Wohnungsmarkt

"Janz weit draußen": Wie das Leben im Berliner Umland lockt

Wohnen in Berlin und im Speckgürtel wird immer teurer. Im 60-Minuten-Radius um die Stadt gibt es aber 10.000 freie Wohnungen.

Berlin/Eberswalde.  Mehr als 25 Jahre haben sie im Ausland gelebt. In England, Australien und den USA. Carl-Friedrich Herden war als Geschäftsführer für produzierende Unternehmen international tätig. Voriges Jahr ging er in Rente. „Da entschieden wir uns, von Düsseldorf in die Nähe unserer Tochter zu ziehen“, sagt der Rheinländer. „Sie lebt und arbeitet in Berlin.“

Gelandet ist das Ehepaar aber nicht in der Hauptstadt, sondern in Eberswalde. Das ist dort, wo Brandenburg längst aufgehört hat, noch „fast Berlin“ zu sein. Ein 41.000 Einwohner-Städtchen im Barnim, jenseits des dicht besiedelten „Speckgürtels“ um Berlin.

„In Großstädten wie London oder Melbourne ist es ganz normal, außerhalb der Stadt zu wohnen“, sagt Herden. „Die Menschen können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten.“ Auch Berlin wird immer teurer. Wer aktuell auf Wohnungssuche ist, tut sich schwer. Kaum Angebote, die Preise vielfach überteuert. Zurzeit stehen hier nur knapp zwei Prozent der Wohnungen leer. In den angrenzenden Städten und Gemeinden Brandenburgs steigen die Kauf- und Mietpreise ebenso.

Also auf in die entlegenen Regionen? Der Verband der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) wirbt dafür, Brandenburg und seinen kleinen Städten eine Chance zu geben. So wie es das Ehepaar Herden getan hat. Auf ihrer Wohnungssuche waren sie im Internet auf die Michaelisgärten in Eberswalde gestoßen. Eines der wenigen Neubauprojekte der Wohnungsbau- und Hausverwaltungs-GmbH Eberswalde. 2015 wurden die modernen Stadthäuser mit bodentiefen Fenstern fertiggestellt.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Rahel Herden. Für die freischaffende Künstlerin steht fest: „In Berlin würden wir für die gleiche Wohnung weit mehr bezahlen.“ Die beiden Weitgereisten schwärmen regelrecht von Eberswalde. „Das Ambiente ist toll“, sagt der ehemalige Manager. „Der Marktplatz ist nur 200 Meter von unserer schönen Wohnung entfernt, zweimal in der Woche ist dort Markt.“ Direkt im Haus unten ist ein Biomarkt. Auch die ärztliche Versorgung sei gut.

4,93 Euro pro Quadratmeter

„Die bei uns organisierten Wohnungsunternehmen haben rund 10.000 Wohnungen frei, von denen aus Berlin in einer Stunde erreichbar ist“, sagt David Eberhart, Sprecher des Wohnungsunternehmensverbandes BBU. „Doppelt so viele sind im 90-Minuten-Radius kurzfristig verfügbar.“ Der Verband verwaltet 40 Prozent des Mietwohnungsbestandes in Berlin und 50 Prozent in Brandenburg.

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Im direkten Berliner Umland zahlt der Mieter laut BBU bei Neuverträgen durchschnittlich 5,88 Euro pro Quadratmeter, in den restlichen Regionen nur 4,93 Euro. „Wer außerhalb des Speckgürtels eine 60-Quadratmeter-Wohnung bezieht, kann im Vergleich zu Berlin rund 1400 Euro pro Jahr sparen“, rechnet Eberhart vor. Im direkten Umland stehen momentan nur 2,5 Prozent der Wohnungen leer, im restlichen Brandenburg durchschnittlich rund 10,6 Prozent.

In manchen Orten ist die Anbindung an Berlin noch problematisch

„Aber die Verkehrsverbindungen sind oft ein Problem“, räumt der BBU-Sprecher ein. Seine Beobachtung: „Funktioniert die Anbindung, sind Brandenburgs Städte eine echte Alternative zum Wohnen.“ Das Ehepaar Herden kann das bestätigen. „Wir sind von Eberswalde mit dem RE 3 in nur 35 Minuten am Berliner Hauptbahnhof“, sagt Rahel Herden. „Wir gehen regelmäßig in die Oper oder ins Theater.“

Die Wohnungspreise in Berlin und im Umland werden weiter steigen, so die Prognose des BBU. Das könnte die Rettung für Städte wie Eberswalde, Cottbus oder Brandenburg an der Havel sein. Die Landesregierung in Potsdam hat längst aufgehört, die Infrastruktur in jedem Dorf zu fördern. Sie setzt auf die Städte, die in ihr jeweiliges Umland ausstrahlen sollen.

Manche Kommunen zahlen Prämien für den Zuzug

Einige Kommunen werden auch selbst aktiv: Sie locken mit Zuzugs-Prämien. Finsterwalde zum Beispiel. Die Kleinstadt im Süden Brandenburgs hatte 1998 knapp 21.000 Einwohner, mittlerweile sind es nur noch knapp 17.000. Viele Wohnungen und Läden stehen leer. Jeder, der in die Innenstadt zieht oder sich mit seinem Gewerbe niederlässt, bekommt seit vorigem Juni eine finanzielle Unterstützung aus einem 60.000-Euro-Verfügungsfonds. Wer sich in Brandenburgs entlegenen Regionen als Arzt niederlässt, wird von der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassenverbänden mit bis zu 60.000 Euro gefördert.

Familie Herden aus dem Rheinland lockte keine Prämie. Dafür die schöne Wohnung, die Ruhe, die Schorfheide und das kulturelle Angebot der Hauptstadt in der Nähe. Das Ehepaar ist angekommen. Rahel Herden gibt inzwischen in Eberswalde Malkurse. Ihre Tochter in Berlin sehen sie regelmäßig.

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