Konzentriert blickt Robert Mündel auf die drei Monitore vor ihm. Sie zeigen Tabellen, Diagramme sowie ein Schwarz-Weiß-Bild mit eigenartig krummen Linien und schraffierten Flächen. „Das sind Aufnahmen aus den Gesteinsschichten zwei bis zweieinhalb Kilometer unter uns“, erklärt der Geophysiker.
Mit seinem Messwagen steht er an einem Feldrand in der Nähe von Friedland (Landkreis Oder-Spree). Von hier aus steuert der Fachmann der Leipziger Firma Geophysik über Funk die Messungen, die in drei monströsen Fahrzeugen mit Monstertruck-Reifen vorgenommen werden.
Die ungewöhnlichen weißen 20-Tonner zuckeln in drei Kilometer Entfernung über ein Feld, entlang vorher abgesteckter Messlinien. Im Abstand von jeweils 48 Metern senden diese überdimensionalen Vibratoren Schallwellen in den Boden. Sensoren, sogenannte Geophone, die mit jeweils 16 Meter Abstand in der Erde stecken, messen die vom Gestein reflektierten Wellen.
Daraus entsteht ein Querschnitt des Untergrundes, der in Schwarz-Weiß auf dem Monitor von Mündel sichtbar wird.
„Erkennbar sind geologische Strukturen, Veränderungen der Dichte, Brüche in den Schichten“, erläutert Daniel Günther, technischer Leiter dieser seismischen Untersuchungen, die 30 Mitarbeiter der Leipziger Firma im Auftrag des Münchner Erdgasunternehmens Bayerngas durchführen.
Dieses hat für diese Untersuchungen eine Genehmigung des Brandenburger Landesbergbauamtes erhalten. In einem etwa 400 Quadratkilometer großen Gebiet östlich von Beeskow laufen Erkundungen. Sie sollen Aufschluss darüber geben, wie viel Erdgas in etwa 2500 Meter Tiefe, eingelagert in eine Sandsteinschicht, dort schlummert. Dass es diesen Bodenschatz gibt, ist bereits seit DDR-Zeiten bekannt. „Wir nutzen diese Messlinien, haben sie noch stärker lokalisiert und verdichtet“, sagt Günther.
Brennstoffpreise steigen
Die Leipziger Firma hat Erfahrung auf dem Gebiet. Geophysik erkundete bereits die Kupfer-Schiefer-Vorkommen in der Lausitz. In den 60er- und 80er-Jahren gab es rund um Beeskow seismische Untersuchungen und Erkundungsbohrungen in der potenziellen Gaslagerstätte, natürlich mit weniger ausgeklügelter Technik. Eine Förderung des Erdgases schien damals unrentabel. Inzwischen aber haben sich die Preise für fossile Bodenschätze drastisch erhöht, sodass das Gebiet in Ostbrandenburg wieder attraktiv erscheint.
Und so sind die Bayern längst nicht die Einzigen, die sich für die Gegend interessieren. Seit dem vergangenen Herbst laufen Erdöl-Probebohrungen der kanadisch-deutschen Firma Central European Petroleum GmbH (CEP) rings um den Schwielochsee. Rings um Beeskow ist die Sache problematischer. Es gibt erhebliche Widerstände in der Bevölkerung. Aufgeschreckt durch die Pläne des Energiekonzerns Vattenfall, in eben jenen Gesteinsschichten den bei der Braunkohleverstromung anfallenden Klimakiller Kohlendioxid unterirdisch zu lagern, begegnen Anwohner jeglichen Plänen für Eingriffe in den Untergrund mit Misstrauen und Ablehnung.
Zwar ist das Vorhaben Vattenfalls vorerst gescheitert. Doch die Bürger der betroffenen Region bleiben wachsam. Das bekam auch das britische Unternehmen Celtique Energie zu spüren, das für seine Pläne zur Erkundung von Erdöl- und Erdgasvorkommen zwischen Frankfurt, Eisenhüttenstadt und Müllrose zwar ebenfalls eine Lizenz des Landesbergbauamtes hat, aufgrund der Ablehnung der betroffenen Gemeinden und Flächeneigentümer jedoch nicht vorankommt. Da helfen auch in Aussicht gestellte neue Arbeitsplätze und üppige Steuereinnahmen für die Gemeinden nichts.
