Eigener Garten

Brandenburger Verein bietet Mietbeete für gestresste Städter

Viele Berliner haben keinen Platz oder keine Zeit für einen eigenen Garten. In der Nähe von Fürstenwalde können sie ein Beet mieten und eigenes Obst und Gemüse anbauen. Die Pflege wird übernommen.

Foto: A3919 Lukas Barth / dpa

Wenn Arne Ihm vom guten Aroma der Roten Apothekerrose schwärmt oder eine besondere Physalis-Sorte empfiehlt, die violette Früchte trägt und gut zu Fisch passt, kommen seine Zuhörer aus dem Staunen nicht heraus. Der studierte Landschaftsgärtner führt Besucher durch das drei Hektar große Gelände der ehemaligen Schlossgärtnerei von Steinhöfel bei Fürstenwalde, lässt sie dabei vom japanischen Wasserpfeffer oder von nach Lakritze schmeckenden Studentenblumen kosten. Der regionale Verein LandKunstLeben betreibt seit 2003 den Garten und setzt dabei vor allem auf alte, fast vergessene Sorten Gemüse, Obst, Blumen und Kräuter. Inzwischen hat sich der Verein einen Namen gemacht, nicht zuletzt, weil hier nicht nur gestaunt und probiert werden kann.

Zahlreiche Pflanzen werden dort für den heimischen Garten angeboten, es kann mit Zutaten aus der Gärtnerei in Kursen gekocht werden, und wer will, kann für 100 Euro selbst ein 2,5 mal 2,5 Meter großes Beet mieten. Auf einem frisch bestellten Areal haben Vereinsmitglieder gemeinsam mit jungen Freiwilligen aus den USA, Tschechien und Deutschland 42 Beetparzellen angelegt. Mit Unterstützung von Hobby-Gärtnerinnen aus den umliegenden Dörfern und unter dem Motto „Wir beeten für sie“ bepflanzen und pflegen sie die Beete im Auftrag der Mieter.

Mieter freuen sich auf Mußestunde am Beet

Monatlich gibt es für den Paten ein Foto vom Fortschritt seines Gartenbeetes, und im Sommer sind alle Paten eingeladen zum Festessen aus Zutaten von den Beeten. Salat- und Kohlrabipflänzchen sind frisch in die Erde gebracht, Petersilie und Wicken ausgesät, Blumen-Zwiebeln und Bohnen gelegt. „Die meisten unserer Beetmieter sind Städter, die keinen Platz oder keine Zeit für einen eigenen Garten haben, aber Wert auf ökologischen Anbau legen“, erzählt Arne Ihm von der Aktion, die aktuell zum vierten Mal läuft.

Die nicht winterharten Pflanzen warten noch im Gewächshaus, bis die Eisheiligen durch sind. Eine Ausnahme unter den Beetmietern bildet die Fürstenwalderin Sabine Niels. Die Brandenburger Landtagsabgeordnete der Grünen und alleinstehende Mutter von drei Kindern hat selbst kaum noch Zeit für einen eigenen Garten, möchte Kräuter und Salate aus quasi eigenem ökologischen Anbau nicht mehr missen und ihr Beet auch selbst pflegen. Getrockneten Salbei aus dem vergangenen Jahr hat sie noch immer in ihrer Küche. Und sie freut sich auf Mußestunden an ihrem Beet. Wenn sie mit Kaffee und belegten Brötchen hier einen entspannten Tag verlebt.

Berliner holen Obst und Gemüse aus dem eigenen Beet

„In den vergangenen Jahren habe ich viel ausprobiert. Diesmal habe ich mir für mein Mietbeet gezielt Sachen ausgesucht, die ich gern esse – Blüten der Gartenkresse, Bohnenkraut, Ruccola-Salat, der das ganze Jahr über nachwächst und eine spezielle Blumensorte, aus der sich hervorragender Tee machen lässt“, erzählt Sabine Niels und schwärmt von „dieser besonderen Gemeinschaft“ in der alten Schlossgärtnerei von Steinhöfel. Die Idee, gestaltete Beete zu vermieten, ist nicht neu, sagt Vereinsmitglied Christine Hoffmann.

