Für ein Projekt in einem anderen Landstrich hätte sie das nicht gemacht. Da ist sich Beate Hoffmann sicher. Fast 30 Jahre hat die gebürtige Norddeutsche in der Eifel gelebt. Jetzt hat sie ihre Wurzeln gekappt. Aufgegeben hat sie die für etwas, das in Brandenburg noch ein Novum ist: für einen Baumkronenpfad. Nicht einen, der bloß über artenreiches Gehölz führt. Das Pfund, mit dem die gelernte Gymnastiklehrerin und Chefin des neuen Pfades wuchern will, ist die imposante Ruinenlandschaft der über 100 Jahre alten Beelitzer Heilstätten zu Füßen der künftigen Höhenkletterer.
Einen Kilometer soll sich der Rundweg in 23 Meter Höhe erstrecken. Erst über das 1944 durch eine Brandbombe zerstörte Frauensanatorium, aus dessen kaputtem Dach Bäume wachsen, dann weiter über den 160 Meter langen maroden Chirurgietrakt. Das schlossähnliche Gebäude aus den 30er-Jahren soll einmal zum Haupteingangsportal ausgebaut werden. „Vorausgesetzt, der Pfad kommt bei den Besuchern an“, sagt Beate Hoffmann. Davon ist sie überzeugt. „Potsdam ist mit der Bahn in einer Viertelstunde, der Berliner Hauptbahnhof in einer halben Stunde zu erreichen.“ Der Ort habe sogar einen eigenen Anschluss an die Autobahn.
Bisher ist erst Teilstück fertig
Von mindestens 200.000 Besuchern jährlich geht Hoffmann aus. Für das Vergnügen, den ganzjährig begehbaren Baumkronenpfad zu betreten – ob zu Fuß, mit Kinderwagen oder Rollstuhl –, muss der Besucher zahlen. 9,50 Euro werden fürs Tagesticket fällig. Der Gewinn aus den Einnahmen soll in den weiteren Ausbau und die Sanierung des Geländes reinvestiert werden. Vom Höhenpfad realisiert sind bislang ein dreieckiger, 40 Meter hoher Stahlturm mit Aufzug und Treppen sowie ein erster, 320 Meter langer Abschnitt des Höhenpfades, der in 23 Meter Höhe vom Turm abzweigt. Den Rest will die 2013 gegründete Heilstätten Projektentwicklungs GmbH, der Beate Hoffmanns Ehemann Georg als Geschäftsführer vorsteht, Stück für Stück ergänzen.
Der 57-Jährige ist aber momentan eher mit der Gegenwart beschäftigt. Schon Ende Juni wollte er den Pfad eröffnen. Der Termin musste wegen fehlender Genehmigungen und noch laufender Bauarbeiten auf Ende August verschoben werden. Auch dieses Datum war nicht zu halten. Nun will Hoffmann „auf Biegen und Brechen“ zum 4. September offiziell einladen.
Noch fehlen Wasser und Strom. Letzteren liefern bislang zwei Generatoren. Auf Dauer zu wenig, um Restaurant und Aufzug im Aussichtsturm gleichzeitig zu versorgen. Insgesamt 40 Millionen wollen Projektentwickler Hoffmann sowie Jürgen Dawo von der Massivhauskette „Town & Country“, und die Firma Vollack als weitere Investoren ins Areal stecken. Mit der Firma Vollack hat sich Hoffmann einen Experten für Höhenpfade ins Boot geholt.
Das Unternehmen hat bereits ein ähnliches Projekt im Nationalpark Hainich in Thüringen umgesetzt. Sieben Millionen sind bisher geflossen. „Ohne einen Cent Fördermittel vom Land“, betont Hoffmann. Auf das Land ist er nicht gut zu sprechen, zu viel Bürokratie und „ein unfreundliches Klima“ den Investoren gegenüber. Immer neue Gutachten habe er liefern müssen. „Das hat an meinen Nerven gezerrt.“ Seit sieben Jahren ist er mit dem Projekt beschäftigt. Aber der Heilstätten-Pfad sei für ihn eine Herzenssache. „Zehn Arbeitsplätze haben wir bereits geschaffen. Und das ist nur der Anfang.“
Zeitzeugen gehören zum Konzept
Beim Ausbau des Baumkronenpfades wollen es die drei Investoren nicht belassen. In den mittlerweile restaurierten Liegehallen der Heilstätten werden Souvenirshop, Eingangskasse und Imbissstände untergebracht. Am Fuß des Stahlturms werden gerade ein Biergarten und ein Pavillon angelegt. Die Köchin ist bereits gefunden: Steffi Metz, die die Kochschule Potsdam betreibt, will regionale Küche mit besonderem Pfiff auf den Tisch bringen. Hoffmann setzt auf lange Sicht nicht nur auf Tagestouristen. So soll der Park nach historischen Vorgaben wiederhergestellt sowie die maroden Gebäude saniert und in Unterkünfte verschiedener Preisklassen umgewandelt werden.
Beate Hoffmann spricht vom Konzept des „Entschleunigens mit Unterhaltungswert“. Spaziergänger können Führungen buchen, Hobbyfotografen können auf Motivsuche gehen. Schon jetzt ruft sie Zeitzeugen auf, von ihren persönlichen Erlebnissen in Beelitz zu berichten. Die Dokumente will sie aufbereiten, der Öffentlichkeit zugänglich machen. „Wir wollen den besonderen Charakter des Ortes hervorheben“, erklärt Georg Hoffmann. Dazu gehöre auch, die Funde, die er in den vergangenen Monaten gemacht hat, in einem kleinen Museum auszustellen: überwucherte Luftschutzkeller, Gebrauchsgegenstände aus der Ära der Roten Armee und alte Münzen.
1898 erwarb die Landesversicherungsanstalt Berlin 140 Hektar Waldgelände von der Stadt Beelitz, baute darauf die Lungenheilanstalt und das Sanatorium. Der Erste Weltkrieg stoppte den Ausbau. Das Rote Kreuz richtete ein Lazarett ein. Mit Forschung und neuen Therapieansätzen machte sich die Klinik in den 20er-Jahren einen Namen. Eine kurze Blütezeit. Ende des Zweiten Weltkrieges besetzte die Rote Armee das Gelände, baute es zum größten Sanitätskomplex fürs Militär außerhalb der Sowjetunion aus. Mit dem Abzug der Alliierten 1994 machten es sich immer wieder illegale Partygänger zu eigen. Oft landeten die Heilstätten in den Schlagzeilen. Zuletzt mit der Insolvenz von Hoffmanns Vorgänger.
Mehr Infos zum Baumkronenpfad unter www.baumundzeit.de