Ängste ausgeräumt
„Am Anfang hatten wir auch zu kämpfen mit diesen Vorbehalten. Inzwischen sind viele Bürger allerdings überzeugt davon, dass die Erdgasförderung einen Aufschwung für die Region bringen könnte“, erzählt Steffen Ernst von Geophysik. Zahlreiche Infoveranstaltungen mit Kommunalpolitikern und Anwohnern hätten allmählich zu einem Umdenken geführt, glaubt er. Zumal das Unternehmen habe glaubhaft machen können, dass die ersten Erkundungen die Umwelt nicht gravierend beeinträchtigt hätten und Naturschutzgebiete sowie möglichst auch Ortschaften von Anfang an ausgeklammert worden seien.
„Um Flora und Fauna nicht zu schädigen, werden diese Messungen ja vor Beginn der neuen Vegetationsperiode und Brutzeit gemacht“, erläutert Günther. Abgesehen von dem Motorenlärm und den Schallwellen der Vibratoren, die der Beobachter auch in 50 Meter Entfernung noch spürt, gebe es keine Störungen. Wo die großen Fahrzeuge mit ihren Monsterreifen Schäden hinterlassen, würden an die Eigentümer der jeweiligen Fläche Entschädigungen gezahlt, sagt er.
Eine größere Akzeptanz für die Pläne in der Region kann auch Beeskows Bürgermeister Frank Steffen bestätigen. „Bayerngas war mit seinen Plänen von Beginn an sehr transparent“, lobt er. Vor allem Ängste, die gesammelten seismischen Daten könnten später doch noch für eine spätere Co2-Speicherung genutzt werden, hätten glaubhaft ausgeräumt werden können. Steffens Vorschlag, für das Vorhaben der Münchner eine Art Begleitgremium aus Vertretern von Bayerngas, der betroffenen Kommunen, von Verbänden und Institutionen zu schaffen, wurde von dem Unternehmen dankbar aufgegriffen. Inzwischen gibt es zudem ein Kontakt- und Infobüro von Bayerngas in Beeskow. „Viele Bürger heizen ihre Eigenheime selbst mit Erdgas und sind inzwischen einsichtig, dass dieser Rohstoff ja irgendwo herkommen muss“, sagt der Bürgermeister. Auch der Umstand, dass es sich bei Bayerngas nicht um ein börsennotiertes, undurchsichtiges Unternehmen aus dem Ausland handelt, sondern um eine von den Münchner Stadtwerken getragene Firma, habe eine Rolle gespielt, sagt er.
Probebohrungen im Sommer
In gewisser Weise will Beeskow von den Bayerngas-Aktivitäten auch profitieren. Trägt sich die Kreisstadt von Oder-Spree doch schon seit Jahren mit dem Gedanken, Erdwärme zum Heizen zu nutzen, um von externen Energielieferanten unabhängiger zu sein. „Vor zwei Jahren beantragt, haben wir seit Kurzem die Erlaubnis des Landesbergbauamtes, unsere Region geothermisch zu untersuchen. Möglicherweise können wird die jetzt gesammelten Daten dafür nutzen“, sagt Steffen. Das werde gegenwärtig juristisch geprüft.
Die eigentliche Auswertung der von den Leipziger Geophysikern gesammelten Daten macht nach Abschluss der Arbeiten Mitte März eine andere Spezialfirma. Sind die Ergebnisse vielversprechend, will Bayerngas im Sommer mit den ersten Probebohrungen beginnen. Diese werden laut Günther erfahrungsgemäß mindestens ein halbes Jahr lang dauern. „Schließlich muss man mit dem Bohrer ja in mindestens zwei Kilometer Tiefe kommen.“ Erst danach entscheide Bayerngas, ob in dem untersuchten Gebiet tatsächlich auf konventionelle Art Erdgas gefördert werden wird. Vermutet werden in dem Erkundungsfeld mehr als fünf Milliarden Kubikmeter Erdgas.