Gerade in Großstädten wie Berlin wachsen Angebote wie diese, damit Nutzer Obst und Gemüse aus eigenem Anbau ernten können. Parzellen und fachkundige Anleitung gibt es unter anderem in Rudow, Wartenberg und sogar auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof. Im Land Brandenburg aber ist das Angebot bisher einmalig, so der Landesverband Gartenbau.

„Vor alle unser Rundum-Sorglos-Paket gibt es sonst nirgendwo“, sagt Landschaftsgärtner Ihm. Mehr als die Hälfte der speziellen Beete ist bereits vermietet, zumeist an „Wiederholungstäter“, die gute Erfahrungen mit ihrem Beet gemacht haben. Von bunten Beetteppichen ist man in Steinhöfel allerdings noch weit entfernt – aufgrund des langen Winters ist noch nicht viel Grün geschweige denn eine Blüte zu sehen.

Besucher strömen in Scharen in die Gärtnerei

„Wir sind etwa drei Wochen später dran als sonst. Trotzdem geht der Rest der Beete heute noch weg“, gibt sich Ihm angesichts eines traumhaften Frühlings-Sonntags optimistisch. Es herrscht Ausflugswetter und die Besucher strömen in Scharen auf das Gärtnereigelände im Schatten des Schlosses Steinhöfel.

Viele kaufen Pflanzen, begutachten den Kräutergarten und blühende Apfelbäume oder genießen einfach ein Picknick auf der mitgebrachten Decke. „Das ist der Grundansatz unseres Vereins: Wir wollen die Leute rauslocken aus der Großstadt, auf´s Brandenburger Land, auch wenn sie selbst keine Hacke oder Gießkanne in die Hand nehmen müssen“, erläutert Hoffmann, der jene Beetmieter am liebsten sind, die ihr Stückchen Erde auch wirklich nutzen. Sie nennt es ein Lebenskonzept, auf dem Land zu leben, „weil sich Menschen hier viel näher kommen, als in der anonymen Großstadt“.

Der Verein trete den Beweis an, dass es sich im ländlichen Brandenburg gut leben lasse, „ohne dass man verblödet oder rechtsradikal wird“, sagt die leidenschaftliche Gärtnerin. Der Slogan „Wir beeten für Sie“ bedeutet ihren Angaben nach, sich dafür so richtig reinzuknien. Der Verein veranstaltet zudem jedes Jahr ein Kunstprojekt. Im vergangenen Jahr wurden Besuchern Einwegkameras in die Hand gedrückt. Aus den so gemachten Aufnahmen entstand anschließend ein Fotoroman. Das Gestalten der Beete mit alten Nutzpflanzen und essbaren Blüten wie Dahlien oder Rosen sei auch eine Kunst, meint Hoffmann.

Berliner sind von den Mietbeeten begeistert

Die 30 Vereinsmitglieder sind ihren Angaben Leute aus der Region um Steinhöfel, ehemalige Städter, die hierher auf´s Land zogen sowie Künstler aus ganz Deutschland. Zu den Besuchern gehört auch Lars Wendtland aus Brieskow-Finkenheerd, der mit Freunden hier verabredet ist. Von der Aktion „Wir beeten für sie“ hört er dabei zum ersten Mal und ist sofort begeistert. „Die Idee ist toll, wenn man sich selbst nicht groß kümmern muss und keinen grünen Daumen hat“, sagt er. Vor allem ausgesuchte Kräuter haben es Wendtland angetan.

Auch Jarg und Ulrike Bergold aus Berlin liebäugeln mit einem Mietbeet. „Wir haben zwar zu Hause einen kleinen Garten, aber nur mit Blumen, die nicht so aufwendig in der Pflege sind“, erzählen sie. Da beide aber gern Gemüse essen, „das auch noch einen Eigengeschmack“ hat, würden sie gern unterschiedliche Tomatensorten sowie Artischocken und Mangold auf ihr Beet ins Steinhöfel pflanzen lassen. „Zur Ernte kommen wir bestimmt“, versprechen sie. Doch selbst das sei bei beruflich stark eingebundenen Menschen ein Problem, erzählt Ihm: „Wir haben auch schon einen Sammeltransport nach Berlin gemacht, um unseren Beetmietern den Ertrag ihres Fleckchens von Brandenburg zu bringen.“