Filmproduktion

Wie das "Startbüro Babelsberg" junge Filmemacher fördert

Die Filmuniversität, Studio Babelsberg und das Medienboard fördern mit Stipendien Projekte von Nachwuchstalenten.

Haben die Jury mit ihrem Filmprojekt überzeugt: Anna Levinson, 28,  links , Mathieu Pelletier, 30,  und Ana Maria Angel, 28 (v.l.).  Im Hintergrund ist die Filmuniversität Babelsberg zu sehen

Haben die Jury mit ihrem Filmprojekt überzeugt: Anna Levinson, 28, links , Mathieu Pelletier, 30, und Ana Maria Angel, 28 (v.l.). Im Hintergrund ist die Filmuniversität Babelsberg zu sehen

Foto: Katrin Starke

Potsdam.  Kräuter, Pfefferminz, Earl Grey oder Hagebutte – die Teebeutel in verschiedenen Geschmacksrichtungen sind das Erste, das sich das Trio von seinen 10.000 Euro geleistet hat. Mit den Packungen haben die drei Kreativen das graue Kunststoffregal in ihrem noch schmucklosen Büro auf dem Gelände der Babelsberger Filmstudios bestückt. Poster und Blumentöpfe fehlen bislang. Ein Jahr lang können Anna Levinson (28), Mathieu Pelletier (30) und Ana Maria Angel (28) die prominente Adresse nutzen, die sofort Assoziationen weckt zu Leinwandstars von heute und gestern. Die drei jungen Medienschaffenden haben das diesjährige Projektstipendium „Startbüro Babelsberg“ von Filmuniversität und Studio Babelsberg gewonnen. Oder vielmehr die Jury überzeugt von ihrer Idee, einen animierten Dokumentarfilm über den Berliner Mediziner Walter Lustig zu produzieren.

Ein sperriges Thema, wie sie sehr gut wissen. Lustig war während der Zeit des Nationalsozialismus Chef des Jüdischen Krankenhauses in Wedding. Nach Kriegsende richtete ihn die russische Besatzungsmacht hin. Details sind nicht bekannt, nicht einmal der Tag seines Todes. Die Figur sei mehr als nur schwarz oder weiß. „Zeugen beschreiben ihn entweder als Retter oder als Mörder“, erzählt Anna Levinson. „Vermutlich war er beides.“ Das Team will nach den Grautönen suchen, recherchieren. Die gebürtige Moskauerin Levinson, die seit ihrer Kindheit in Berlin lebt, hat an der Filmuniversität „Konrad Wolf“ in Babelsberg Animation studiert. Im Oktober 2015 hat sie ihren Abschluss gemacht. Seit Animationsfilmen wie „Waltz with Bashir“ oder „Persepolis“ habe ihr Fach an Ansehen gewonnen, sagt sie. „Aber es ist noch immer schwer, in der Branche wahrgenommen zu werden.“

10.000 Euro und ein mietfreies Büro für zwölf Monate

Ihre Kommilitonin Ana Maria Angel nickt. Noch studiert die 28-Jährige aus Kolumbien Animation, hat sich allerdings schon nach Jobs umgehört. „Die Aussichten sind furchtbar“, winkt sie nur ab. Sie will deshalb ihr berufliches Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gemeinsam mit Levinson möchte sie ein eigenes Studio aufziehen. „In Berlin“, sind sich beide einig. Klar gebe es da viel Konkurrenz, aber auch gute Möglichkeiten, sich innerhalb der Kreativszene zu vernetzen. „In unseren Köpfen hat das Studio schon Form angenommen“, sagt Angel optimistisch.

Genau das, was sich Kirsten Nie­huus, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, für den Nachwuchs wünscht. „Das Startbüro ist eine tolle Möglichkeit für junge Filmemacher, an einem Ort mit großer Filmgeschichte unter besten Bedingungen in die Zukunft zu starten.“

Das Medienboard ist in diesem Jahr mit in die Förderung eingestiegen, ebenso wie die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB). Dadurch konnte der Etat aufgestockt werden. Statt bisher nur einem kann nun zwei Teams unter die Arme gegriffen werden. Das bedeutet pro filmischem Projekt 10.000 Euro, ein mietfreies Büro auf dem Studiogelände an der August-Bebel-Straße für zwölf Monate und die Option begleitender Beratung. Bis zu 20 Bewerbungen sind bei der Filmuniversität für das aktuelle Stipendium eingegangen. Gezielt wurden jetzt Alumni, die in den vergangenen fünf Jahren ihren Abschluss gemacht haben, per Mail-Verteiler auf das Projekt aufmerksam gemacht. Neben Levinson und Co. sind auch Isabell Suba und ihre Mitstreiter Sieger der Startbüro-Förderung. Unter dem Arbeitstitel „Am Rande der Farben“ wollen sie eine internationale Liebesgeschichte inmitten der Berliner Street-Art-Szene entwickeln und drehen.

Dokumentarfilmer aus Leidenschaft

Mathieu Pelletier arbeitet sich derweil schon durch die Akten von Landesarchiv und Jüdischem Museum. „Viel mehr noch würde ich in den Archiven in Jerusalem finden“, sagt der 30-Jährige. Zu der aufwendigen Recherche fehlt ihm allerdings das Geld. Der Mann aus Kanada hat in Paris und Barcelona Schauspiel und Geschichte studiert, lebt derzeit in Berlin, verdient seinen Lebensunterhalt mit Auftritten beim ständig von Kürzungen betroffenen Atze Musiktheater. Beim Projekt mitzuwirken, sei für ihn mehr Leidenschaft als die Chance, Geld zu verdienen.

Auf den Stoff des Mediziners Lustig stieß Pelletier zufällig. „Ein Freund hatte ein Buch über ihn, ich zog es spontan aus dem Regal – und war gefesselt.“ Begeistert gab er die Lektüre an seine Freundin Anna Levinson weiter. Die Idee für den Dokumentationsfilm war geboren. Levinson jobbt freiberuflich als Animatorin – mit Hard- und Software, die sie zu Hause hat. Die will sie auch für das Projekt nutzen. „Das Büro auf dem Filmgelände hat ja keinerlei technische Ausstattung.“ Das werde sich alles finden, hofft sie. „Von Kalkulation habe ich bislang keine Ahnung“, gibt sie zu. Grob hat sie die Filmkosten auf 350.000 Euro geschätzt. „Ob ich richtig liege, wird sich zeigen.“ So viel weiß Anna Levinson schon mal: „Unsere 10.000 Euro wollen wir in die Werbung stecken.“ Auf den Trailer komme es an.