltow-Kanal

Dass die Stadt gut wirtschaftete, ist wohl auch ein Grund für den Aufschwung Teltows. „Es gab genug Gestaltungsspielraum“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Beate Rietz (SPD). Sie gehört zu den Zugezogenen. Aufgewachsen in Kiel, hat sie 17 Jahre in Berlin gewohnt, seit 2011 lebt die Juristin jetzt in Teltow. 1992 drohte Teltow die Zahlungsunfähigkeit, heute steht die Kleinstadt gut da. Die Investitionen in neue Schulen und Kitas lohnten sich. 332.000 Euro Schulden, das ist nicht viel für eine Kommune.

Statistisch ist laut Verwaltung jeder Teltower mit 13,30 Euro verschuldet. Heftig wird um jede Ausgabe gerungen. Zuletzt wegen des ehrgeizigen Hafen-Projekts auf Initiative des Bürgermeisters. Am Teltow-Kanal entsteht derzeit vis-à-vis der Altstadt eine Marina. Das Hafenbecken soll 39 Liegeplätze bieten – für Boote und Jachten bis zu 17 Metern. Die Grünen und die Bürgerinitiative Teltow hatten sogar einen Baustopp gefordert, nachdem die geplanten Kosten in die Höhe geschnellt waren. Nach aktuellem Stand wird mit rund zehn Millionen Euro gerechnet.

S-Bahn-Anschluss zählt

Teltows Vize-Bürgermeisterin Rietz glaubt den Grund für die wachsende Beliebtheit zu kennen: „Die Lage ist bestens“, sagt sie. „Wir haben den Regionalbahnanschluss und einen S-Bahn-Anschluss nach Berlin. Auch Potsdam ist sehr gut zu erreichen.“ Inzwischen könne man in Teltow nicht nur gut wohnen, es gebe auch viele Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Kultur werde groß geschrieben.

Prognosen zufolge wächst die Stadt weiter: auf 30.000 Bewohner im Jahr 2030. „In nur acht Monaten kamen in diesem Jahr 412 Einwohner hinzu“, sagt Beate Rietz. Die Grundstückspreise ziehen wie überall im Speckgürtel stark an. Ein Einfamilienhaus, Reihenhaus oder eine Doppelhaushälfte, gebaut nach 1990, kostet laut Gutachterausschuss durchschnittlich zwischen 311.000 und 379.000 Euro. Für den Quadratmeter zahlt man im Durchschnitt 7,39 Euro Miete. „In den nächsten zwei bis drei Jahren wird Baurecht für 1000 Wohneinheiten geschaffen, darunter Einfamilienhäuser sowie Mietgeschosswohnungen“, kündigt Beate Rietz an.

Wohnen in Teltow, ausgehen in Berlin

Die beiden Schwestern Anna, 20, und Jana, 17, kamen von Washington über Berlin nach Teltow. Vor vier Jahren sind sie mit ihren Eltern von einer Altbauwohnung am Botanischen Garten in Berlin in ein Einfamilienhaus nach Teltow gezogen. Anna studiert mittlerweile in Aachen Medizin und ist nicht mehr oft zu Hause, Jana besucht weiterhin die deutsch-amerikanische John-F.-Kennedy-Schule in Berlin-Zehlendorf, wie auch ihr 13-jähriger Bruder Conrad. „Wenn wir zu Hause auf unserer Terrasse sitzen, ist es wunderschön“, sagt Anna. Sind sie oft in der Altstadt? „Da waren wir auch mal“, meint Jana. Wenn die beiden abends ausgehen, dann schon in Berlin.

Ihre elfjährige Schwester Franka hat mehr Freunde in Teltow, denn sie geht hier zur Schule. Die vierfache Mutter sagt: „Es gefällt uns hier. Die Stadtverwaltung ist sehr zuvorkommend und familienfreundlich.“ Was sie stört: „Der Bus zum Kudamm fährt in zu großen Abständen und der Radweg entlang des Teltower Damms ist einfach grottig.“

Teltow und Steglitz-Zehlendorf haben vereinbart, die Teltowwerftbrücke für den Fußgänger- und Fahrradverkehr wieder aufzubauen. Für die Autofahrer gibt es bisher keine Lösung: Jeden Morgen zieht sich über eine einzige Brücke eine lange Autoschlange ins direkt angrenzende Berlin.