Die schwarzen Stiefel sinken tief ein in den Spurrillen, die Lastwagen und Schaufelbagger hinterlassen haben. Noch braucht Michael Düwel, Chef des Art Departments Studio Babelsberg, robustes Schuhwerk, wenn er die Baustelle der künftigen Kulisse von Studio Babelsberg besichtigt. Seine neue „Visitenkarte“ lässt sich das Studio etwas kosten. Mehr als zwölf Millionen Euro sind für das Vorhaben „Neue Berliner Straße“ veranschlagt. Bis Ende Mai soll sie auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern entstehen.

„Obwohl der Singular eigentlich falsch ist, simuliert werden sogar vier Straßenzüge“, erklärt der 54-Jährige. Bereits vor zwei Jahren hatte das Studio eigens dafür ein 15.000 Quadratmeter großes Areal in der sogenannten Medienstadt II erworben. Dort, wo heute noch die roten Ziegelsteinbauten an das frühere Karl-Marx-Werk erinnern. 2014 holte sich das Studio zur Feier der Grundsteinlegung Politprominenz: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) gratulierte zum Vorhaben. Das legte das Studio kurz darauf überraschend auf Eis. Zwei erhoffte Produktionen waren dem Studio entgangen. Das Geld war knapp, ein Kunde, der in der geplanten Kulisse seine Kameras aufstellen wollte, zudem noch nicht gefunden.

Flexible Fassadenmodule fürstörungsfreie Dreharbeiten

Nun allerdings rollen die Bagger, liegen 380 Stahlträger bereit, treiben Arbeiter mit schwerem Gerät Stahlstangen in bis zu sieben Meter Tiefe. Sie bilden die Basis für die teils bis zu 15 Meter hohe Konstruktion, an der schon in einigen Monaten Holzplatten, Fenster, Türen und Balkone montiert werden – gefertigt und aufwendig bearbeitet in den Werkstätten des Art Departments. Die neue Kulisse wird deutlich voluminöser ausfallen als der Vorgängerbau. Die witterungsfesten Fassadenmodule suggerieren die Großstadt der 20er-Jahre. „Auf Kundenwunsch lässt sich das Aussehen aber komplett verändern“, sagt Düwel. Bürgersteige lassen sich versetzen, Straßenschluchten erzeugen, Häuserelemente ergänzen, Hintergründe austauschen, auf integrierten Blue- und Greenscreens können bewegte Hintergründe eingespielt werden.

„Schauspieler und Regisseure brauchen Raum, wo sie sich künstlerisch ausdrücken können. Sie möchten oft nicht vor einer grünen Wand agieren, die anschließend am Computer gestaltet wird“, erläutert Michael Düwel. Zudem könne eine digitale Nachbearbeitung oft teuer werden. Weiterer Pluspunkt einer Kulisse: Die bei Drehs in realen Straßenzügen notwendigen Genehmigungen entfallen. „Hier wird kein Anwohner gestört“, sagt Düwel. „In einer Filmkulisse ist zudem die Akustik gut. Das Filmteam muss nicht mit störenden Geräuschen rechnen, kann sogar einen Panzer durch die Straßen fahren lassen, ohne jemanden zu erschrecken. Und Tag und Nacht uneingeschränkt drehen.“

Die inzwischen abgerissene alte Berliner Straße diente als Kulisse für 200 Filme
Die inzwischen abgerissene alte Berliner Straße diente als Kulisse für 200 Filme © dpa | dpa

Argumente, mit denen das Studio schon einige bekannte Filmemacher überzeugen konnte, in Babelsberg zu arbeiten. Bis zu ihrem Abriss 2013 wurde die alte Berliner Straße in mehr als 200 Filmproduktionen in Szene gesetzt. Sie war 1998 für den Kultfilm „Sonnenallee“ von Leander Haußmann hochgezogen worden. 26 Hausfassaden im Stil des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts spiegelten auf 7000 Quadratmetern die Optik europäischer Me­tropolen wie Berlin, Paris, Rom, Warschau, Barcelona oder London wider. Sie tauchten zum Beispiel als Hintergrund in Kinohits wie „Der Pianist“ oder „Inglourious Basterds“ auf. „Die abgerissenen Teile sind fast alle auf dem Müll gelandet“, sagt Düwel.

„Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, musste ein Ersatz her“, betont Düwel. Schließlich könnten auch andere Studios – ob in New York, San Francisco oder London – eigene Kulissenbauten vorweisen. Der Konkurrenzkampf sei hart, zumal die Bedingungen in Deutschland mit der gedeckelten Filmförderung nicht optimal seien. Auch wenn das von Bundeswirtschaftsminister Gabriel jetzt aufgelegte Förderprogramm „German Motion Picture Fonds“ Düwel hoffen lässt. Mit der neuen Finanzspritze soll die Herstellung international koproduzierter Kinofilme und TV-Serien unterstützt werden – als Ergänzung zum Deutschen Filmförderfonds und zu der Erhöhung der Filmfördermittel für das Medienboard seitens der Länder Berlin und Brandenburg.

Für den Bau seiner modularen Hybridkulisse setzt das Studio nicht ausschließlich auf eigene Kräfte. Handwerker etlicher Gewerke vom Elektriker bis zum Glaser packen ebenfalls auf der Baustelle mit an. „Alle aus der Region“, so Studiosprecher Eike Wolf. „Wir verstehen uns auch als Jobmotor für Brandenburg.“ Michael Düwel träumt derweil von einem Winter ohne Schnee. Der Zeitplan ist eng. Regisseur Tom Tykwer steht schon in den Startlöchern. Er will in den vier neuen Straßenzügen seine erste TV-Serie drehen. Als Vorlage für „Babylon Berlin“ dienen die Bestseller von Krimiautor Volker Kutscher. Der lässt seinen Protagonisten, den Kommissar Gereon Rath, im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre ermitteln. Auch Hollywood ist bereits neugierig geworden. „Über zwei Projekte, bei der die neue Kulisse genutzt werden könnte, sind wir schon in konkreten Gesprächen“, sagt Wolf. Mindestens 20 Jahre soll die Kulisse laut Düwel halten. Dann sei sie bei guter Auslastung vielleicht ebenfalls „abgefilmt“ wie der alte Bau.