Wer Potsdam besuchen will, den locken vor allem die prachtvollen Schlösser mit ihren romantischen Gärten. Ganz klar. Mittlerweile scheint das Interesse am Weltkulturerbe aber nachzulassen. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten meldet in den meisten Häusern Rückgänge – bis auf den Publikumsliebling Sanssouci. Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Potsdam besuchten im vergangenen Jahr 343.831 Touristen, knapp 3400 mehr als 2013. Während die Berliner Schlösser 2014 ein Plus von 6,6 Prozent verzeichnen konnten, gingen die Besucherzahlen in den Potsdamer Schlössern um 6,6 Prozent zurück. Im vergangenen Jahr wurden knapp 960.000 Besuche registriert, fast 68.000 weniger als im Jahr davor. Stiftung und Stadtverwaltung Potsdam sind alarmiert – und streiten über die Ursachen.
Für Schlösserdirektor Hartmut Dorgerloh ist schon einmal eines klar: Der Grund für die sinkenden Besucherzahlen sind die umfangreichen Bauarbeiten an den Schlössern. „Die Baugerüste schrecken ab“, sagt Dorgerloh. Das Schloss Cecilienhof war im vorigen Jahr wegen Tiefbauarbeiten nur schwer erreichbar. Das Hotel wurde Anfang 2014 frei gezogen. An dem zwischen 1914 und 1917 errichteten letzten Schlossbau der Hohenzollern werden Fassade, Dach, Fenster und Natursteinsockel saniert. Die Gesamtarbeiten sollen voraussichtlich Ende 2017 abgeschlossen sein. Die Museumsräume bleiben für Besucher aber geöffnet.
Auch im Neuen Palais laufen umfangreiche Bauarbeiten. Das Schloss war 2014 zwar geöffnet, die beiden großen Festsäle werden jedoch saniert und konnten nicht betreten werden. Die Decke zwischen den Festsälen, dem Grottensaal im Erdgeschoss und dem Marmorsaal im Obergeschoss, war so stark geschädigt, dass ihre Tragfähigkeit nicht mehr gegeben war. Der Marmorsaal wird bis Ende des Jahres für Besucher gesperrt sein. Erst im Sommer 2018 werden die Arbeiten abgeschlossen. Schloss Babelsberg ist seit 2013 für Besucher geschlossen. Voraussichtlich 2017 wird die Sanierung dort beendet sein.
Baugerüste und Verkehrsstaus
An den Potsdamer Schlössern muss also noch länger gearbeitet werden. Im kommenden Jahr wird die Stiftung laut Dorgerloh voraussichtlich 29 Millionen Euro aus dem Sonderinvestitionsprogramm in die Masterplanprojekte investieren. Mit dem 2008 beschlossen Programm stehen der Stiftung bis 2017 zusätzlich 155,03 Millionen Euro für die Sanierung bedeutender nationaler Kulturgüter zur Verfügung.
Die Ursache für den spürbaren Besucherrückgang sieht der Schlösserchef aber nicht nur in den dringend nötigen Bauarbeiten. Ein Problem sei auch die schwierige Verkehrssituation. Potsdam müsse darauf achten, dass es nicht in den Ruf gerate, eine Stadt zu sein, in der man nur im Stau stehe, mahnt Dorgerloh. Das könnte sich bei Reiseunternehmen herumsprechen.
Um Potsdams Verkehrskonzepte gibt es immer wieder Diskussionen. Derzeit sorgen vorab publik gewordene Pläne aus der Verwaltung für Kritik, die stark befahrene Zeppelinstraße in und aus Richtung Werder jeweils einspurig zu machen. Dem Argument, der Verkehr könne mit Schuld sein am Rückgang der Besucherzahlen in den Schlössern, hält der Leiter der Potsdamer Wirtschaftsförderung, Stefan Frerichs, allerdings entgegen: „Erst in dieser Woche ist Potsdam an das Liniennetz des Anbieters MeinFernbus angeschlossen worden.“ Auf Anfrage sagt Frerichs: „Das zeigt doch, dass Potsdam als Reiseziel immer attraktiver wird.“ Zum zweiten Mal in Folge habe die Landeshauptstadt die Eine-Million-Marke bei den Besuchern geknackt. „Ich rechne damit, dass das auch für 2014 zutreffen wird“, so Frerichs.
Gäste-Zahlen steigen kontinuierlich
Bis November seien 972.000 Gäste gezählt worden. „Wir sind hochzufrieden“, sagt der Wirtschaftsförderer. „Unsere Zahlen steigen seit zehn Jahren kontinuierlich. Wenn sie bei der Stiftung sinken, liegt das nicht an der Stadt.“ Die Besucherstatistik bestätigte den Trend, der sich bereits 2013 bei einer Umfrage unter den Touristen abgezeichnet habe: Als wichtigsten Anlass, Potsdam zu besuchen, nannten damals 70 Prozent der Befragten die historische Innenstadt – und nur rund 50 Prozent die Schlösser und Gärten. Mehrfachnennungen waren bei der übers ganze Jahr durchgeführten Umfrage möglich. Fünf Jahre davor stand es noch „fifty-fifty“. Frerichs schließt daraus: „Früher waren wir die Stadt der Schlösser und Gärten, heute ist Potsdam eine gefragte Städtedestination.“ Das wieder aufgebaute Stadtschloss mit dem innen modern gestalteten Landtag am Alten Markt erwies sich 2014 mit 164.000 Gästen als neuer Besuchermagnet. „31.000 Besucher ließen sich vom Besucherdienst durch das Haus führen“, sagt der Sprecher der Landtagsverwaltung, Rainer Liesegang der Morgenpost. „Die meisten kamen im August, Oktober und November.“
Die Kritik des Schlösserchefs an der Stadt erklärt nicht die Besucherrückgänge in anderen märkischen Schlössern. Die Stiftung will dort in der kommenden Saison eine Umfrage unter den Gästen starten und plant zahlreiche neue Ausstellungen, um mehr Besucher anzulocken.





